Buchstaben zum Anfassen und Ausmalen

5. September 2008, 19:08
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In der Grazer Kultusgemeinde lernen schon Dreijährige die hebräische Schrift - Dass die Schüler so jung sind, hat eine lange Tradition - Den Zwillingen Marco und Federico macht es jedenfalls Spaß

Graz - Marco und Federico leben in Graz und sind vier Jahre alt. Sie lernen schon seit einem Jahr hebräisch sprechen und auch schreiben. Der Sprachunterricht der Zwillingsbrüder ist Teil ihres Religionsunterrichts in der Israelitischen Kultusgemeinde. Denn wer nicht Hebräisch kann, kann die Tora nicht lesen und keine Gebete verstehen. Lesen ist unerlässlich für die Ausübung der Religion.

Das Denken und Sprechen in verschiedenen Sprachen wurde den Buben in die Wiege gelegt: Ihre Mutter Sandra kam vor 20 Jahren aus Italien nach Graz - der Liebe zum Vater der beiden wegen. Zuhause wird Italienisch und Deutsch gesprochen - und neuerdings auch ein bisschen Hebräisch: "Mama sagt ,leone'", sagt Sandra beim Besuch im Klassenzimmer der Kultusgemeinde zu ihren Söhnen, und fragt dann: "Papa sagt?" "Löwe" sagt Federico leise. "Und Aaron sagt?", fragt Sandra weiter. "Arie", glucksen beide.

Honigsüße Schrift

Aaron ist der Lehrer der Zwillinge und von etwa fünf anderen Kindern und Jugendlichen - die Zahl seiner Schüler variiert jährlich. Er nennt die beiden liebevoll Fedele und Marcole und lässt sie an diesem Tag bunte Schaumstoff-Schablonen der hebräischen Schriftzeichen ausmalen. Die Formen helfen ihnen, mit den Schnörkeln etwa von Aleph, Beth oder Gimel, wie die ersten drei Buchstaben des Alphabets heißen, vertraut zu werden. Auch Malbücher mit kleinen Wortspielen kommen bei ihnen gut an. "Am Anfang habe ich versucht, ihnen die Buchstaben auf die Tafel zu schreiben, aber das schaffen sie noch nicht", erzählt Aaron, "die Formen helfen ihnen und machen mehr Spaß". Schrift zum An- und Begreifen haben im Hebräischunterricht Tradition: Früher war es sogar üblich, Buchstaben zu backen und mit Honig zu bestreichen. Die naschenden Schüler waren schon im Mittelalter oft erst vier Jahre alt.

Sandra begann nach dem Tod ihrer Mutter vor acht Jahren, die "gewöhnungsbedürftigen Schriftzeichen" zu erlernen. Damals wurde ihr schmerzlich bewusst, dass mit ihrer Mutter ein Teil ihrer eigenen Identität, nämlich der jüdische, verlorenging: "Also begann ich zu praktizieren". Seit der Wiedererrichtung der 1938 von den Nazis niedergebrannten Grazer Synagoge im Jahr 2000 gibt es auch wieder einen Platz dafür. Marco und Federico waren nach 60 Jahren die ersten Buben, die in der Grazer Synagoge beschnitten wurden. Sandra kann bereits Gebete lesen, und "das ist das Wichtigste" für sie.

Spannenden Lesestoff gibt es in der Kultusgemeinde jedenfalls: Ein Kasten im Klassenzimmer ist voll mit alten Gebetbüchern aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Einige enthalten Kommentare auf Jiddisch, das ebenfalls in hebräischen Lettern geschrieben wird. Und vielleicht können Federico und Marco irgendwann die fünf Bücher Mose in den vorbeiziehenden Wolken lesen. Sieht man nämlich durch die Glaskuppel der Grazer Synagoge in den Himmel, kann man die Tora auszugsweise auf dem Glas entziffern. (Colette M. Schmidt, Der Standard Print-Ausgabe, 6./7.9.2008)

 

 

  • Ingrid und Jörg Mayr achteten bei der Planung der Grazer Synagoge auf die Bedeutung der Schrift für die jüdische Religion.
    harry schiffer

    Ingrid und Jörg Mayr achteten bei der Planung der Grazer Synagoge auf die Bedeutung der Schrift für die jüdische Religion.

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