"Antizyklisch in die Offensive"

6. September 2008, 17:00
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Warum Unternehmens- leiter nicht reflexartig beim Personal deinvestieren sollten und welche Kosten ein "Rasenmäher-Prinzip" - Günther Tengel im Interview

STANDARD: Erst in dieser Woche hat die OECD die Wachstumserwartung 2008 für die Eurozone auf 1,3 Prozent nach unten revidiert. Der "Downturn" ist Tagesthema. Was spielt sich in den Unternehmen ab?

Tengel: Es werden viele Projekte jetzt auf "hold" gestellt. Es werden auch Kapazitäten in den Human Resources zurückgefahren. Aber das sind überwiegend Emotionen. Unternehmen tun es, weil die anderen es auch tun - oder drüber reden. Das ist wie ein Pawlow'scher Reflex in den Unternehmensleitungen: sich auf die vermeintlich sichere Seite stellen. Und mit dem Rasenmäher drüberfahren.

STANDARD: Aber die Konjunktur geht schwächer ...

Tengel: Ja, aber ich sehe teilweise reines Gehen mit den Lemmingen - in Bereichen, in Unternehmen, die von den Auswirkungen der Subprime-Krise, von den Rohstoffpreisen nicht oder kaum betroffen sind. Österreich ist in einer regional guten Position. Die Auftragsbücher sind voll. Wir müssen wirklich aufpassen, dass wir uns nicht in eine Selffulfilling Prophecy hineinreden.

STANDARD: Bemerken Sie im Hiring, im Recruiting eine Trendwende?

Tengel: Nein. Die Trends sind da, nämlich erstens schnell zu switchen und sich viel Spielraum zu verschaffen. Verträge für CEOs von nur einem Jahr sind nicht mehr selten. Zweitens werden die Stellenprofile noch einmal deutlich enger, das heißt Unternehmen wollen multifunktionale Leute - fachlich wie im Sozialprofil. Drittens erfolgt die Personalauswahl und das Recruiting noch selektiver; einerseits findet Upgrading statt, andererseits wird gekündigt. Diese Trends waren schon da, sie werden nur in flacherer Konjunktur schlagender.

STANDARD: Personalabbau füllt aber jetzt wieder deutlich mehr Platz in den Wirtschaftsseiten ...

Tengel: Nach dem Boom ist vor dem Boom. Unternehmen ernten sehr, sehr oft die Früchte des zyklischen Verhaltens: Mangel an Facharbeitern und Mangel an Managementkapazität. Erst werden alle rausgeschickt, vier Jahre später wieder händeringend gesucht. Marktanteilsverluste müssen dann wieder teuer zurückgewonnen werden. Personalabbau kostet oft doppelt: erst beim Abbau und den Abfederungen, dann wieder im Recruiting, in der Retention.

STANDARD: Ein Plädoyer für antizyklisches Agieren?

Tengel: Ja. Für eine Offensive. Gute Unternehmensführung zeigt sich im Managen von schwierigeren Phasen. Und das bedeutet meistens, es anders zu machen, als es der Markt macht. Das erfordert Mut - aber bloß in die Fußstapfen anderer Leute zu treten ermöglicht kein Überholen.

STANDARD: Was ist jetzt von den Kapitänen gefragt?

Tengel: Mut und Commitment zu den Mitarbeitern zu zeigen, statt reflexartig beim Personal zu deinvestieren. Jetzt geht es um Werte. Und ich rede hier nicht von einer Sozialromantik - es wird ohne Kündigungen in Konjunkturzyklen nicht gehen. Ich rede gegen das Rasenmäher-Prinzip. Schwierigere Zeiten eignen sich hervorragend dafür, Stärke zu zeigen und Loyalität und diese auch einzufordern. (Karin Bauer/DER STANDARD/Printausgabe, 6./7.9.2008)

Zur Person
Günther Tengel ist geschäftsführender Gesellschafter Jenewein & Partner, Amrop Hever. Er hat selbst 2002 im Konjunkturtief die Personalberatung gekauft, ausgebaut und regionalisiert.

  • Sieht "Pawlow'sche Reflexe" in den Unternehmensleitungen, sobald über
schwächere Konjunkturaussichten geredet wird: Günther Tengel warnt vor
dem "Gehen mit den Lemmingen". Mit Tengel sprach Karin Bauer. 
    foto: jenewein & partner

    Sieht "Pawlow'sche Reflexe" in den Unternehmensleitungen, sobald über schwächere Konjunkturaussichten geredet wird: Günther Tengel warnt vor dem "Gehen mit den Lemmingen". Mit Tengel sprach Karin Bauer. 

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