Am Anfang war die Langeweile

5. September 2008, 17:03
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Gegen Fadesse der Kindheit hilft Fiktion - Diese braucht Sprache und Schreiben - Eine Südtiroler Kindheit unter flügellahmen Gänsegeiern und pfeifunfähigen Murmeltieren

Ich saß am Tisch unter Erwachsenen und zählte die Kreise auf der Tischdecke, klopfte mit dem Fuß gegen das Tischbein, verglich die Gesichter der Verwandten und Bekannten mit Gesichtern von Tieren. Onkel Konrad war der Gänsegeier, Onkel Hans das Murmeltier, Tante Trude Frau Biber. Ich lag auf der Wiese vorm Haus und starrte in die Wolken, sah fliegende Hexen und schlafende Schafe, biß meine Fingernägel kurz und wickelte die immergleiche Haarsträhne um den Zeigefinger, bis sich am Kopf eine lichte Stelle gebildet hatte. Die Friseurin meiner Mutter hatte sie mir mit einem Spiegel gezeigt und mir eine Glatze angedroht, wenn ich nicht mit dem Haaredrehen aufhören würde. Die Eitelkeit war größer, dennoch dachte ich beim Anblick der hell durchscheinenden Kopfhaut an eine sonnendurchflutete Waldlichtung, auf der Zitronenfalter flatterten.

Am Anfang war die Langeweile, eine nahezu unerträgliche unter Menschen; ich beobachtete sie auch an meinem Großvater. Er hatte die Angewohnheit, seinen rechten Daumen auf Brusthöhe an seinem Pullover zu reiben; alle seine Wollpullover waren an jener Stelle verschlissen. Das Hemd schimmerte durch. Das war keine Nervosität, das war Ungeduld über die sinnlos verstreichende Zeit; er ging ihr auf den Grund, ging ihr an die Fasern. Mein Großvater konnte nie lange sitzen, er war lieber allein und arbeitete vor sich hin. Ich kann lange sitzen, aber nicht unter flügellosen Gänsegeiern und pfeif-unfähigen Murmeltieren.

"Für die Armut" , steht in einer Rede, die Joseph Brodsky 1989 bei einer akademischen Abschlußfeier gehalten hat, "ist Langeweile der brutalste Teil ihres Elends, und das Wegkommen davon trägt radikalere Formen: gewalttätige Auflehnung oder Drogenabhängigkeit." Wir waren nicht wirklich arm, aber wir lebten damals in einer Siedlung, in der diese radikalen Formen sichtbar waren. Ich hatte vergleichbar mit anderen Kindern wenig Ausgang - vielleicht wollte mich meine Mutter vor den kriminellen Jugendlichen schützen -, und ich durfte kaum fernsehen.
Meine Mutter lud andere Kinder ein; die meisten davon fand ich fad. Lieber ersann ich Eltern und Geschwister für meine Puppen, warf den Ball gegen die Mauer und trat gegen fiktive Gegnerinnen an. Die Winterspaziergänge auf der Meraner Kurpromenade nützte ich, um mit nicht existierenden Personen Gespräche zu führen.

Auf den sonntäglichen Ausflügen im Fiat 124 suchte ich schließlich nach passenden Häusern und Unterkünften für meine Figuren. Sie hießen Adriana, Cristina, Giovanna und waren Italienerinnen; im Spiel öffnete ich, ohne ein Bewußtsein von den damaligen gesellschaftspolitischen, deutschnationalen Zielen der Südtiroler Volkspartei zu haben, die ideologisch abgesteckten Grenzen, die Luft war dabei mein zuverlässigster Gesprächspartner. Manchmal gestikulierte ich vor mich hin, auf offener Straße, sprach mit lauter Stimme und erschrak, wenn meine Mutter das Wort an mich richtete: "Was machst du da? Spinnst du?"

Ich spann Gedanken, Geschichten, drehte die Wortfasern zu Satzfäden, einmal grob, einmal fein, saß in meinem Kokon oder arbeitete wie eine Spinne am Netz. Meine erdachte Welt erfuhr ich als flexiblen, veränderbaren Raum, der sich jeglicher Kontrolle von außen entzog.

Das halblaute Phantasieren oder Spinnen war vermutlich bereits eine Vorstufe zum Schreiben, das - so Pierre Bourdieu in seinem Buch "Die Regeln der Kunst" - "alle Determinierungen, alle grundlegenden Zwänge und Beschränkungen des gesellschaftlichen Daseins außer Kraft (setzt)."

Aus der Monotonie des Alltags entschwand ich entweder in die Welt der von mir selbst kreierten Figuren, oder ich verbrachte meine Zeit über Büchern. Die Literatur bot Neues, sie war der einzige Ort, der die Wiederholung, das Immergleiche zu unterlaufen vermochte. Der polnische Philosoph Leszek Kolakowski beschreibt die Langeweile als einen Bestandteil unseres Menschseins, das Bedürfnis ihrer Überwindung entweder als zerstörerischen oder als schöpferischen Akt.

Neue Simulationsräume

Bücher, das erfuhr ich früh, waren niemals unterschiedslos und gleich, wahrscheinlich weil ich mich nicht passiv in deren Lektüre vertiefte, sondern das Rollenspiel, das ich bereits außerhalb der Bücherwelt praktiziert hatte, auf die literarischen Figuren zu übertragen wußte. Ich erfand neue Simulationsräume mittels bereits vorhandener beschriebener fiktiver Welten. Das eine Leben, das mir geschenkt war, erachtete ich schon im Kindesalter als viel zu wenig. Die Literatur hingegen bot mir von Anfang an die Möglichkeit, mich in eine andere Haut zu denken, darin beispielsweise ein unbekanntes Leben zu Ende zu gehen, wo mein eigenes noch am Anfang stand, fremde Erfahrungen zu machen, die für mich nicht vorgesehen waren.

Das "Fenster auf die Unendlichkeit der Zeit und damit auf (die eigene) Bedeutungslosigkeit in ihr" (Joseph Brodsky über die Langeweile) läßt sich nur öffnen, wenn man allein ist. All die gängigen Fluchtwege und Ablenkungen sind im Grunde verzweifelte Unterfangen gegen die Leere in uns selbst.

Von der Erfindung der kindlichen und mündlichen Spielfiguren über das Weiterspinnen vorgegebener Lebensläufe in Büchern hin zur Komposition einer literarischen Wirklichkeit war es ein kurzer Weg. Nicht nur die in Überzahl vorhandenen Papierabfälle aus der Druckerei des anderen Großvaters animierten zum Kritzeln und zum Schreiben, es war die positive Langeweile selbst, die den Bleistift führte und den Spieltrieb verstärkte. Einmal hingeschrieben, fanden sich die Figuren in neuen Zusammenhängen wieder.

Die Gefahr eines "l'art pour l'art" -Standpunktes, der mit dem reinen Spielen um des Spielens willen vergleichbar wäre, war insofern nicht gegeben, als der das Schreiben auslösende Spieltrieb von Anfang an eine klare Unterscheidung zwischen dem Autobiographischen und dem Fiktionalen bedingte, sich die gelebte Wirklichkeit in immer neuen literarischen Variationen präsentierte. Und indem sich die Realität vor meinen Augen literarisch veränderte, gewann die Kunst des Schreibens zunehmend an gesellschaftspolitischer Relevanz. (Sabine Gruber/DER STANDARD, Printausgabe, 6./7. 9. 2008)


Zur Person
Sabine Gruber
Geboren 1963, lebt in Wien. Veröffentlichung von Gedichten, Erzählungen, Hörspielen und Theaterstücken, Rezensionen, Glossen und Kommentaren. Herausgeberin von Anthologien und von Büchern zum Werk der Südtiroler Autorin Anita Pichler.
Zuletzt erschienen:
„Über Nacht", Roman
C. H. Beck
München 2007

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