ARI und ich

5. September 2008, 16:54
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Magie hat nichts mit dem Glauben an nicht irdische Mächte zu tun, sondern mit dem Formulieren eines Zauberspruchs - Und die Buchstaben sind ihre Zauberstäbe

Als ich etwa vier Jahre alt war, haben meine Eltern mir meistens vor dem Schlafengehen Geschichten vorgelesen. Auf die Buchstaben in den Büchern war ich neugierig - wahrscheinlich, weil mir die Möglichkeit, aus ihnen ganze Geschichten zu gewinnen, phantastisch vorkam. Bald kannte ich die meisten Buchstaben. Meine Favoriten waren das "Autoreifen-O" und das "Hammer-T" . Aber auch die anderen, die für mich keine besondere bildliche Gestalt verkörperten, konnte ich mit ihrem jeweiligen Laut benennen. Eines Abends wartete meine Mutter mit mir auf die Straßenbahn. In der Nähe sah ich die Reklame eines Geschäftes leuchten. Ich sagte: "Schau mal. Da steht "A - R - I". - "Ja, sagte meine Mutter, das heißt "ARI" . - "Ach so geht das" , sagte ich. Von nun an konnte ich nicht nur Buchstaben, sondern auch Wörter lesen.

Etwa 20 Jahre später, in den achtziger Jahren, beschäftigte ich mich im Philosophiestudium mit Theorien der Sprache. In Texten des Linguisten Hjelmslev begegnete mir meine erste als Wort erfahrene Buchstabenkombination wieder: Da stand plötzlich "A - R - I" . Es sollte die allgemeinste Formel für das Funktionieren sprachlicher Zeichen sein und bedeutete nun "Ausdruck - Relation - Inhalt" . Das Wiener Geschäft, dessen Leuchtschrift mir den Trick der Wortgewinnung aus Buchstaben entschlüsselt hatte, gab es zu dieser Zeit immer noch. Es verkaufte preiswerte Konfektionskleidung für Damen, Herren und Kinder. Nicht nur die steife modische Linie schien aus lang vergangener Zeit zu stammen.

Die Schaufensterpuppen müssen wirklich noch dieselben gewesen sein wie in meiner Kindheit. Ihre Gesichter und Hände hatten sich schon stark verfärbt. Sie hatten aber echte Haare. Besonders bei den Kinderpuppen wirkte das äußerst merkwürdig. Sie, die artige Anzüge und Kleidchen trugen, waren ockerfarben oder lila im Gesicht und blätterten an manchen Stellen leicht ab. Dadurch wirkten sie doppelt monströs. Gerade das Adrette sowie das Bemitleidenswerte an ihnen schien sie noch unheimlicher werden zu lassen. Die äußere Lerchenfelderstraße bot zu dieser Zeit eine ganze Reihe von Auslagen, in denen Objekte entdeckt werden konnten, die wie unbeabsichtigte Kunst aussahen.

Mit meinen Freundinnen und Freunden unternahm ich Spaziergänge, um ihnen meine Lieblingsfunde zu zeigen - nicht ohne Angst, daß diese bald einer Erneuerung zum Opfer fallen und verschwinden könnten.
In den neunziger Jahren begann ich an der Kunstuniversität in Linz Philosophie zu unterrichten. In der Kunstwelt und insbesondere in der Stadt der Ars Electronica redeten damals alle ständig von der "Interaktivität" . Das bedeutete, daß der Künstler, unter Nutzung der neuen elektronischen Möglichkeiten, die Betrachter zum Mitmachen an seiner künstlerischen Arbeit einlud. Einen Teil der kreativen Tätigkeit überließ er also ihnen; ohne sie kam das Werk nicht zustande. Das wurde meist als demokratisch und befreiend empfunden.

Nur nach Regeln spielen

Was mich aber störte, war, daß es gerade bei dieser Art von Zuschaueraktivität keine Möglichkeit gab, den Künstler an einem Punkt zu erwischen, auf den er nicht vorbereitet war. Man konnte nur nach seinen Regeln spielen, das war alles. Es gab keine Chance, in einer interaktiven Installation etwas gegen den Strich zu lesen oder etwas als reizvoll wahrzunehmen, das vom Künstler nicht schon so beabsichtigt war. Da waren mir meine ARI-Puppen und die unvorhergesehenen Erfahrungen und Lesarten, die sie zuließen, lieber.

In dieser Zeit gab es im Fernsehen noch ziemlich oft gute Filme, und sie waren nicht von Werbung unterbrochen. Während man heute übers Internet DVDs kauft, nahm man damals hauptsächlich Sendungen auf Video auf. Damals bemerkte ich, daß viele Leute (darunter auch ich selbst) viele ihrer Videoaufnahmen niemals ansahen. Sie waren zufrieden, daß es sie gab, und stellten sie einfach in ein Regal. Es war, als hätte der Recorder sie schon an ihrer Stelle betrachtet. Da wurde mir klar, daß dieses Verhalten das genaue Gegenteil der Interaktivität war.

In der Interaktivität wurden die Zuseher aktiv und trugen zur Herstellung des Werks bei. Hier hingegen ließen sie sogar die "Passivität" des Zusehens bleiben und übertrugen sie an ein Gerät. Anstatt zu Mitproduzenten wurden sie zu delegierenden Konsumenten. Ich bezeichnete das als "Interpassivität".

Wie die Interpassivität funktioniert, wurde mir an einem anderen Beispiel klar. In Bibliotheken konnte ich beobachten, wie Leute ein interessantes Buch fanden, damit sofort zum Fotokopierer eilten, es kopierten, dann das Buch zurückgaben und zufrieden mit ihrer Kopienbeute nach Hause gingen. Sie waren schon zufrieden, auch wenn sie die Kopien vielleicht niemals lesen würden. Der Grund war: Sie hatten mithilfe des Kopierers Lesen gespielt. Sie hatten das Buch geöffnet, es auf die Glasplatte gelegt, ein Licht war (gleichsam wie die Aufmerksamkeit eines Lesers) linear darüber gezogen, dann hatten sie umgeblättert, wieder das linear wandernde Licht der Aufmerksamkeit darauf fallen lassen etc. Sie dachten wohl nicht daran, aber sie hatten eine ziemlich buchstäbliche Darstellung des Lesens geliefert.

Wenn erwachsene Leute etwas spielen und dann genauso zufrieden sind, wie wenn das Gespielte selbst eingetreten wäre, dann nennt man so etwas Magie. Was uns am Voodoo anderer Kulturen verwundert, praktizieren wir selbst beim Videorekorden, Fotokopieren - oder zum Beispiel auch beim Ausdrucken oder Down-loaden von Texten aus dem Internet. Es gibt also eine - allerdings meist unbemerkte - Magie der sogenannten Zivilisierten. Entscheidend bei jeder Magie ist nicht, daß man an etwas Bestimmtes denkt oder es glaubt, sondern daß man etwas ganz Bestimmtes macht: einen Zauberspruch aufsagt (auch wenn man nicht weiß, was er bedeutet) oder eben mithilfe einer Maschine Lesen spielt. Es muß ganz genau so und nicht anders gemacht oder gesagt werden. Es genügt nicht (wie in der Religion), es bloß zu meinen. Die Magie hat darum nicht, wie man hätte annehmen können, mit Geistern zu tun. Sie ist vielmehr eine Sache der Buchstäblichkeit. (Robert Pfaller, DER STANDARD/Printausgabe, 06./07.09.2008)

  • Den Zauberkasten gibt es an jeder Ecke. Es muss nur das Licht der Aufmerksamkeit darauf fallen.
    foto: harry gruyaert/magnum

    Den Zauberkasten gibt es an jeder Ecke. Es muss nur das Licht der Aufmerksamkeit darauf fallen.

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