"Es riecht nach Bier und Zank"

5. September 2008, 19:34
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Bachmann und Celan, Wolfgang Koeppen und seine Frau Marion: Zwei fantastische Briefbände offenbaren die Ohnmacht der Nachkriegsliteratur

Der Anblick der blutjungen Schwabinger Salonschönheit Marion Unger muss den seinerseits keineswegs mehr taufrischen Romancier und Drehbuchautor Wolfgang Koeppen wie der sprichwörtliche Blitz gestreift haben. Die Anwaltstochter, einer unheilvollen familiären Disposition wegen von früh an daran gewöhnt, bei allen passenden oder auch unpassenden Gelegenheiten den Alkoholika zuzusprechen, wird ab 1943 von ihrem "Kopernikus" in recht eindeutiger Weise angehimmelt. Sie zählt zu Beginn von Koeppens Werbungsversuchen gerade 16 Jahre – und ist damit satte 21 Jahre jünger als ihr dichtender Kavalier.

Marion Koeppen wird 1948 "Frau Koeppen". Mit der Eheschließung beginnt eine der anrührendsten Langzeitverbindungen in der Geschichte der deutschen Nachkriegsliteratur. Irritierende Balzlaute richtet der reife Dichter an seine Angetraute: "Du bist nicht die Braut für diese Zeit, aber du bist die rechte." Die 50er-Jahre brechen über die Bundesrepublik herein – mit ihnen ein Wohlstand, von dessen Segnungen im Hause Koeppen vorerst wenig zu verspüren ist. Der Gemahl schreibt sukzessive jene Roman-Trilogie nieder, deretwegen – durchaus auch mit Blick auf Arno Schmidt oder den "jungen" Grass – die deutsche Prosa nach 1945 zu Recht Weltgeltung genießt. Man kennt die Bücher kaum mehr: Sie heißen Treibhaus, Tauben im Gras und Der Tod in Rom.

Koeppen vergöttert Marion. Traut man dem Konvolut an gewechselten Briefen, die der Suhrkamp Verlag nunmehr vor der Öffentlichkeit ausbreitet, so besitzt im Hause Koeppen ein Einziger die "Sprachmacht" . Der Dichter schreibt – darin liegt, ganz altmodisch gesprochen, seine Daseinsbestimmung. Er kann nur nicht zu Hause schreiben. Der Subtext ist wenig vorzeigbar. Er lautet: Marion säuft ständig. Marion gerät, sobald sie die Freuden der Intoxikation genießt, in ganz furchtbare Exaltationen. Sie verlustiert sich lesbisch. Doch dann ist Wolfgang natürlich schon längst außer Haus gewesen. Er "schreibt" dann – oder bekundet wenigstens gegenüber Dritten wortreich -, warum er nichts Rechtes geschrieben haben kann.

Koeppen, der legendäre "Verstummte" des Suhrkamp Verlages, der seinen wahren Lebensroman in jenem Briefwechsel abgebildet findet, der ihn als den listenreichen Meister im Herauskitzeln von Vorschüssen zeigt, als einen Gescheiterten, der wenig dichtet, aber die Öffentlichkeit mit hochgestimmten Romanplänen ganz frohgelaunt in Atem hält – Koeppen wird, mit Blick auf die ganz einseitige Briefdokumentation seines Ehelebens, als Opfer höchst schmeichelhaft präpariert.

Man glaubt sich bei Lektüre des schön kommentierten Bandes trotz allem so, wie du bist mitunter in einem Heinz-Erhardt-Film angekommen: Das Nesthäkchen, mutmaßlich besoffen, sitzt zwischen zwei reizenden Hunden auf dem Küchensofa, während sich der Herr Gemahl in wochenlange Schreibklausur begeben hat. Koeppen klappert in schlecht klimatisierten Hotelzimmern in Stuttgart, erzählt seinem "Kuckucksklan" (sic!) von fronvollen Aufenthalten im Württembergischen und weiß auch Malerisches aus dem Stadtbild zu berichten: "Neger gehen mit sehr hässlichen Frauen vorüber. Arme Neger." Man könnte meinen, Koeppen sei zu seinem Missvergnügen gewaltsam nach Missouri versetzt worden.

Er schwitzt ganz unsäglich an der Schreibmaschine Hemden voll und argwöhnt, dass die (lesbisch) Ungetreue derweil zu Hause "nach Bier und Zank rieche". Das Ungemach eines Strindberg-Dramas ist in diesem sich über die Jahrzehnte verfestigenden Ehebild unheilvoll aufgehoben. Die Briefe zeigen die Wahrheit nur um-, nicht ungelogen. Man glaubt, den Mief beim Herauskriechen aus dem Faltenrevier der Rheumalinddecken förmlich nachspüren zu können.

Man bewundert Koeppens Findigkeit im Annehmen und Flüssigmachen von Vorauszahlungen – von Spesen, während er in den 50ern, 60ern monatelang auf journalistische Reisen geht und das Weibchen zu Hause mit Ohnmachtsbekundungen nervt. Kleid aus Los Angeles? Könne er ihr leider nicht kaufen, da er ja ihre Konfektionsgröße nicht zu rekonstruieren versteht!

Koeppen hat, einer merkwürdigen Mythologie zufolge, sein Bestes geopfert, um seinem Lebensmenschen über die schlimmsten Anfechtungen hinweg das Überleben zu sichern: seine Literatur. Marions wegen hat es also den verschiedentlich angekündigten Monumentalroman In Staub mit allen Feinden Brandenburgs nicht mehr gegeben. Es liegt aber eben auch keine Stimme vor, die dem kauzigen Wirtschaftswunderton Koeppens nachträglich zu widersprechen wüsste – Marions übermittelte Briefe sind einfach zu wenige. Wolfgang Koeppens Gemahlin starb 1984 an Leberzirrhose. Des Witwers kurzer Text zum Abschiednehmen ist der knappe, unendlich fein ziselierte Vermerk einer lebenslangen Passion. Es waren seine besten Jahre und Kräfte gewesen, die er nicht auf zwei Notwendigkeiten zugleich zu konzentrieren verstand. Das macht, nachträglich gesagt, aus dem Tod in Rom (1954) keinen kleineren Wurf.

Vom Schweigen, genauer noch: vom jeweils planvollen oder auch nur planlosen Versiegen der Kommunikationskanäle handelt auch der zweite große Briefsammlungsband, den Suhrkamp in den Bücherherbst wirft: Ingeborg Bachmanns Korrespondenz mit dem Kollegen Paul Celan präsentiert, mustergültig ediert und kommentiert von Bertrand Badiou, Hans Höller, Andrea Stoll und Barbara Wiedemann, ein härenes Passionsspiel der existenzphilosophischen 1950er- und 1960er-Jahre.

Die junge Bachmann verband mit dem staatenlosen Celan seit 1948 ein so inniges wie in letzter Konsequenz unlebbares Liebesverhältnis; der Jude aus Czernowitz, der seine Familie von den Nazis ausgerottet wusste, widmet der begabten Kärtnerin gleich zu Anfang ihres gemeinsamen Kennenlernens ein Gedicht (In Aegypten) – und legt damit ein für allemal den Generalton ihrer schmerzvollen Auseinandersetzung fest: "Du sollst zu Ruth, zu Mirjam und Noemi sagen:/ Seht, ich schlaf bei ihr!" ("Du" meint rhetorisch "ihn", Celan.)

Aber soll man diesen beklemmenden Briefwechsel, der das Wohltuende an das jüdische Weh heftet, der völlig beispiellos davon erzählt, wie das innigste Verständnis notwendig in eine wechselseitige Verfehlung hineinmündet, tatsächlich bloß an die Fachgermanistik aushändigen? An alle diejenigen, die sich die Entschlüsselung von Celans oft so rätselhaften Versen zum gewiss ersprießlichen Hauptberuf gewählt haben?

Bachmann, der mysteriöse Star einer allmählich aus Kultur- und Gesinnungsschutt mühsam wiedererstehenden Nachkriegsliteratur, übernimmt zwischen ihnen den "zärtlichen" , den gewissermaßen pragmatischen Part. Sie bekennt Sehnsüchte ein, deren umwegige Verzeichnung im Widerspiel der Gedichtkorrespondenz zusehends Schaden nimmt.

Voyeure werden mit der Lektüre des Bandes Herzzeit auf keine wie immer gearteten Kosten kommen. "Die" Bachmann ist das Enigma einer zu Recht "weiblichen" Literatur, die das Leben – und die Bachmann war enorm lebenslustig! – bloß als Wechsel von Krisen zu managen versteht.

Krisen sind Verfehlungen in der Kommunikation. Sprachliche Vereinbarungen können aber nur dann poetisch haltbar gemacht werden, wenn ihre Produkte – ob Gedichte oder Briefe – mit den Malen des Scheiterns versehen sind: wenn sie ihren Sinn lediglich widerstrebend preisgeben und das "Gelingen" von Verständigung als die Ausnahme von der Regel vor Augen führen.

Man kann daher nachlesen, wie Celan erst innehält, um an oder "in" der Bachmann sein eigenes poetisches Widerbild zu finden: stets von Misstrauen geplagt, von den Verheerungen des Holocaust psychisch unrettbar versehrt. Wie er schließlich, als bereits gefeierter Dichter mit Wohnsitz in Paris, das Aufflackern der erotischen Beziehung – Bachmann ist seit 1958/59 mit Max Frisch liiert – allmählich unter Bedenken begräbt. Wie er seiner "Ingeborg" Leichtfertigkeiten unterstellt, wie er ihre Dichtungen über eine lange Zeit hinweg negiert – wie er im Zuge einer leidigen Plagiatsaffäre überhaupt das gesamte Zutrauen in die Welt verliert. Und andere, die doch seine Freunde sind, seine guten, gutwilligen Bekannten, aus dem Kreis der (nicht nur brieflichen) Adressierbarkeit ausschließt. Ehe er 1970 seinem Leben dann ein Ende setzt, indem er in den Fluss Seine geht.

Zwei unterschiedlichere Briefsammlungen sind gar nicht denkbar: Der eine Dichter (Koeppen) nimmt vor seiner alkoholkranken Frau Reißaus, um in dem eng bemessenen Freiraum das Erlahmen seiner Schaffenskraft zu konstatieren. Der andere Dichter (Celan) zieht sich immer eigensinniger, immer schmerzlicher vor derjenigen Partnerin zurück, die mit ihm auf gleicher Höhe (poetisch) korrespondiert. Ingeborg Bachmann wird viele Jahre später ihren Paul-Celan-Schlüsselroman Malina schreiben, und das Syndrom der "Krankheit" wird zum Zeichen des Widerstands. Zu viel für den armen, großen, tapferen Paul Celan. (Ronald Pohl, ALBUM – DER STANDARD/Printausgabe, 06./07.09.2008)

Existenzen der Nachkriegsliteratur: Wolfgang Koeppen (ganz links) opferte die Chimäre des Fleißes an seine geliebte, weitaus jüngere Frau Marion (rechts daneben). Verrätselungskünstler leider unlebbarer Lebensverhältnisse: Paul Celan liebte und korrespondierte mit Ingeborg Bachmann. ´

  • Ingeborg Bachmann, Paul Celan, "Herzzeit" . Briefwechsel. € 24,80/400 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008
  • Wolfgang Koeppen, Marion Koeppen, "trotz allem so, wie du bist". Briefe. € 32,80/464 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008
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    foto: der standard
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