Von Vorlesern und Selbstschreibern

5. September 2008, 15:34
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Das E-Mail-Fach quillt über, das Handy piepst dauernd, das Festnetztelefon läutet, der nächste Termin wartet. - Wie Top-Manager ihre Kommunikation managen

Wien - "Er liest kaum mehr als 15 E-Mails am Tag." Wer ist der glückliche Mensch? - Ein Top-Manager aus Deutschland. Frank Appel, Chef der Deutschen Post. Staunend registriert in der Süddeutschen Zeitung. - Wie machen das heimische Spitzenmanager? Welches Info-Management betreiben sie, um in dem Wust an Informationen, Anfragen oder Beschwerden, dem sie ausgesetzt sind, nicht zu ertrinken? Noch dazu, wo E-Mails die Kommunikationstür weit öffnen.

Der STANDARD machte ein kleines Experiment: E-Mail-Anfragen an vier Top-Führungskräfte. Nach dem bewährten Muster vorname.nachname@firmenname.at oder .com. Zumindest den Appendix verrät die Homepage. Was passiert? Wie lange dauert es, bis sie antworten? Wer kriegt die virtuelle Epistel unter die Augen? Wer antwortet? Ist in einer E-Mail von Brigitte Ederer auch wirklich Brigitte Ederer drin?

Enter, ab die Post.

Was das Tempo angeht, gewinnt die Siemens-Managerin klar. Die STANDARD-Anfrage wurde um 11:51 Uhr abgeschickt, 49 Minuten später antwortet - "Ederer, Brigitte" . Sie ist auf Urlaub - schreibt Anita Sifkovits aus dem Generalsekretariat unter der Anschrift der Chefin.

Eine Stunde und 47 Minuten später klingelt das Telefon. Der angemailte Bankmanager lässt durch seinen Assistenten ausrichten, er hat einen einzigen E-Mail-Account, liest zwar alles selbst, wer aber dann antwortet und zurückschreibt, entscheidet die Assistentin, die als Verteilerzentrale agiert.

Pech, der STANDARD wird "Opfer" des straffen Info-Managements, das aus Zeitgründen eine Absage für diese Anfrage bedeutet.

Die autorisierte Vor-Leserin

Der Eingang des dritten virtuellen Versandstücks wird zwei Stunden und 27 Minuten nach Erhalt aus dem Büro des angeschriebenen Generaldirektors eines internationalen Konzerns bestätigt - per Anruf durch eine Mitarbeiterin. Leider, keine Zeit für unser Anliegen. Eine Frage war erlaubt: Wer hat denn die Mail an den Herrn Generaldirektor zuerst gelesen? "Ich natürlich", sagt die autorisierte Vor-Leserin. Natürlich.

Die vierte E-Mail wird in der Sekunde retourniert: Nicht zustellbar. Na dann versuchen wir es doch mit b.nemsic@mobilkom.at. Ja! Es gibt die Adresse. Die E-Mail ist weg - einen Tag, vier Stunden und 34 Minuten lang.

Dann trudelt eine E-Mail von "Brandner Karin" ein. Aha. Wer ist das? Oh, es ist Boris Nemsic, der mit ihr in der Mailbox landet und einen Termin für den Info-Austausch vereinbaren lässt.
Der Chef der Telekom Austria Group gilt als personifizierte Rund-um-die-Uhr-Kommunikation. Gehört für einen Telekom-Chef ja fast zur Corporate Identity. Nemsic ist "grundsätzlich immer erreichbar" .

"Zeitnahe" Kommunikation über SMS

Zwei Handys (ein Testgerät, unbedingt mit Kamerafunktion) sind seine "Kommunikationszentrale" . Er liest jede der rund 60 E-Mails, die pro Tag auf dem einen Account (von drei) ankommen, persönlich. Meist am mobilen Organizer. Und er "beantwortet sie prinzipiell selbst", das kann auch Weiterleiten an Zuständige sein. Nemsics Postfach ist nur für seine Assistentin offen, "um den Überblick nicht zu verlieren" , sie entsorgt Werbe- und Spam-E-Mails.

Noch lieber kommuniziert Nemsic aber noch mehr "am Punkt" : "Ein Großteil der Kommunikation wird über SMS abgewickelt" - "zeitnah" , versteht sich. 50 und mehr Textbotschaften in Kleinbuchstaben tippt Nemsic am Tag. Sehr beliebt bei ihm: ;-) und Co.
"Info-Junkie" Nemsic ist vor allem "Online-Leser" , er "screent" österreichische, kroatische und internationale Medien. Flughafenwartezeit ist oft "Lesezeit" .

Die Nachleserin

Es ist der erste Arbeitstag nach Siemens-Chefin Ederers Urlaub - und offenbar gehört die "Pflege" ihres E-Mail-Accounts zu den ersten Aufräumarbeiten. Um 9:22 Uhr sind alle Fragen beantwortet. Ederer hat einen Vorteil: nur einen E-Mail-Account. "Den pflege ich selbst, wenn möglich antworte ich persönlich oder leite an zuständige Mitarbeiter weiter." Aufkommen pro Tag? "Circa 50 E-Mails."
Vor-Leser hat die Konzernchefin natürlich auch: "Über akut bedeutende Artikel werde ich vorab informiert." Aber Ederer ist nicht nur jobbedingt eine Nach-Leserin, die abends die Zeitung vom Tag liest, sie ist es in einem sehr buchstäblichen Sinn: "Eine meiner Schrullen ist, dass ich es nicht schaffe, ungelesene Ausgaben der Wochenzeitung Die Zeit wegzuschmeißen." Die Stapel werden kleiner: "Momentan bin ich im Jahr 2005 gelandet." - Alt, aber noch immer gut. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6./7.9.2008)

 

  • Wie viel Brigitte Ederer ist in einer E-Mail von "Ederer, Brigitte"
wirklich drin? Welche unsichtbaren Mitleser gibt es bei E-Mails an
Boris Nemsic, und wie sehen seine SMS aus? Ein kleines Experiment.
 
    foto: standard/cremer

    Wie viel Brigitte Ederer ist in einer E-Mail von "Ederer, Brigitte" wirklich drin? Welche unsichtbaren Mitleser gibt es bei E-Mails an Boris Nemsic, und wie sehen seine SMS aus? Ein kleines Experiment.

     

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