"Es gibt keine Regeln, nur Modelle"

5. September 2008, 16:44
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T.C. Boyle erlebte akademisches "Creative Writing" als Student und Professor: Warum er die Skepsis europäischer Unis gegenüber dieser Methode nicht versteht - Interview

Standard: In Ihren Biografien spielt die Tatsache eine große Rolle, dass Sie einmal an einem Creative-Writing-Workshop teilgenommen haben, und vor allem, dass Sie den renommierten Writers Workshop der Iowa State University absolviert haben. Wie erklären Sie sich, dass das für etwas so Besonderes gehalten wird?

Boyle: Als ich vor 20 Jahren erstmals in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf Lesetournee ging, belagerte man mich mit Fragen darüber, welchen Stellenwert "Kreatives Schreiben" denn an einer Universität habe. Das war dem deutschsprachigen Publikum offenbar etwas Merkwürdiges und Fremdes - und später machte ich ähnliche Erfahrungen in Italien, in Frankreich und auch in England.

Standard: Was haben Sie geantwortet?

Boyle: Ich habe meinen Zuhörern gesagt, dass Creative Writing auch bei ihnen einmal zum Curriculum an den Universitäten gehören würde - unausweichlich. Und noch etwas, das ich jetzt wiederhole: Von den drei Kunstgattungen, mit denen wir am meisten vertraut sind - Poesie/Literatur, Malerei/Grafik und Musik - werden die beiden Letzteren seit langer Zeit an Hochschulen gelehrt; ihre Vermittlung hat dort einen festen Platz in den Lehrplänen. Nur durch Vorurteile ist die Fertigkeit des Schreibens und Dichtens aus dem akademischen Bereich ferngehalten worden.

Standard: Grundlos?

Boyle: Nun, so wie man sein Talent für Musik oder Malerei bei einem Meister verfeinern und lernen kann, die Tiefe dieser Künste zu schätzen, so können Poesie und Belletristik vertieft und wertgeschätzt werden, indem man sie als Creative-Writing-Student lernt.

Standard: Lässt sich die Fähigkeit, selber gut zu schreiben, durch solche Workshops oder Studienrichtungen beibringen?

Boyle: Man kann niemanden lehren, ein großer Musiker, Maler oder Schreiber zu sein. Aber alle, die eine entsprechende Begabung haben, profitieren von einem intensiven Studium, so wie das auf einer Musikhochschule möglich ist.

Standard: Mit welchem Erfolg?

Boyle: Es kann einem Schüler helfen - mehr wird nicht versprochen. In meinem Fall hat es funktioniert.

Standard: Sie haben selber kreatives Schreiben unterrichtet. Gibt es eine Erfolgsmethode?

Boyle: Ich glaube, dass der Creative-Writing-Unterricht - oder nennen wir es lieber die Betreuung (coaching) von Schreibern - für jede Methode absolut offen sein soll. Es gibt keine Regeln, die man den Studenten aufzwingen soll, nur Modelle. Das sind etwa Storys und Romane von bekannten zeitgenössischen Autoren. Die kann man im Vergleich mit den Arbeiten der Studenten durchgehen. Ich hatte zum Beispiel John Irving als Lehrer in Iowa, und wir schauten uns unter anderem seinen Erzählstil genau an.

(Michael Freund, DER STANDARD/Printausgabe, 06./07.09.2008)

Zur Person:
T. C. Boyle, geboren 1948 in Peekskill, New York, wurde mit "Water Music" (1982) bekannt. Zahlreiche Romane und Kurzgeschichten, zuletzt "Zähne und Klauen" . Er lebt in Santa Barbara und unterrichtet an der University of Southern California.

  • Artikelbild
    foto: robert newald
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