Poetische Präsente der Mädchensehnsucht

5. September 2008, 17:14
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Die Währungen auf dem Liebesmarkt sind Schmuck oder Drinks - Oder wohlgesetzte Worte - Diese ist auf lange Sicht die beste Investition - Von Peter Turrini

Ab dem 13. Lebensjahr machte ich meine ersten Erfahrungen am Liebesmarkt, und die waren für mich nicht sehr günstig. Die Kulisse, in der sich dieser betrübliche Einstieg abspielte, war ein Kärntner Dorf der 50er-Jahre des vorigen Jahrhunderts. Ich starrte das Objekt meiner frühen Begierde, eine bäuerliche Nachbarstochter, mit hochrotem Kopf an und brachte kein Wort heraus. Meine Freunde waren erfolgreicher: Sie drückten einen Ring aus dem Kaugummiautomaten, steckten ihn in die noble Schachtel, in der sich die Eheringe ihrer Eltern befunden hatten, und schenkten das Ganze der Angebeteten. Ein anderer leerte einen billigen Stroh-Rum in eine Whiskeyflasche um und lud das Mädchen auf einen "Drink" ein. Auch ich griff zu Hochgeistigem: Ich verfaßte Liebesgedichte und ließ sie der Auserwählten auf vielseitige Weise zukommen. Ich steckte das Elaborat während der Schulfahrt in ihre Schultasche, ich bat ihre ältere Schwester um Weitergabe, oder ich wickelte einen Bazooka-Kaugummi mit einem Gedicht ein und legte das poetische Präsent auf die Fensterbank des Zimmers in ihrem elterlichen Wohnhaus. Der Erfolg war gleich null.


Vor einigen Jahren habe ich solche frühen Ergüsse auf dem Dachboden meines Familienhauses gefunden. Die meisten waren von irgendwo abgeschrieben und um ein paar eigene Zeilen erweitert. Wäre ich damals eine fesche Nachbarstochter gewesen, ich hätte mich auch nicht genommen. Es war ja nicht so, daß die Mädchen nicht mit mir geredet hätten, im Gegenteil, sie erzählten mir alles: Welche argen Sachen der Fredi zu ihnen gesagt hatte, und daß der Hansi versucht hatte, sie zu küssen. Als ich mich für diese Rolle anbot, schauten sie mich verwundert an und wechselten das Thema. Getrieben haben sie es immer mit den anderen. Aber was hieß damals schon "treiben" ? Man ging miteinander, spielte auffallend oft Federball, wagte einen Kuß, wußte dabei nicht wohin mit der Zunge und legte, wenn man miteinander am Waldrand saß, ganz vorsichtig die Hand auf ihren Busen. Sie mußte die Hand wegtun, man legte sie wieder auf den Busen, und das ging dann 15mal so hin und her.


Das klingt, als hätte ich doch so meine Erfahrungen gemacht, aber in Wahrheit passierte die soeben beschriebene Szene in meinem damaligen Leben nur einmal. In meiner zunehmenden Mädchensehnsucht und Einsamkeit mußte ich eine Methode finden, mit der ich auch zu etwas kommen würde. Ich dachte mir Liebesszenen aus. In meiner Phantasie, in meiner Ausdenkung, die immer eine dialogische war, sagte ich zur Nachbarstochter, daß ich sie über alles lieben würde, und daß meine Absichten rein seien, im Unterschied zum argen Fredi. Sie fiel mir um den Hals, küßte mich ab und sagte, daß sie auf den einen Reinen schon immer gewartet hätte. Und so weiter und so fort.
Im Laufe der Jahre sind meine Ausdenkungen realistischer geworden, ich habe sie aufgeschrieben und einen Beruf daraus gemacht, auch meine Situation am Liebesmarkt hat sich verbessert, aber die grundsätzliche Methode, daß man sich etwas ausdenken muß, um an der Welt teilzuhaben, die ist bis zum heutigen Tag geblieben. (Peter Turrini, DER STANDARD, Printausgabe, 6./7.9.2008)

 

 

 

 


Bringt er kein Wort heraus, bleibt dem Casanova der Griff zu Stift und Papier oder gleich auf Haut.
Foto: Lachlan Blair Foto: dpa/Robert Jäger

 

 

 

Zur Person: Peter Turrini Geboren 1944, lebt nahe Retz. Zuletzt erschienen: "Im Namen der Liebe"
Gedichte. Neue und erweiterte Ausgabe. Hg. Silke Hassler. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005

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