Lese-Omas helfen Texte verstehen

5. September 2008, 16:45
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Freiwillige Leseförderprojekte an oberösterreichischen Volksschulen

Leopoldine Pollin ist eine von 20 Lese-Omas und -Opas, die seit zwei Jahren jede Woche in die Ennser Volksschule kommen, um sich vorlesen zu lassen. „Man merkt einfach, dass bei sehr vielen Kindern zu Hause überhaupt nicht mehr gelesen wird", meint sie. Direktorin Margarete Horner kann diesen Eindruck nur bestätigen.
Doch die basale Lesefähigkeit, darunter versteht man das fehlerfreie und schnelle Erfassen von Worten, könne nur durch regelmäßiges Training ausgebildet werden. Das brauche Zeit, die sich die Eltern kaum mehr nehmen (können) und die im normalen Unterricht in dem Ausmaß nicht vorhanden ist. Deshalb bat die Direktorin Ingeborg Baumgartner vom Ennser Seniorenbeirat um Hilfe. Sie managt bereits den Schülerlotsendienst - zusätzlich erklärte sie sich bereit, auch Lese-Omas und -Opas zu suchen und deren Stundenplan zu organisieren. Montags und Dienstags von neun bis elf Uhr üben diese mit den Volksschülern ab der zweiten Jahrgangsstufe.

Das Projekt „Stärkung der Lesekompetenz" (Horner) wurde im Schuljahr 2007/2008 dann auch auf die zweite Ennser Volksschule ausgeweitet. Im November vorigen Jahres bestätigte die internationale Lesestudie „Pirls", dass in Österreich Nachholbedarf besteht. Jeder sechste Schüler der vierten Schulstufe konnte nur unzureichend sinnerfassend lesen - was so viel heißt wie: 14.000 Kinder pro Jahr beenden die Volksschule mit gravierenden Leseproblemen.
Helga Achleitner wundert das nicht. „Den Kindern macht das Lesen ja gar keinen Spaß mehr", hat sie feststellen müssen. Um ihre Begeisterung für Bücher den „Enkeln" weitergeben zu können, wurde sie zur Lese-Oma. Eine Geschichte über ein Storchenehepaar will den Zweitklässlern nicht so recht gefallen. „Storchenmühle, Storchenkinder, Storchenehepaar", diese Begriffe sind für die Kinder echte Herausforderungen. Die Verständnisfragen fallen nicht leicht. „Kann man ihr Klappern mit den Schnäbeln sehr weit hören?" Die achtjährige Vanessa schaut hilfesuchend zu Lese-Oma Helga. Da kann sich das blonde Mädchen erinnern: Die Antwort lautet: ja. Schnell steckt sie eine grüne Wäscheklammer an die Frage.

Die Übungstexte stammen von den Salzburger Lese-Screenings, erläutert Horner. Heinz Wimmer und Heinz Mayringer vom Institut für Psychologie der Uni Salzburg haben dieses mittlerweile auch standardisierte Verfahren entwickelt. Getestet wird die sogenannte basale Lesefähigkeit. Geprüft wird aber nicht. (Kerstin Scheller, Der Standard Print-Ausgabe, 6./7.9.2008)

 

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