Der Schalk will glücklich sein

5. September 2008, 16:37
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Der Kölner Künstler "PeterLicht" über sein Album "Melancholie und Alltag" unter der Wahrung seines Ikognito

Köln - Ein altbekannter Topos des Dagegenseins im Aufwind: 2005 veröffentlichte die Hamburger Band Tocotronic ihr bedeutungsschwangeres Album "Pure Vernunft Darf Niemals Siegen" , ersonnen als Plädoyer für das Recht auf die tägliche Traumwandelei durch den Zauberwald. Zuletzt forderte die Band mit "Kapitulation" mehr: totale Verweigerung als Rebellion.

Luxuriöse Lösungen für luxuriöse Probleme? Der in Köln ansässige Musiker PeterLicht bläst mit seinem neuen, vierten Album in dieselbe Posaune, wenngleich ohne Behauptung eines neuen Weltmodells. "Melancholie und Alltag" hat er die Platte genannt und deutet den Rückzug als Kampf, Melancholie als positive Einstellung. Stilles Brüten als "Weg" : "Deshalb heißt die Platte nicht bloß "Melancholie" , sondern "Melancholie UND Alltag" , so PeterLicht im Interview: "Es geht mir um die Wechselwirkung zwischen den Polen. Ich verstehe das nicht als Resignation oder Depression. Eher das Gegenteil. Da gibt es dieses Detail, dass Leute wie Adolf Hitler oder Josef Stalin dafür gesorgt haben, dass sie in ihrem Umfeld keine Melancholiker haben. Weil mit denen sozusagen kein Staat zu machen ist. So kann Melancholie etwas Gutes sein, als freundliches Dagegen."

Bekannt wurde PeterLicht der Öffentlichkeit als Mann, den man nicht kennt. Seine wahre Identität gibt er nicht preis, er lässt sich nur ausschnittsweise fotografieren. Auch bei der Bachmann-Preis-Lesung in Klagenfurt 2007 ließ er sich nur von hinten filmen: "Das ist kein Promo-Gag. Ich habe mich selbst als Privatperson abgeschafft. Das ist für mich eine sehr angenehme Position, wenn ich Privates preisgeben möchte."

So werden auf "Melancholie und Alltag" die Privatwahrheiten eines Anonymen zum Allgemeingut. Eine neue Ernsthaftigkeit durchweht das Album, vorbei sind die Zeiten dadaistischer Exkurse. Andernorts bahnt sich romantische Naturlyrik ihren Weg: "Lass uns glücklich sein" , singt PeterLicht, "der Sommer ist aus" . "Heimkehrerlied" oder "Landlied" heißen die Stücke, Koffer werden gepackt, man zieht aufs Land, sieht Sterne.

Den Texten kommt PeterLicht mit traditioneller Instrumentierung entgegen, vergessen ist die flockige Elektronik, die ihm einst zu Mini-Clubhits wie "Sonnendeck" verholfen hat. Entschlackt arrangiert, mit Piano, Gitarre, Drums und gelegentlichen Streichern, fasst er seine Ideen in feine, reduzierte Harmonien: "Bei dieser Platte habe ich noch einmal vermehrt versucht, alles möglichst einfach und minimalistisch zu gestalten. Alles auf ,Melancholie und Alltag‘ kann man zur Gitarre oder zum Klavier mit einer Stimme singen. So entsteht das auch."

So ist "Melancholie und Alltag" eine Platte geworden, die in hoffnungsvollen Wehmutssongs keine Welt aus den Angeln heben will, sondern das gelegentliche Ausklinken lediglich als Option anbietet. Ein alter, ein schöner Hut. Egal, ob es dabei um Landschaft, Liebesdinge oder darum geht, dass in TV und Werbung "bedeckte Körper auch in Ordnung sind".

Im Stück "Meine Freunde vom leidenden Leben" lädt PeterLicht das große Thema der Popkultur der vergangenen Jahre, das morsche Leben zwischen Kleinkunst, Praktikum und Projekten, zwischen Prekariat und Unterschicht nämlich, neben der gewohnten Trübsal mit Optimismus, Selbstberuhigung möglicherweise, auf. Ganz ohne Ironie: Kopf hoch, Melancholie als Motor. (Philipp L'Heritier, DER STANDARD/Printausgabe, 06./07.09.2008)

  • Wahrt sein Inkognito: Der Autor und Musiker PeterLicht bringt nicht nur in Köln die Verhältnisse zum Buchdeckelöffnen.
    foto: knieps

    Wahrt sein Inkognito: Der Autor und Musiker PeterLicht bringt nicht nur in Köln die Verhältnisse zum Buchdeckelöffnen.

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