Wider die Salamitaktik

5. September 2008, 18:20
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Die Anzahl von Publikationen bestimmt immer stärker die Karriere von Forschern, aber auch den Stellenwert von Unis, d. Der Schreibdruck in der Wissenschaft wächst - ein Wiener Forscher schlägt nun Gegenstrategien vor

Wien - Publish or perish! Veröffentliche oder verschwinde! Die Wissenschaft ist eines jener Berufsfelder, in dem der Zwang zum Schreiben besonders ausgeprägt ist. Und der Schreibdruck für die Forscher wächst weiter: Mehr denn je entscheiden Publikationen in möglichst angesehenen Fachzeitschriften über die Karrierechancen - und in diese Top-Zeitschriften "hineinzukommen", ist ein beinharter Wettbewerb.

Gemessen wird das Ansehen mit dem sogenannten Impact-Factor: Er gibt an, wie oft andere Zeitschriften einen Artikel aus ihr in Relation zur Gesamtzahl der dort veröffentlichten Artikel zitieren. Je höher dieser Faktor, desto einflussreicher und wichtiger die Fachzeitschrift.

Die großen zwei

Angeführt wird die Rangliste der Zeitschriften seit Jahren von zwei Journalen: dem US-Wissenschaftsmagazin Science und seiner britischen Schwester Nature. Beide Magazine, die zu den wenigen gehören, die alle Forschungsfelder abdecken, haben Impact-Faktoren rund um die 30. Zum Vergleich: Die Wiener klinische Wochenschrift bringt es nicht einmal auf den Wert eins; die US-amerikanischen Proceedings of the National Academy of Science (PNAS) kommen auf knapp zehn. Nur die molekularbiologische Fachzeitschrift Cell kann noch mit den großen Zwei mithalten.

In Cell, Nature oder Science zu veröffentlichen ist daher einer der besten Qualitätsnachweise für hervorragende Forschung - was sich entsprechend im Postfach der Redaktionen niederschlägt. Jenes von Science zum Beispiel wird jährlich von rund 15.000 Einreichungen jährlich "überschwemmt". Nur die wenigsten der eingesandten Artikel werden auch abgedruckt: Nur rund ein Viertel schafft es laut Science-Mitherausgeber Jürgen Sandkühler in die der Veröffentlichung vorgeschalteten Begutachtung (das sogenannte "Peer Review"), und davon schaffen es wiederum rund 20 Prozent in die Zeitschrift.

Nature hat laut eigenen Angaben Platz für rund zehn Prozent der 170 pro Woche eingereichten Arbeiten. Im Jahr 2007 standen sogar 10.332 Einreichungen nur 808 veröffentlichte Arbeiten gegenüber - 7,82 Prozent erschienen demnach im Blatt. Im Gegensatz zur Zeitschrift Science, die neben den hauptberuflichen Herausgebern ein wissenschaftliches Herausgeberteam mit Forschern aus der Praxis u. a. zur Beurteilung der Relevanz der Arbeiten berufen hat, entscheiden bei Nature die Herausgeber, welche Arbeiten für eine breite Leserschaft interessant sein könnten und begutachtet werden.

Der Neurophysiologe Sandkühler, der in seinem Hauptberuf das Zentrum für Hirnforschung an der Medizinischen Universität Wien (MUW) leitet, schlägt aufgrund dieses Überangebots an Artikeln auch ein grundsätzliches Umdenken beim Veröffentlichen aus - frei nach dem Motto "Weniger ist mehr". "Wir haben viel zu viele Publikationen, die unnötig sind", so Sandkühler, "und wenn wir nicht mehr an der Zahl der Publikationen gemessen würden, sondern an der Qualität der Daten", dann würde das auch den Forschern Vorteile bringen: Die Zitierhäufigkeit ihrer Arbeiten würde steigen.

Qualität statt Quantität

Es gebe so viele Zeitschriften, aber auch Fächer und Fachbereiche, dass man die Qualität der publizierten Arbeiten kaum mehr einschätzen könne. Der einzelne Wissenschafter, der Gutachter oder das Berufungskomitee an der Uni sei aufgrund eigener Erfahrungen kaum mehr imstande, das derzeitige Ansehen einer Zeitschrift zu beurteilen.

Sandkühler sieht im Prinzip kein Problem, die Forscher dazu zu bringen, von der publizistischen Salamitaktik abzubringen: Man könne dieses Verhalten ganz leicht steuern, indem nicht der gesamte Impact-Faktor aller Publikationen herangezogen werde, sondern vielmehr nur jener "der drei, vier besten Arbeiten" - was zudem den wissenschaftlichen Magazinmarkt bereinigen würde. (tasch, APA/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6./7. 9. 2008) 

  • Bei den Top-Magazinen "Nature" und "Science" werden jährlich mehr als
10.000 Manuskripte eingereicht. Die meisten Artikel erscheinen dann
anderswo - mit geringerem Impact-Factor.
    foto: regine hendrich

    Bei den Top-Magazinen "Nature" und "Science" werden jährlich mehr als 10.000 Manuskripte eingereicht. Die meisten Artikel erscheinen dann anderswo - mit geringerem Impact-Factor.

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