Das Setting ist altbewährt: In einer geschlossenen Gesellschaft geschieht ein Mord. Der oder die kluge Detektivin findet durch Befragung heraus, wer der Mörder ist. In Norwegen entgleist ein Zug wegen eines Schneesturms. Die Passagiere können trotz des Orkans evakuiert und in ein nahegelegenes Berghotel gebracht werden. Mürrische Beobachterin der wilden Szenen ist Hanne Wilhelmsen, eine Ex-Polizistin, die nach einem Schusswechsel querschnittgelähmt im Rollstuhl sitzt. Aktiv kann sie kaum handeln, also muss sich die Ich-Erzählerin auf ihre geistigen Kapazitäten beschränken, als ein Mitglied der Zwangsgemeinschaft ermordet wird.
Nicht nur, dass es zu viele Verdächtige gibt, das Ganze wird noch komplizierter, weil an den Zug ein Sonderwaggon angehängt gewesen war: Wer sind die anonymen Mitreisenden? Etwa Mitglieder des norwegischen Königshauses? Tatsache ist, dass ein Teil des zugeschneiten Hotels abgesperrt und von unfreundlichen Bewaffneten abgeriegelt wird. Wilhelmsen wird immer misanthropischer, die Kühlräume in der Küche werden grausig zweckentfremdet, und weil so schnell keine Rettung in Sicht ist, zeigen sich die Eingeschlossenen bald von ihrer schlechtesten Seite. Wilhelmsens Außenseiterposition gewinnt dem Geschehen neue Perspektiven ab und verleiht dem scheinbar abgenutzten Krimimuster neuen Glanz. (Ingeborg Sperl, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 06./07.09.2008)
Anne Holt, "Der norwegische Gast". Dt.: Gabriele Haefs, € 20,50/318 Seiten. Piper, München 2008
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