Das fahrende Klassenzimmer

5. September 2008, 17:00
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Zehn Monate lang waren Max und Emil Schuber mit ihren Eltern in Lateinamerika unterwegs - Der Land Rover Defender, in dem sie durch Argentinien, Chile und Bolivien fuhren, war Wohn- und Klassen­zimmer zugleich - Gelernt haben sie nicht nur Spanisch

"Max im Dachzelt bei minus 18 Grad, das sind Temperaturen wie im Gefrierfach, das war schon eine Herausforderung", erzählt Peter Schuber. Der Gymnasiallehrer sitzt mit seiner Frau Marion und den Kindern am Küchentisch ihres Hauses im burgenländischen Wulkaprodersdorf, vor der Tür ist der Land Rover geparkt, der der Familie zehn Monate lang ein Zuhause war.

27.000 Kilometer haben die vier von Oktober 2007 bis Juli 2008 zurückgelegt, von Buenos Aires bis nach Feuerland, zurück durch Patagonien bis in die chilenische Atacamawüste, von den weiten Hochebenen im bolivianischen Altiplano bis zum subtropischen Regenwald Argentiniens.

"Wir sind sehr langsam gereist und haben bewusst gesagt, wir nehmen uns nicht ganz Südamerika vor, sondern nur drei Länder", betont Marion Schuber. "Schließlich ging es ja auch darum, wie wir den Unterricht der Kinder in den Reisealltag einbauen können."

Dass Max, zwölf Jahre alt, und Emil, zehn, überhaupt so lange unterwegs sein konnten, ohne am regulären Unterricht teilzunehmen, liegt an einer österreichischen Besonderheit. "Es gibt in Österreich keine Schulpflicht, sondern eine Unterrichtspflicht. Also kann man ein schriftliches Ansuchen an den Landesschulrat stellen, die Kinder selbst zu unterrichten. Vor dem Aufstieg in die nächste Schulstufe müssen sie dann Feststellungsprüfungen machen", erklärt Peter Schuber. Diese Möglichkeit steht nicht nur ihm als Mathematik- und Physiklehrer, sondern grundsätzlich jedermann offen, der es sich zutraut, seine Kinder selbst zu unterrichten.

Alltäglicher Lehrplan

"Einen schulähnlichen Betrieb aufzubauen ist uns nicht gelungen", gibt er lachend zu. "Das Lernen musste sich dem Alltag unterordnen, dem Einkaufen, Kochen, Auf- und Abbauen", erklärt Marion Schuber. Die Grafikerin und Fotografin hat Emil vor allem in Englisch, Deutsch und Geografie unterrichtet, der Vater die beiden Söhne in seinen angestammten Unterrichtsfächern. "Spanisch haben wir gemeinsam gelernt, da habe ich den Buben nichts vorausgehabt", räumt der Professor ein.

Die Lehrpläne kann man sich heutzutage im Internet herunterladen, die Kinder waren zudem per E-Mail mit ihren Klassenkameraden in Kontakt. "Meine Freunde haben mir dann z. B. die Fragen von Tests geschickt, die sie gerade in der Schule gemacht haben", erzählt Max. Seine Deutschlehrerin hat zudem die Reise ihres Schülers mit einem EU-Projekt begleitet, im Zuge dessen auch die Homepage "Max auf Reisen" eingerichtet wurde, in der Max seine Kollegen darüber auf dem Laufenden gehalten hat, welche Tests er gerade zu bestehen hat.

"Wir haben versucht, mit dem, was die Natur vorgibt, zu leben, dass der Unterricht Teil des Alltags ist", erklärt Marion Schuber - und Max ergänzt: "Das hat nicht immer so gut funktioniert." In Feuerland sei es z. B. erst um Mitternacht finster geworden, in den kalten Nächten der Atacama habe man die ersten wärmenden Sonnenstrahlen sehnlichst erwartet, da gibt es keinen fixen Stundenplan.

"Wir haben versucht, die Zeit nicht nur mit Fahren zu verbringen, obwohl wir große Distanzen zurückzulegen hatten", erzählt Peter Schuber. So sei die Familie oft einen Tag gefahren, dann jeweils zwei, drei Tage an einem Ort geblieben, in Patagonien standen auch mehrtägige Wanderungen auf dem Programm.

"Mehr als zwei, drei Stunden strukturiertes Lernen am Tag war nicht möglich", erzählt Peter Schuber. "Dabei haben wir drei bis vier Fächer geschafft." "Manchmal haben wir bei den Fahrten Vokabeln geübt", erzählt Emil - aber oft seien die Straßen so holprig gewesen, dass auch das nicht möglich war. "Dafür lebt man extrem in der Natur und kann Themen wie Fischfang, die südamerikanischen Pfahlbauten oder Holzwirtschaft direkt am Objekt erklären und lernen", zeigt sich Marion Schuber begeistert.

Tierkunde am Objekt

Auch viele Tiere und Pflanzen haben die Kinder so kennengelernt, wie es ihnen kein Schulbuch vermitteln könnte. "Wale, Pinguine, Gürteltiere", zählt Emil auf - und die giftige Kornfeldspinne, ergänzt Max, aber die hat die Familie Schuber zum Glück nicht persönlich getroffen.

Was die Kinder noch gelernt haben in diesen zehn Monaten? Zum Beispiel fixe Aufgaben zu übernehmen im Tagesablauf, beim Auf- und Abbau des Dachzelts helfen, die Schlafmatte, genannt "das Weiße", ausbreiten, Schnüre spannen, die Folien, genannt "das Silberne", zum Schlafen in den Fenstern anbringen.

Ordnung halten auf den knapp zwei Quadratmetern Fläche im Auto, die Wohnzimmer waren, Elternschlafzimmer und Küche, manchmal erweitert um ein Vorzelt gegen den Regen, den Benzinkocher aus Platzgründen in der Hintertür eingebaut.

Aushalten auf engstem Raum, Geduld haben, wenn es nicht gleich etwas zu essen gibt. "Wenn niemand was kochen will und ich habe Hunger", das hat schon genervt, sagt Max. Und Emil ergänzt: "Kein Backrohr, stell dir das einmal vor!"

"Ich habe gedacht, man kann mehr strukturiert arbeiten, aber das war nicht so. Ich habe es auch von der Anstrengung her etwas unterschätzt", erzählt Marion Schuber. "Wir haben alle gelernt, wie man selbst am besten lernt", ergänzt ihr Mann. So lernt Max gern draußen auf der Wiese auf einer Matratze, Emil ist da zu sehr abgelenkt, weil es so viel zu sehen gibt.

Als Familie haben sie gelernt, dass man auf so engem Raum nichts lange zurückhalten kann, keinen Groll, kein Unbehagen. Dass man Verantwortung trägt für sich und füreinander. "Das Miteinander war das größte Geschenk", sagt die zierliche Frau, der der größere der beiden Söhne schon bis an die Schulter reicht. "Zu Hause hat man nie die Zeit, so innig, so intensiv zusammenzuleben."

Emil wird die erste Klasse Gymnasium in diesem Herbst freiwillig wiederholen, obwohl er, wie sein Vater sagt, die Feststellungsprüfungen locker schaffen könnte. Ein Jahr geschenkt! Emil hat es sich so ausgesucht.

Max büffelt gerade fleißig für die Prüfungen, er will in die vierte Klasse aufsteigen und ist guter Dinge, dass er das auch schaffen wird. Was die Buben am meisten beeindruckt hat auf dieser Reise? Die Iguazú-Wasserfälle zwischen Argentinien und Brasilien, sagt Max, und die Handabdrücke der Urzeitmenschen in den Höhlen, sagt Emil - wie hießen die noch einmal? "Cuevas de los manos", sagt seine Mutter und schreibt es auf. "Das schreibt man ohne Tilde über dem n", sagt Max ganz freundlich und lacht.  (Tanja Paar/DER STANDARD, Printausgabe, 6./7.9.2008)

  • Emil und Max Schuber (rechts) auf einer Passhöhe zum Lago Santa Rosa, im Nationalpark Tres Cruces, Chile.
    foto: marion schuber

    Emil und Max Schuber (rechts) auf einer Passhöhe zum Lago Santa Rosa, im Nationalpark Tres Cruces, Chile.

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