"Vieles auf der Wurschtigkeitsebene"

5. September 2008, 17:03
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Lesen und Schreiben ist die Voraussetzung für die Wissensgesellschaft - Ruth Wodak erklärte Bettina Stimeder, wie das in England funktioniert und was die Unterschiede zum österreichischen System sind

Standard: Die politische Korrektheit ist jetzt ungefähr 20 Jahre alt. Hat sie etwas gebracht? Ist die Sprache neutraler, wertfreier geworden?

Wodak: Nein. Es gibt keine neutrale, wertfreie Sprache. So wie es keine wertfreie Wissenschaft gibt. Es muss nachvollziehbar und objektivierbar sein. Die Interessen, die wir haben, die Kriterien, die wir wählen, spielen eine Rolle. Eigene Konnotationen, gruppenspezifische Bedeutung, historische Bedeutungen fließen ein. Bei der politischen Korrektheit ging's ja darum, Minderheiten vor verbalen Angriffen zu schützen. Aus Respekt vor diesen Gruppen kann man einfach andere Begriffe verwenden. Natürlich kann man das auch zuspitzen und ins Lächerliche ziehen, wie das vielfach geschehen ist. Etwa nicht mehr "Zigeunerbaron" sagen zu dürfen, sondern "Roma-Fürst" oder so ähnlich. Aber im Grunde halte ich den Anspruch, einen respektvollen sprachlichen Ausdruck zu wählen, für richtig.

Standard: Ich habe das meistverwendete Lesebuch für die erste Klasse Volksschule mitgebracht. Wie soll man Kinder der ersten Schulstufe mit Sprache konfrontieren?

Wodak: Es wäre eine Illusion zu glauben, dass man Kinder in diesem Alter von Grund auf sprachbilden kann. Sie bringen Sprache von zu Hause mit, sie sehen fern, sie hören Radio, sie hören zu, was in der Straßenbahn, an der Supermarkt-Kassa und wo auch immer geredet wird. Sie kommen mit diesem ganzen Hintergrund. Ich fände es falsch, diesen zu ignorieren. Man würde ihnen ihre Zugehörigkeit wegnehmen und damit etwas verbieten, was Teil ihrer Identität ist. Das hielte ich für vollkommen falsch. Wichtig ist, dass das, was sie mitbringen, aufgearbeitet wird.

Standard: Was halten Sie nun von der Lesebuchgeschichte vom Papa, der zu Hause bleibt und fürs Kind kocht, während Mami arbeiten geht? Wird hier Wirklichkeit vermittelt?

Wodak: Also ich finde die Geschichte süß. Das Entscheidende ist, was der Lehrer/die Lehrerin damit macht. Wie wird das kontextualisiert, welche Fragen werden dazu gestellt, welche Sichtweisen werden in die Diskussion des Texts eingebracht? Da würde man fragen: "Na, wie ist das bei euch zu Hause?" , und 70 Prozent würden sagen, "Der Papa geht ins Büro" , 20 Prozent würden sagen, "Der Papa wohnt nicht bei uns zu Hause" . Dann kann man darüber sprechen, warum das so ist, warum die Papas mehr verdienen und das ganze Thema altersadäquat diskutieren. Es können Aspekte einfließen wie geteilte Karenz, Arbeitsverteilung im Haushalt, was immer die Kids interessiert und was sie aufnehmen können. Es kommt in der Schule darauf an, das zu fördern, was man in England "critical literacy" nennt, also das Hinterfragen von Texten.

Standard: "Critical literacy" meint nicht nur den Schulbereich...

Wodak: In England gibt es ein starkes Engagement der öffentlichen Hand für Leseförderung in allen Bereichen. Dabei geht es ganz stark um Alltagstexte. Es gibt große von der öffentlichen Hand geförderte Projekte, die die Sprachverarmung bekämpfen. Da werden Leute betreut, die man als "Teil-Alphabeten" bezeichnen könnte. Etwa Migranten, oder Menschen, die lange krank oder im Gefängnis oder aus anderen Gründen nicht in der Lage waren, sich regelmäßig mit Texten zu beschäftigen. Da geht man direkt an den Ort des Geschehens, etwa ins Krankenhaus, um die Menschen zu unterstützen. Dabei geht es nicht um die Vermittlung von Sprachregeln oder Hochsprache, sondern um die Etablierung eines Niveaus der funktionell adäquaten Sprache.
Standard: Wie wird dieser Anspruch an den Schulen verwirklicht?
Wodak: Das Schlüsselwort heißt "critical language awareness" . Die kritische Beschäftigung mit Alltagstexten - und da geht es wirklich um alles vom Zeitungsleitartikel über ein Formular bis zum Bewerbungsschreiben - ist ein vollkommen normaler Teil des Englischunterrichts, wie zum Beispiel auch Rhetorik.

Standard: Gibt es im angloamerikanischen Raum mehr Respekt vor der Sprache?

Wodak: Man muss differenzieren. Es gibt auf alle Fälle mehr Forschung als hier. Und es gibt eine Grundakzeptanz der Multikulturalität in der Gesellschaft - bei weitem nicht konfliktfrei, aber akzeptiert. Daher gibt es alle möglichen Maßnahmen zur Herstellung funktionaler Sprachstandards. Etwa Förderunterricht für Migranten aller Alters- und Bildungsstufen. Unterricht für Migranten in anderen Fächern in deren Muttersprache, so lange, bis sie den funktionalen Standard erreicht haben. Und dann gibt es den Generalanspruch der "Wissensgesellschaft" als Grundlage des wirtschaftlichen Fortschritts. Das hat die Blair-Regierung wirklich durchgesetzt. Und wenn sich als Nebenprodukt Vorteile für das soziale Miteinander ergeben, umso besser.

Standard: Wie nehmen Sie den Sprachgebrauch in Sachen Migranten und soziales Miteinander in Österreich wahr?

Wodak: Vorfälle, die andernorts ein politischer Skandal wären, kommen hier kurz in die Medien und verschwinden dann wieder. Es ist ein Aspekt der Politik und des Verhältnisses von Medien und Politik. In Österreich wird vieles auf so einer "Wurschtigkeits-Ebene" abgehandelt. Alles bleibt sehr auf sich bezogen. Man könnte über Ölpreis und Migration diskutieren. Stattdessen beschäftigt man sich damit, ob Herr Faymann der uneheliche Sohn von Herrn Dichand ist.

Standard: Ein Phänomen der "provinziellen Randlage" ?

Wodak: Schwer zu sagen. Vielleicht weil man sich selbst so wichtig nimmt. Vielleicht ist die Idee, Teil von Europa zu sein, immer noch nicht hier angekommen. EU-Europa wird hier behandelt, als wäre es etwas, aus dem man jederzeit aussteigen könnte. Als wäre man nicht Teil der globalisierten Welt, als könne man sich abschotten. Diese Situation öffnet dem Populismus natürlich Tür und Tor.
Standard: Beobachten Sie das auf der Ebene der Sprache?
Natürlich. Die Kampagne "Sauberes Graz" vom BZÖ etwa ist so etwas. So eine Wahlkampagne gäbe es in England nie, nicht einmal von der British National Party. Dass es hier in Österreich keinen Aufschrei gibt, kein Gesetz, das greift, ist mir unverständlich. In England wären die Plakate am nächsten Tag weg. Das "Hate-speech"-Gesetz käme hier zur Anwendung. (Bettina Stimeder, DER STANDARD-Printausgabe, 6./7.9.2008)

Zur Person: Ruth Wodak, geboren am 12. Juli 1950 in London, ist Linguistin und Professorin an der Universität Lancaster. 1996 erhielt sie den Wittgenstein-Preis für Spitzenforschung.

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