Meine mährische Großmutter

5. September 2008, 17:07
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Was sich reimt, währt am längsten, und Fremdsprachenkenntnisse können das Überleben sichern. Linguistische und andere Lebensweisheiten einer Großmutter

als rudolf mit der krone des reichs gezieret war,
da kam herangezogen der fürsten edle schar.
sie schworen ihrem kaiser gehorsam, treu und pflicht ...

so, oder so ähnlich. ich habe das gedicht in schriftlicher form nicht gefunden. was die ersten beiden zeilen betrifft, könnte ich schwören, dass sie stimmen, bei der dritten bin ich unsicher, die vierte ist mir abhanden gekommen, spätere sind mir wieder in erinnerung. das gedicht erzählt eine dramatische geschichte. es handelt vom aufeinandertreffen zweier rivalen, wobei der gute siegt und der schlechte zugrunde geht. der schlechte heißt ottokar. die zeremonie, mit der das gedicht beginnt, fand am 24. oktober 1273 im aachener münster statt. für mich war es gegenwart. das kopftheater meiner großmutter kannte einen götterhimmel, und der war belebt mit habsburgern.

meine großmutter hat dieses gedicht in brünn in der schule gelernt, in einer sprache, die nicht die sprache ihrer eltern war. ihrer mutter, so erzählte sie mir, wäre es nicht möglich gewesen, sich mit mir zu unterhalten, weil ich sie nicht verstanden hätte. ich bat sie, mir das wort zu nennen, das ihre mutter verwendete, wenn sie einen besen meinte. und sie sagte es mir. wenn sie einkaufen war, brachte sie mir immer eine pomeransche mit.

in meiner erinnerung war die großmutter den ganzen vormittag lang mit der gemütlich voranschreitenden prozedur des kochens beschäftigt. während sie auf dem nudelbrett mehl aufhäufte, einen krater formte und ein ei hineinschlug, redete sie mit mir. sie erzählte geschichten und gedichte. selbst die gebete, die sie mir beibrachte, waren erzählungen.

drum hab ich dich, oh jesulein,
verschlossen in mein herz hinein,
verloren ist das schlüsselein,
drum musst du ewig drinnen sein.

als ich dieses gedicht einige jahre lang als abendgebet aufsagte, ging ich mit dem gründer der christlichen religionsgemeinschaft um, als wäre er ein teddybär, den man irgendwo hineinsperren kann, um ihm dann zu erklären, man habe leider den schlüssel verloren und könne ihn deshalb nicht mehr rauslassen.

meine großmutter griff mit beiden händen ins mehl und erzählte von einem wunderbaren park. sie saß auf einer bank, das orchester spielte. da kommt jemand des weges, der sich zu ihr setzt und sie anspricht. er ist ein feiner junger herr, ein student, der wissen will, wie sie heißt. meine großmutter bettete den teig in herdnähe unter einem geschirrtuch zur ruhe und nahm mich mit nach draußen. hinter unserem haus hob sie mich in einen erdkeller hinab. dort saß ich dann auf einem schemel, so dicht neben ihr wie einst der student auf der bank im kurpark zu baden. während sie die kartoffeln durch ihre hände gleiten ließ, um die triebe abzustreifen, sang sie mir das lied vor, das damals im kurpark gespielt wurde. am brunnen vor dem tore. sie erzählte mir von einem schönen haus, in dem sie heute wohnen könnte, an der seite eines doktors. ich erinnere mich auch an eine nachbereitungsphase zu dieser erzählung. meine großmutter musste mir nämlich eine idee davon vermitteln, was ein student ist. bei uns im dorf gab es keine studenten.

die gedichte und lieder, die mir meine großmutter beibrachte, enthalten satzteile, die ich als kind nicht verstand. es hätte keinen grund gegeben, sie mir zu merken, aber der rhythmus, die metrik und der reim haben sie trotzdem in mein gedächtnis eingebrannt. sie sind mir hauptsächlich als soundgebilde präsent. sie in geschriebene sprache zu transkribieren ist ein fast magischer vorgang. die zeilen i loss ma a, i loss ma a, a blaue hosn mochn loss ma a aus dem vielleicht ersten lied, das mir meine großmutter beigebracht hat, stehen plötzlich da, als gehörten sie zu einem lautgedicht.

bei der ersten zeile der eingangs zitierten habsburgischen heldenballade war mir die wortfolge "des reichs gezieret war" in ihrer bedeutung unzugänglich gewesen, ich hatte sie vom könig mit der krone, den ich mir vorstellen konnte, als sinneinheit abgetrennt. jetzt, gut 47 jahre später, kann ich das soundgebilde in mir bekannte wörter transkribieren und verstehe plötzlich den ganzen satz.

gereimte gedichte sind von allen mir bekannten informationsspeichern die dauerhaftesten. wer kann sie nicht noch auswendig aufsagen die verse der kinderbücher. es ging spazieren vor dem tor. geben sie diesen grammatisch verdrehten satzanfang einmal in einer runde fünfzigjähriger zum besten. wie ein gemeinsames echo wird es zurücktönen: ein kohlpechrabenschwarzer mohr. diese worte sind so sehr der sound unserer kindheit, dass wir kaum in der lage sind, ihre bedeutung nüchtern zu betrachten und sie zum beispiel auf rassistische implikationen zu prüfen. stattdessen stellen sich vor unserem inneren auge die buchillustrationen ein, die uns die bedeutung der verse einst nahebrachten. die verse konnten wir schon aufsagen, bevor wir sie zu lesen lernten. wenn man das glück hatte, dass sie einem jemand vorlas. und ich hatte dieses glück, ich hatte meine mährische großmutter.

sie war nach der volksschule von ihrer familie in den dienst geschickt worden und arbeitete als küchenmädchen auf einem gutshof in baden bei wien. auf dem gut wurden im ersten weltkrieg dragoner stationiert, unter ihnen mein großvater, der zwanzig jahre älter war als sie. als er den gutshof wieder verließ, war sie schwanger.

im ersten jahr der republik deutschösterreich macht sich eine frau auf den weg ins waldviertel und fragt sich durch, bis sie in unser dorf kommt. eine frau, die böhmakelt und ein kind am arm trägt. sie findet meinen großvater auf dem feld vor. er will von ihr nichts wissen. mein urgroßvater meint, sie habe zwar ein schönes gesicht, aber man könne sie hier nicht gebrauchen, denn sie kenne die bauernarbeit nicht. sie mietet sich im dorf ein und bleibt, bis für meinen großvater die schande so groß wird, dass er sie heiraten muss. und das hat sie ihr leben lang büßen müssen.

doch es kam eine zeit, da wurde sie im dorf mehr gebraucht als alle, die etwas von der bauernwirtschaft verstanden. das war nach dem zweiten weltkrieg. das, was sie plötzlich so wichtig machte, war ihre sprache. meine großmutter konnte sich mit den russen verständigen. (Josef Haslinger/DER STANDARD, Printausgabe, 6./7. 9. 2008)

ZurPerson
Josef Haslinger
Geboren 1955, lebt in Wien, Leipzig und New York. Professor am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Träger vieler Auszeichnungen und Preise, u. a. des Literaturpreises der Stadt Wien. Zuletzt erschienen: "Phi Phi Island – Ein Bericht" Fischer Frankfurt am Main 2007

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