Ein Grabstein für den Wellensittich

5. September 2008, 17:08
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Das Kind beschreibt, was es sieht, der Teenager kehrt sein Inneres nach außen - als Tagebuch. Die erwachsene Schriftstellerin erkennt Schreiben als Arbeit

Mein erstes Schreiben begann mit den ersten Buchstaben, die ich in der Schule lernte, jeder Buchstabe hing im Klassenzimmer in Form eines bunten Bildes in DIN-A4-Größe an der Wand. Oder war es DIN A3? DIN A4 scheint mir im Nachhinein fast zu klein, denn die Bilder hingen hoch, direkt unter der Decke. Ich erinnere mich an das Vogel-Vau, ein Vogel als V verkleidet, und das Fenster-Ef. Was die anderen Buchstaben darstellten? Ein Anker für A, ein Brotlaib für B vielleicht, ein Hase für H, ich weiß es nicht mehr. Ganz sicher jedoch ein Ei für Ei. Ich malte also die Buchstaben hundertfach in mein Heft, dann einfache Wörter, kurze Sätze, das sogenannte Schönschreiben allerdings erlernte ich nie so richtig. Erhielt immer nur ein „Gut", das mein Volksschülerinnenzeugnis verdarb.

Mit sieben, acht Jahren begann ich, Tiersammelbücher anzulegen. Heute staune ich wieder, wie faszinierend Tiere für Kinder sind, obwohl man die meisten Tiere ja nie richtig zu Gesicht bekommt. Mein Sohn (19 Monate) rastet aus, wenn er einer Katze gegenübersteht. Er beginnt zu schreien und rennt auf sie zu (sie natürlich weg). Er will hin, will sie berühren, obwohl sie doch ein durch und durch fremdes Wesen ist und man nicht weiß, was von ihr zu erwarten ist. Ich brütete stundenlang über den Bildern von Tieren, die ich vermutlich niemals in freier Wildbahn sehen würde. Ich verachtete Erwachsene, die einen Jaguar nicht von einem Leoparden unterscheiden konnten. Zu den Bildern schrieb ich Texte ab, vermischte verschiedene Texte, ließ Textteile, die mir nicht so wichtig vorkamen, aus. Ich generierte also einen eigenen Text aus vorgefundenen. Ich schrieb Steckbriefe für die Tiere, fertigte Listen an. Als ich meinen ersten und einzigen Wellensittich in einem Osterei aus Karton begrub, beschriftete ich einen (Grab-)Stein für ihn.

Meine ersten Schulaufsätze waren wilde Konglomerate aus nacherzählten Märchen, Kindergeschichten und eigenen Gedanken, ich wurde für meine „rege Fantasie" gelobt. Ich bekam mein erstes Tagebuch geschenkt, klassisch mit einem kleinen Vorhängeschloss. Vor der Pubertät waren die Aufzeichnungen rein deskriptiv und natürlich dementsprechend langweilig („Heute bin ich mit Mama einkaufen gewesen. Ich habe einen blauen Faltenrock bekommen, sie eine gelbe Bluse. Danach waren wir in einem Lokal essen. Nach dem Essen habe ich noch ein Eis bekommen.").

Später wurden die Eintragungen exzessiver und emotionaler, begannen oft mit „Ich hasse ihn" oder „Ich hasse mich" oder überhaupt „Ich hasse die ganze Welt" in riesigen, schwarzen Lettern, von denen Tintenblut oder Tintentränen tropften. Auch echte Blutpunkte klebten hin und wieder auf den Seiten, wenn ich mich wieder einmal als amerikanische Ureinwohnerin sah - als mein Wellensittich gestorben war, kratzte ich mit einem Zirkel in meinem Gesicht herum, weil sich die Indianer, wie ich wahrscheinlich aus Karl-May-Büchern wusste, aus Trauer um einen Verstorbenen Schnitte im Gesicht zufügten.

Getrocknete Blumen, Herzen, Sarah-Kay- und Liebe-ist-Aufkleber zierten ebenfalls die Seiten (genauso peinlich wie das Geständnis, man habe seine eigene Kotze gefressen). Kürzlich las ich in einem Artikel, das Gehirn von pubertierenden Teenagern wäre wie eine chaotische Baustelle, die ständig niedergerissen und neu aufgestellt wird, und genauso sieht es in meinen Tagebüchern aus. Ich versuchte, so winzig zu schreiben, wie ich nur konnte, experimentierte mit verschiedenen Schreibgeräten und Farben, schrieb verkehrt herum und suchte immer neue Verstecke, worauf ich aber irgendwann verzichtete, weil es zu mühsam war. In meinem Zimmer gab es gar nicht so viele Verstecke, und wer es darauf angelegt hätte, hätte die Tagebücher ohnehin gefunden. Auch die Vorhangschlösser verschwanden, ich schrieb in Hefte und Schreibbücher, in schmucklose Kladden, ein Wort, das ich damals noch nicht kannte.

Wörter zu Bildern

Als ich die Schreibmaschine für mich entdeckte, entdeckte ich die konkrete Poesie. Ich konnte nun mit Wörtern einfache Bilder erzeugen (eine Vase mit dem Wort Vase usw.), und die Wörter erhielten zudem eine ganz andere Bedeutung, wenn man sie sich 50-mal hintereinander laut vorlas oder sie minutenlang anstarrte. Ich brachte mir selbst das Maschineschreiben bei. Das Tippen, die Geräusche und das Klingeln beim Weitertransportieren des Wagens erzeugten ein Glücksgefühl in mir.
Der saubere Papierstapel, der daneben lag, gab mir das Gefühl, tatsächlich eine Schriftstellerin zu sein. Das auf der Maschine Geschriebene kam mir bedeutender, ernsthafter vor als das (schludrig) mit der Hand Verfasste. Es sah professioneller aus, nicht mehr nach Tagebuch. Ich wusste noch nichts vom x-maligen Umschreiben, Überarbeiten und Verwerfen. Wusste nicht, dass Schreiben Arbeit ist. Dass man sich nicht immer auf das Rausfließen verlassen kann, bzw. dass die Arbeit erst danach beginnt. Die erste unter Flüchen aus der Maschine herausgefetzte und dann zerknüllte Seite war der nächste Schritt. Und so ähnlich ist es bis heute. (Linda Stift, DER STANDARD, Printausgabe, 6./7.9.2008)

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