Gekommen um zu bleiben

9. September 2008, 15:41
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Adrian kommt aus Malaga und studiert seit einem Jahr in Österreich - derStandard.at sprach mit ihm über spanisches Essen, burgenländischen Akzent und billige Opernkarten

Als Adrian vergangenes Jahr für sein Erasmussemester aus dem südspanischen Malaga nach Wien gekommen ist, konnte er nicht viel mehr als „Auf Wiedersehen“ sagen. Mittlerweile kann sich der 27-jährige Student gut verständigen und hat vor in Wien zu bleiben. "Für immer", sagt er, dann lacht er und fährt fort: "Naja, zumindestens für die kommenden Jahre."

Keine Erwartungen, keine Enttäuschungen

Während des Semesters verbringt Adrian seine Tage am Konservatorium, wo er Komposition und Klavier studiert. Nebenbei nutzt er das kulturelle Angebot der Stadt intensiver als der Durchschnittswiener.  "Bevor ich hergekommen bin, habe ich nichts über Österreich gewusst. Meine Assoziationen waren kaum mehr als 'Musik, Mozart und Oper'. Nachdem ich keine konkreteren Erwartungen gehabt habe, konnte ich auch nicht enttäuscht werden."

Wien hat Adrians Erwartungen erfüllt. "Wien ist wunderschön und es gibt hier so viele Konzerte." Im Durchschnitt gehe er einmal die Woche auf ein Konzert erzählt er. Um zwei Euro bekomme man Stehkarten für die Oper, solche Preisen könne man sich auch als Student leisten. Ein Highlight des Jahres ist für Adrian das Musikfestival "Wien modern", das im November stattfindet. "Das ist unglaublich. Es gibt jeden Tag Konzerte im Musikhaus, Musikverein und so weiter. Zu der Zeit sind wir alle jeden Tag bei Konzerten."

Schnitzel, Musikverein und Akzent

Typisch Österreichisch ist für ihn "el Schnitzel, el Musikverein" und der und der hiesige Zungenschlag, der sich teils drastisch von der Schriftsprache unterscheidet. Wobei er in Wien keine Probleme habe, die Leute zu verstehen. Schwieriger wirds da am Land: bei einem Ausflug ins Burgenland musste Adrian bezweifeln, diese Sprache je gelernt zu haben.

Österreichische Freunde hat er nach einem Jahr noch immer wenige. "Am Konservatorium fast studieren nur Ausländer, meine Freude hier kommen von überall her." Außerdem sei es während des Austauschsemesters meistens so, dass man viel Zeit mit anderen Erasmusstudenten verbringe. Die Österreicher die er kennt, sind seine Professoren, seine Sprachschüler und Freunde und Freundinnnen von Freunden.

Ernst und fleißig

"Extrem ernsthaft, sehr fleißig und mit einem speziellen Sinn für Humor ausgestattet" war sein erster Eindruck der Österreicher. Mittlerweile sieht er das differenzierter. "Viele Österreicher sind ernst, aber nicht alle so ernst, wie ich dachte. Sie sind fleißig, aber nicht alle ganz so fleißig wie ich dachte", sagt er. Dass in Österreich die Uhren anders ticken, als in seiner Heimat, muss Adrian immer wieder feststellen: "Das einzige was ich nie verstehen werde, ist wie es möglich sein kann, dass am Wochenende alle Geschäfte geschlossen haben."

Fragt man ihn, was er an Spanien am meisten vermisst, ist die Antwort eindeutig: Das Essen. Das viele Fleisch der österreichischen Küche schlägt ihm auf den Magen. "Andererseits gibt es eine große Vielfalt an Restaurants in Wien, in denen man die Küche aus aller Herren Länder genießen kann." Allerdings kocht er meistens ohnehin selbst und bringt das Essen auf die Uni mit. Seit er hier ist, hat er gerlernt zu sparen. Die Privatuniversität muss bezahlt werden und das steht für ihn im Vordergrund. Die Kosten rechnen sich auch: "Das Konservatorium ist nicht teuer", findet er. Eine vergleichbare Ausbildung in Spanien würde ihn mehr kosten. (Sophie Preisch, derStandard.at, 10.9.2008)

Erasmus Incomings in Österreich:

Insgesamt kamen im Studienjahr 2005/06 3.735 Erasmus Studierende nach Österreich (zugleich studierten 3.971 Studierende österreichischer Hochschulen mit Erasmus ein oder zwei Semester im Ausland).

Hauptherkunftsländer:
Deutschland – 472 Studierende
Frankreich - 391
Spanien - 368
Polen - 293
Tschechien - 280
Italien - 275
Finnland - 270
Ungarn - 156
Schweden - 136
Türkei - 125
Vereinigtes Königreich - 118
Niederlande - 109
Belgien - 100
Slowenien - 88
Griechenland - 83

Die Betreuung der Erasmus Incomings übernehmen die Hochschulen selbst, es finden Welcome Events, Ausflüge, Infoveranstaltungen, Führungen etc. statt, oftmals auch im Rahmen von Buddy Systemen. Das alles ist aber natürlich stark abhängig von den Ressourcen an der jeweiligen Uni, FH oder PH.

Informationen:

Nationalagentur Lebenslanges Lernen
www.lebenslanges-lernen.at

  • Adrian vor der Staatsoper. "Um zwei Euro bekommt man ein Ticket für einen Stehplatz", erzählt er. So kann er das kulturelle Angebot nutzen, ohne zu tief in die Tasche greifen zu müssen.

    Adrian vor der Staatsoper. "Um zwei Euro bekommt man ein Ticket für einen Stehplatz", erzählt er. So kann er das kulturelle Angebot nutzen, ohne zu tief in die Tasche greifen zu müssen.

  • Adrian (rechts) mit Freunden beim feiern in einem Irish Pub, einem der Lokale, die bei internationalem Publikum besonders beliebt sind.

    Adrian (rechts) mit Freunden beim feiern in einem Irish Pub, einem der Lokale, die bei internationalem Publikum besonders beliebt sind.

  • Am Arbeitsplatz: Während des Semesters ist Adrian meist von neun Uhr morgens bis 18 Uhr am Konservatorium in der Innenstadt.

    Am Arbeitsplatz: Während des Semesters ist Adrian meist von neun Uhr morgens bis 18 Uhr am Konservatorium in der Innenstadt.

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