Molterer: "... oder wir sind von der Bühne weg"

5. September 2008, 19:50
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"Es geht um alles": Mit der Schreckensvision, für "fünf Jahre oder mehr" von der Regierungsbank verbannt zu werden, scheuchte ÖVP-Parteichef Molterer die Parteibasis beim Wahlkampfauftakt auf

Graz - Es wird bitterernst im schwarzen Lager. "Es geht um alles, um jede einzelne Stimme, um jeden Mann, um jede Frau", scheuchte ein emotional bewegter ÖVP-Chef Wilhelm Molterer die rund 3000 nach Graz zum Wahlkampfauftakt gekarrten Parteimitglieder gleich zu Beginn seiner Rede auf. Es gehe darum, ob die ÖVP in der Regierung bleibe, "oder ob wir von der Bühne weg sind".
Der Partei drohe, für "fünf Jahre oder vielleicht sogar länger" von der Regierungsbank verbannt zu werden, malte Molterer ("Ich bin keine Schöpfung der Krone") die ÖVP-Horrorvision an die Wand. Wenn sich "Rot und Grün mit einem Beiwagerl" ausgehe, komme diese Regierungskonstellation "ganz sicher". Molterer: "Das kommt schneller als wir glauben." Und dann werde wieder die Erbschaftssteuer eingeführt.
Aber auch Rot-Blau werde kommen, sollte es sich ausgehen. Molterer: "Ich kenne mittlerweile Werner Faymann und was sein Wort wert ist." Molterer: "Es geht um eine Richtungsentscheidung."

Hier die SPÖ, die "die Täter schützen" wolle, während die VP die Opfer schütze. Hier die SPÖ, die für "Schulden und Zwangsbeglückung" stehe, für "linke Träumereien", da die ÖVP, die für den "Traum der Familie", dem "Herz der Gesellschaft" stehe. Die SPÖ sei bereit, "Europa dem billigen Populismus zu opfern, wie die FPÖ." Die ÖVP sage, "Europa ist die Zukunft der Menschen." Und schließlich: Es drohe ein "Außenminister Alfred Gusenbauer".

Mit geballter Faust

Mit geballter Faust und einem für ihn ungewohnt lauten Aufschrei "Jetzt geht's los", verabschiedete sich der Parteichef. Die Ernte seines Aufrittes: kein frenetischer, aber durchaus freundschaftlich-heftiger Applaus. Allerdings: Wie sehr die Partei durch die Umfragen verunsichert scheint, war auch an der Parteibasis zu spüren.
"Es wird sehr schwer", seufzte etwa der Jungschwarze Markus Billek im Gespräch mit dem Standard. "Die Hoffnung stirbt zuletzt", fügte das Seniorenbundmitglied Gerhard Pongratz ein bisserl gequält lächelnd hinzu. Von Euphorie keine Spur. Bezirksrätin Christina Reisinger "weiß noch nicht so richtig", wie sie die Situation vor der Wahl einschätzen soll. Reisinger: "Dass wir ins Hintertreffen geraten sind, liegt sicher am ersten TV-Duell. Da war Molterer der Unterlegene. Er wurde als nicht so sympathisch beschrieben. Ich hoffe, dass wir es schaffen. Aber es wird sehr schwer."

Wie sehr der SPÖ-Vorsprung der Partei im Magen liegt, ließ schon zu Beginn der steirische VP-Chef und Landeshauptmann-Vize Hermann Schützenhöfer die Parteibasis spüren. Auch Schützenhöfer richtete energisch einen "dringenden Appell" an die in Graz versammelte Parteigemeinde, endlich "mit dem Laufen" zu beginnen. Schützenhöfer: "Wir dürfen nicht mehr zuschauen, sondern wir müssen endlich hinein in die Arena". Die ÖVP müsse "ein Schäuferl nachlegen", wenn sie am 28. September als Erste durchs Ziele laufen wolle, warnte der steirische ÖVP-Chef und Landeshauptmann-Vize im Vorfeld des Wahlkampfauftaktes in der Grazer Listhalle. Auch in seiner Rede fuhr Schützenhöfer klare Wahlkampflinie: Volle Attacke auf SPÖ-Herausforderer Werner Faymann ("ein klassischer Wiener Sozi, der ohne Partei nichts ist") und Hochlobung des ÖVP-Vizekanzlers Wilhelm Molterer als "der Verlässliche". Schützenhöfer: "Willi Molterer hält auch in schwierigen Zeiten, die kommen werden, stabilen Kurs."

"Faynachtsmann"

Auch Hausherr, Bürgermeister Siegfried Nagl, griff zuvor mit seinen Attacken auf SP-Chef Faymann ins Volle. Nagl schimpfte Faymann in Anspielung an üppige Wahlgeschenke einen "Faynachtsmann", den er auch in Form einer Marionettenpuppe unter Gelächter in die Höhe hielt.
Schützenhöfers und Nagls Mutinjektionen, aber zuvorderst Molterers emotionaler Auftritt war für die Parteibasis, die diesen lebhaften Molterer durchaus goutierte, dringend nötig. Es stand hier in Graz ja viel auf dem Spiel. Von hier aus sollte ein Ruck durch Österreich gehen, der die in die Defensive geratene ÖVP wieder aus dem Windschatten der SPÖ herausholt und auf die Überholspur bugsiert. Die ÖVP sollte demonstrieren, dass sie wieder eng beieinandersteht.

Schon allein um dieses Erleben zu sichern, haben die VP-Zeremonienmeister die Helmut List Halle im Norden von Graz als Kraftort gewählt. 1000 bis maximal 2000 Personen passen in diese Kunsthalle, gut 3500 hatten sich schon vor Tagen angemeldet. Also: Der für solche Parteievents wichtige "Wir-platzen-aus-allen-Nähten"-Zustand war schon vorweg gesichert. (Walter Müller, DER STANDARD, Printausgabe, 6./7.9.2008)

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    Mit einer für ihn ungewohnten Emotionalität rüttelte Molterer die Parteibasis wach, ab jetzt zu kämpfen, damit die Partei als Sieger durchs Ziel gehe. Ansonsten drohe die Opposition.

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    Auf Wilhelm Molterer lag viel Erwartungsdruck. Er sollte in Graz beim Wahlkampfauftakt seine ÖVP aus der Defensive holen.

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