„Trockenhauben-Bestseller" lauschig lesen

5. September 2008, 15:42
posten

Wiens Stadtbibliothek stellt sich auf TV-geprägtes Leseverhalten von Kunden ein

In der Wiener Stadtbibliothek kann man nach dem typischen Büchereibesucher lange suchen. „Den gibt es nicht", sagt Christian Jahl, Leiter der Bücherei am Urban-Loritz-Platz in Rudolfsheim-Fünfhaus. „Das ist auch gut so, denn die Zielgruppe der öffentlichen Büchereien ist die gesamte Bevölkerung."
Bedingt durch die Lage - die Hauptbücherei ist im 15. Wiener Gemeindebezirk, in dem die meisten Ausländer wohnen -, kommen auch viele Immigranten in die Bibliothek. Das einzig Typische ist höchstens das Alter der Nutzer: 88 Prozent sind unter 40 Jahre alt. „Die Vorstellung, dass die Pensis in Scharen kommen, trifft nicht zu", sagt Erich Schirhuber, Lektoratsleiter in der Hauptbücherei.

Die Interessen der Leser lassen sich an der Bestleiher-Liste ablesen: Diese führt heuer Charlotte Roche mit ihren „Feuchtgebieten" an, gefolgt von Titeln zahlreicher Bestseller-Autoren wie Henning Mankell, Haruki Murakami oder Michel Houellebecq. In der Sachbuch-Bestenliste findet sich ein Buch, das so gar nicht zu Bücherwürmern zu passen scheint: „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat" von Pierre Bayard.
Dafür, dass man in jungen Jahren zum Lesen komme, sei grundsätzlich das Elternhaus verantwortlich, sagt Beate Wegerer, Leiterin der Kinderbuchabteilung Kirango. In der Bücherei sind Mangas und andere Comics die Renner - neben Fantasy von Cornelia Funke („Tintentod") oder Joanne K. Rowling („Harry Potter"). Das Konsumverhalten bei Kindern ändere sich: „Bilderlesen ist schließlich auch Lesen", sagt Wegerer.

Zum Schmökern animiert

Auch wenn so mancher Elternteil nicht mit Harry Potter einverstanden ist: „Der letzte Harry-Potter-Band hat 3000 Seiten. Wenn ein Jugendlicher so viele Seiten bewältigt, dann fällt er nicht vor Schreck um, wenn er einmal vor der ‚Suche nach der verlorenen Zeit‘ von Marcel Proust (5000 Seiten) steht", sagt Erich Schirhuber. Harry Potter sei ein „Trockenhauben-Bestseller", ein Buch, das keine Rezensionen brauche, um bei einem großen Publikum anzukommen.
Sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen hat sich durch das Fernsehen das Leseverhalten geändert, sagt Jahl. Sie wollen in Büchern wie auch im TV schnelle Schnitte. Darauf reagieren Autoren, indem sie viele Szenenwechsel machen. Auch das Interesse hat sich verlagert: Die Belletristik ging zugunsten des Sachbuchs, in dem komplizierte Inhalte einfach und unterhaltsam erklärt werden, ein wenig zurück.
Jugendliche, die nicht mit Büchern zu locken sind, kommen wegen der CDs, der DVDs, Fachzeitschriften oder des Internetzugangs in öffentliche Bibliotheken. Doch nicht jede der 3000 Büchereien in Österreich ist gut ausgestattet und animiert die Besucher zum längeren Verweilen. „Dabei ist das international Standard", kritisiert Büchereileiter Jahl.

In der Bücherei im 15. Bezirk gibt es neben PCs und CD-Playern auch lauschige Plätzchen zum Schmökern. Auf einem dieser lauschigen Plätze hat es sich Wolfgang Rutschnig bequem gemacht. Der 53-Jährige kommt fast täglich in die Hauptbücherei. Wie er die drei Bücherstapel, die er um sich verteilt hat, bewältigen will, ist ihm selbst noch nicht klar. Nach Hause nehmen kann er sie jedenfalls nicht. „Ich bin gesperrt", sagt der Mann. Wegen „Rowdytums" dürfe er keine Bücher mehr ausleihen. „Ich habe in den Büchern herumgekritzelt und unterstrichen. Irgendwann sind sie mir dann draufgekommen", erzählt er und lacht. Viktoria Laser hat sich ebenfalls mit einem Stapel Bücher zurückgezogen. Was die 23-jährige Studentin an der öffentlichen Bücherei schätzt: „Mit verschiedenen Menschen Kontakt zu haben und trotzdem für sich zu sein." Allein ist man hier wahrlich nicht: 2000 Menschen kommen am Tag durchschnittlich in die Hauptbücherei und borgen sich 6700 Medien aus. (Marijana Miljkovic, Der Standard Print-Ausgabe, 6./7.9.2008)

 

  • Unter Leuten - und doch allein: Hinter mehr als 300.000 Büchern in der Wiener Hauptbibliothek kann man sich leicht verstecken.
    standard/heribert corn

    Unter Leuten - und doch allein: Hinter mehr als 300.000 Büchern in der Wiener Hauptbibliothek kann man sich leicht verstecken.

Share if you care.