Die Eroberung der Trabantenstadt

5. September 2008, 15:37
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Dialoge, prägnante Beschreibungen und das deutsch-französische Verhältnis. Wie eine Zugfahrt zu einer langanhaltenden Asterix-Sucht und schließlich ins eigene Schreiben führte

Die Buchstaben, die man mir beibrachte, waren per se noch nicht allzu sexy. Hatte ich als Aufgabe eine Seite voller As zu schreiben, freute ich mich stets am meisten auf die Zierleiste, die man ans Ende einer solchen Seite zu setzen hatte. Die Magie des zwischen den Zeichen gefangenen Sinns, die ergriff mich eher allmählich. An meine allerersten Leseleistungen kann ich mich nur undeutlich erinnern.

Im Lauf der ersten Klasse, noch vor dem Erlernen der Zwielaute, entzifferte ich irgendwann das Geschäftsschild unseres Greißlers in Heiligenstadt, also "Feinkost Bäuerl" . Ich buchstabierte Bäää-uuu-erl und machte meine Eltern drauf aufmerksam, dass sie wohl nicht ordentlich lesen konnten, wenn sie Bäuerl sagten.
Am Weg in die Osterferien stieg meine Mutter beim Reiselektüre-für-den-Zug-Thema auf neue Geleise um. Sie beschloss, mir nicht mehr wie üblich ein Bussibärheftl zu kaufen, um es mir dann ganz und gar vorzulesen - sie erstand vielmehr den damals (1974) aktuellen Asterix-Band Die Trabantenstadt (Le domaine des dieux) von Goscinny und Uderzo und ließ mich damit auf meinen Fensterplatz sinken.
Im Zug nach Tirol begann ich zunächst die fettgedruckten (also gebrüllten) Sätze in den Sprechblasen zu buchstabieren, also "Die ... Römer ... sind ... im ... Wald!" oder "Schöne ... frische ... Fische!" . Dazu betrachtete ich die prallen, vor physischer Entäußerung berstenden Bilder und stellte mir allerlei Zusammenhänge vor.

Meine Meisterleistung war das Entziffern eines Satzes aus dem Mund von Fischhändler Verleihnix, der einer nächtlichen Großschlägerei im friedlichen gallischen Dorf vorausgeht: "Du... wirst... gleich... sehen,... wer... hier... ein... Idiot... ist!!!" . Für diese Worte brauchte ich mindestens von Wels bis Attnang-Puchheim, und ich glaube, die dauerhafte milde Duldung meiner Asterix-Sucht in den kommenden Jahren durch meine Eltern beruhte auf dem Erleben dieser so friedlichen Zugfahrt.

Man kann also sagen, dass mein erstes Lesen ein dialogisches war. In der Osterfrische angekommen, machte ich dann erste Prosa-Erlebnisse, indem ich die erklärenden Text-Rechtecke über den Bildern las. Kurz vor dem Schlafengehen hatte ich folgenden Satz beendet: "Und noch in derselben Nacht bewegt sich eine Karawane iberischer, lusitanischer, numidischer, belgischer und gotischer Sklaven in Richtung Wald." Ich verstand, dass mir zu dieser Lektüre eine Menge Information fehlte. Schon im Pyjama verließ ich das Bett und ging zu meiner Mutter. Diese verwies mich zu meinem Vater, weil dieser "historisch besser" sei. Mein Vater drehte die Nachrichten ab, nahm sich mein Heftl, las hinein, lachte, las weiter, lachte lauter. Irgendwann machte er das Heft zu, zog mich auf seinen Schoß und holte, wofür ich ihm bis heute dankbar bin, ganz weit aus.

Er sprach von Cäsar, von Brutus und dem Römischen Reich, er erklärte mir Vercingetorix und die Gallier, aber auch das damals in den frühen Siebzigern brandaktuelle Konzept der Banlieue, also der Trabantenstadt.

Als er fertig war, war ich gerüstet. Ich zog mich mit Taschenlampe und Trabantenstadt unter die Bettdecke zurück, und man kann sagen, dass ich eigentlich erst viele Jahre später wieder drunter hervorkam, als nämlich Goscinny starb und die folgenden Hefte mich mit zunehmender Enttäuschung erfüllten, weil Uderzo die Geschichten (und die Geschichte) verriet, um schlichte Gags zu schaffen. Bis dahin hatte ich enorme Welten kennengelernt: die Feinheiten des deutsch-französischen Verhältnisses in Asterix und die Goten, die psychologische Kriegsführung in Streit um Asterix, und in Obelix GmbH und Co das Yuppietum, noch ehe dessen Protagonisten in unseren Breiten auftauchen sollten.

Und das waren nur drei meiner Lieblingshefte. Mein jüngerer Bruder ließ sich von meiner Leidenschaft anstecken, bis heute ist er im Gallischen gleichauf mit mir. Manchmal sprechen wir sogar gallisch, etwa wenn einer von uns beim Heurigen von der Schank zurückkehrt und zitiert: "Ein Hörnchen Wein bleibt ungern allein!"

Etwa zu der Zeit, als ich aufhörte, (neue) Asterix-Hefte zu lesen, begann ich selbst zu schreiben. Und ein paar Ansätze nahm ich mir aus der Lektüre von Früh- und Hauptwerk der beiden französischen Genies mit.

Ein Grundverständnis für die Wirklichkeit zu haben und zu formulieren, aber nur, um diese Realität mit wohlgesetzter Raffinesse zu sprengen. Kurze, aber prägnante Beschreibungen. Und Dialoge mit Witz, weil der Witz im Dialog am nächsten an den Menschen wohnt. (Ernst Molden, DER STANDARD, Printausgabe, 6./7.9.2008)

Zur Person

Ernst Molden, geboren 2967, lebt in Wien, Autor von Theaterstücken und Musikstücken, Soundtracks zu Theaterproduktionen, die er auch live mit seiner Bank umsetz. Zuletzt erschienen: Musik: "Bubenlieder", 2006. Literatur: "Christbaum kaufen, baden gehen" (Kolumnen), Deuticke, Wien 2003.

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    foto: heribert corn

    Ernst Molden

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