Göttliche Gaudi

5. September 2008, 15:41
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Das Schreiben von Büchern und das Schreiben von Schummelzetteln haben eine ähnliche Funktion. In beiden Fällen geht man den Dingen auf den Grund

"Eigentlich bin ich ganz anders,
nur komm ich so selten dazu."
(Ödön von Horváth)

Klüger kann man bekanntlich immer werden, aber bei nichts anderem ist die Gefahr so groß wie beim Lesen und beim Schreiben. Viele mussten dabei schon entdecken, nicht so zu sein, wie sie dachten, oder (noch spektakulärer) wie sie hofften zu sein. Eine für gewöhnlich erwünschte Nebenwirkung beim intimen Umgang mit Büchern (sowohl beim Lesen als auch beim Schreiben) ist freilich die Verblüffung, was alles möglich ist, machbar ist im Leben - und zwar im eigenen.
Es gibt ja die strenge Meinung, dass nicht gelebt hat, wer nicht gelesen hat. So weit würde ich nicht gehen, aber doch so weit: Wer nicht gelesen hat, hat nur ein einziges Leben gelebt, und nicht, wie es dank Büchern möglich ist, ein anderes oder gar unzählige andere.

Beim Schreiben bemerkt man, wie es sein könnte, das Leben, und man bemerkt, wie es ist. Wunderbare und freilich auch ernüchternde Überraschungen sind die Folge. Menschen machen sich mitunter ja so einiges vor. Schwerer fällt es da schon, sich schreibend, also konzentriert und selbstkritisch, zu beschwindeln. Man redet sich eben doch rascher etwas ein, als man sich etwas einschreibt. Beim Lesen, zumindest beim konzentrierten Lesen, und beim Schreiben wird man erbarmungslos genötigt, den Dingen auf den Grund zu gehen, neue Wahrheiten zuzulassen. Im sonstigen Leben ist das bekanntlich nicht immer der Fall. Es soll Menschen geben, die wie unbeteiligt ein- und ausatmen und ihr Leben mehr geschehen lassen, als es zu gestalten. Zyniker behaupten, es gebe Menschen, die, einmal alt geworden, nicht etwa lange gelebt hätten, sondern lediglich lange da gewesen wären. Schreibend und lesend reduziert sich dieses Risiko jedenfalls erheblich.

Es war im Anschluss an eine Lesung in einer Schule, da behauptete ich, dass das Schreiben von Büchern und das Schreiben von Schummelzetteln überraschend viele Gemeinsamkeiten aufweisen. So manövriert es sich mit beiden Schriftstücken leichter durch heikle Phasen des Lebens. Außerdem geht's da wie dort darum, etwas, das sonst allzu flüchtig wäre, festzuhalten, es zu sichern, zu bewahren. Lernstoff auf Schummelzetteln, Lebensstoff in Büchern. Eine weitere, womöglich die bedeutendste Gemeinsamkeit, ist der während des Schreibens wie nebenbei, gleichsam spielerisch ablaufende Prozess des reifer Werdens (na schön, bleiben wir auf dem Boden: des Satz für Satz, Buch für Buch etwas weniger einfältig Werdens).

Womit wir bei jenem Aspekt des Schreibens angelangt sind, der mir der Genialste von allen erscheint, und der vermutlich für viele Autoren das gewichtigste Motiv überhaupt darstellt: Schreiben nämlich macht es möglich, über sich selbst hinaus zu wachsen. Ja, es erlaubt einem, etwas weit Größeres zu schaffen als die Summe der eigenen Fähigkeiten. Und in den raren, wahrhaft magischen Momenten des Schreibens gelingt noch mehr, dann entsteht etwas wirklich Großes und Bedeutendes, an dem sich nicht nur mancher Leser, sondern auch der Autor selbst aufzurichten vermag. So wird es Buch um Buch möglich, sich stets höher und höher nach der Decke zu strecken - bis man, hoffentlich, irgendwann einmal, menschlich und gedanklich groß genug ist, um aufrecht dazustehen.

Manche Autoren gehen noch weiter, sie werten das Schreiben als gottähnlichen Akt. Von da ist es freilich nur noch ein kleiner, unmerklicher Schritt zur Auffassung, selbst göttlich zu sein. Der sich so manifestierende Größenwahn endet mitunter in einer geschlossenen Anstalt oder zumindest in einer offenen Tobsucht gegen die Welt. Was ja nichts macht, wer Gott ist, kann sich schließlich seine eigene Welt schreibend erschaffen.

Wenn ich zuvor magische Momente während des Schreibens erwähnt habe, sei hier noch ergänzt, dass ich mich in diesen Fällen keineswegs für göttlich halte, ja nicht einmal für einen Autor, sondern vielmehr für eine Art Sekretär von etwas Wunderbarem. In diesen raren Momenten schreibe nicht ich, sondern schreibt es mit mir. Darum sind manche meiner Texte derart genial. (Einst warnte mich ein älterer Kollege: "Pass auf, Ironie kapieren Leser nie, und eigens darauf hinzuweisen wäre stillos.")

Nachtrag zum Gescheiterwerden beim Schummelzettelschreiben: In meiner Schulzeit gab es ja noch keine Handys, Headphones, Scanner und dergleichen Hightech, mit dem sich das Schummeln heutzutage geradezu industriell automatisieren lässt. Schummler waren damals tatsächlich noch aberwitzig kleine Zettelchen mit entsprechender Minimundus-Schrift. Konzentriert und tief gebeugt saß unsereiner damals an der kleinteiligen Fabrikation der Dinger, und oft gelangen sie nicht auf Anhieb, oft mussten sie erneut gekritzelt werden und abermals und noch einmal, bis man den Stoff - welche Überraschung - unversehens beherrschte; und dann nicht wusste, ob man sich freuen oder ärgern sollte, denn den perfekten, ja nobelpreiswürdigen Schummler konnte man nun wegschmeißen.

Eine Schülerin war es, die im Anschluss an eine Lesung erzählte, dass erst das Schreiben ihr ermögliche, sich über den Kern und die Hintergründe von Erlebnissen klar zu werden. Allerdings kann es vorkommen, ergänzte ich, dass allzu viel Klarheit gar nicht gewünscht ist. Einem Freund etwa riet ich einmal, die Gedanken zu notieren, die ihm durch den Kopf flogen und immer wieder auf unangenehmste Weise seine Nachtruhe störten. So könne er sich später, zurückgelehnt und mit etwas Abstand, Klarheit darüber verschaffen. Erschrocken sah er mich an, schüttelte energisch den Kopf. So genau, seine Stimme verriet leichte Panik, so genau wolle er es gar nicht wissen.

Ob seine Verweigerung klug war, sei dahingestellt, jedenfalls zeigt die reflexartige Abwehr im Umkehrschluss eines: Wer es doch genau wissen will (wer also Risiko liebt), sollte schreiben und lesen. Nicht zuletzt auch, um das Himmelsgefüge nicht durcheinanderzubringen, verrät uns doch ein jüdisches Sprichwort: "Der Mensch denkt, und Gott lacht." Das sinnierende Lesen und Schreiben zu lassen, wäre also von geradezu gottloser Fahrlässigkeit - hätte der Schöpfer doch von einem Tag auf den nächsten gar keine Gaudi mehr mit uns. (Thomas Sautner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6./7.9.2008)

Zur Person

Thomas Sautner, geboren 1970, lebt im Waldviertel und in Wien, studierte Politikwissenschaft und Zeitgeschichte. Zuletzt erschienen: "Milchblume", Roman, Picus, Wien 2007.

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