Die klügsten und besten Freunde

5. September 2008, 15:29
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Ein Buch aufschlagen, und wenn es gut ist, ist alles gut - Die Lese-Lebensgeschichte erzählt von der Flucht in Bücher, vom Sich-Verlieren und vom Sich-in-ihnen-Finden

Ich las, bevor ich lesen konnte. Meine Mutter schlug die Seiten eines der kleinen Pixi-Bücher um, und ich rezitierte aus dem Gedächtnis, was meine Mutter mir und meinen Geschwistern wieder und wieder vorgelesen hatte. Am liebsten die Geschichte von Puffi, der schwarzen Lokomotive. Da war alles drin: Unfälle und Entführungen, Ketten und Sklaverei, Hohn und Demütigung. Kein Wunder, dass die schwarze, einer überalterten Baureihe angehörende Lokomotive unter Versagensängsten litt. Die Therapie bestand aus einem frischen Anstrich in Signalrot. Plötzlich war die Lokomotive überall beliebt.

Oder die Geschichte von den Marienkäferkindern, die die Abwesenheit ihrer Mutter benutzten, um Karamell herzustellen und dabei die Küche flächendeckend einzusauen. Zur Strafe mussten sie den Garten umgraben, fanden dabei einen Schatz, kauften von seinem Erlös einen Staubsauger und gewannen so die Liebe ihrer Mutter zurück. Aber die Inhalte waren nicht wirklich wichtig, wichtig war es, den Text Wort für Wort genau so herzusagen, wie ihn meine Mutter vorzulesen pflegte. Wichtig war, dass eigene erstaunliche Können vorzuführen. Seht nur, das Kind kann schon lesen! Lesen war Sport. Gedächtnissport.

Lesen blieb auch Sport, als ich in die Schule kam und lernte, die einzelnen Buchstaben zu erkennen und ihnen ein Geräusch zuzuordnen, lernte, aus mehreren nebeneinander stehenden Buchstabengeräuschen ein Wort zu formen. Jetzt ging es darum, Bücher so schnell wie möglich durchzulesen. Je schneller, je besser. So viele Bücher, wie ich nur bekommen konnte. Inhalte störten mich nicht, interessierten mich aber auch nur am Rande. Mein Ehrgeiz war es, sämtliche Bücher, die mir gehörten, hintereinander wegzulesen. Zum letzten Mal gelang mir das im Alter von acht. Ich besaß bereits mehr als zwanzig Bücher und brauchte die ganze Nacht dafür. Als ich mit der letzten Seite gerade fertig war, kam meine Mutter ins Zimmer, um mich für die Schule zu wecken. Ich war nicht müde. Ich fühlte mich großartig. Ich besaß meine Bücher ganz und gar, ich hatte sie mir einverleibt. Ich war voller Geschichten, die mir niemand nehmen konnte. Lesen war Flucht. Das entdeckte ich, als ich von der Grundschule aufs Gymnasium wechselte. Ich hatte keine Freunde, man wollte mich nicht dabei haben. Das soziale Leben eines unbeliebten Kindes ist wahnsinnig anstrengend. Gut ging es mir eigentlich nur, wenn ich allein war. Und selbst dann fürchtete ich mich schon wieder davor, wie es am nächsten Tag in der Schule sein würde. Die Realität wurde immer bedrückender. Aber es gab diese kleinen rechteckigen Türen, durch die ich entwischen konnte. Man musste sie nur finden und öffnen und einige Seiten blättern, und schon befand man sich in einem anderen Universum, in dem Anderen Anderes zustieß. Jedes Buch eine Tür zu einer neuen Welt. Es musste gar keine schönere Welt sein, es konnte dort ruhig unbarmherzig hergehen. Es machte mir nichts, wenn in einem Buch Waisenkinder schikaniert und geschlagen wurden, Hauptsache, es war jemand anderer, dem dies alles zustieß. Mich störte nur, wenn das Buch langweilig war. Ein langweiliges Buch hielt mir die Wirklichkeit nicht vom Leib. Eigene Gedanken konnten sich zwischen die faden Sätze schieben. Aber wenn mit dem Zauberstab des Wortes eine aufregende, fesselnde Welt entstand, war mein Glück vollkommen.

„Krabat" war so ein Buch, die verstörende Geschichte vom Müllerlehrling, der - selber verdammt - zwischen lauter Verdammten lebt und arbeitet, und einmal in Jahr kommt der Teufel und holt sich einen. Wenn ich das las, dann war ich nicht nur von mir selbst erlöst, dann sank ich tief in diese andere Geschichte hinein und lebte ein anderes, ein tapfereres Leben. Ich besorgte mir einen Ausweis für die öffentliche Bücherhalle, damit meine Wirklichkeit immer voller Türen war, durch die ich entwischen konnte. Ob im Bus, in der Schulpause oder Zuhause in meinem Zimmer - ich schlug ein Buch auf, und wenn es gut war, war alles gut.

So viel, wie ich las, musste es unweigerlich geschehen, dass ich irgendwann auf Bücher stieß, in denen ich mich nicht verlor, sondern fand. Bücher, die die Welt, vor der ich doch hatte fliehen wollen, abbildeten, oder in denen die Hauptfigur die eine oder andere Gemeinsamkeit mit mir besaß. Bücher, die beim Lesen weh taten, die man sich nicht so einfach einverleiben konnte, sondern die einen selber in Besitz nahmen. Ich legte sie trotzdem nicht aus der Hand. Zu meiner Überraschung lag ein eigenartiger Trost darin, diese Art von Büchern zu lesen. Oder ich stieß auf ein Buch, in dem ich einen Gedanken formuliert fand, den ich oft schon umkreist hatte, dem ich in Worte gefasst aber noch nie begegnet war. Welch eine Erleichterung, eine diffuse Ahnung präzise in Worte gefasst zu sehen! Klare Worte bedeuteten klare Gedanken. Bücher waren Freunde. Die klügsten und besten Freunde, die man sich nur vorstellen konnte. Sie lehrten mich denken. Sie lehrten mich, dass man die Dinge auch völlig anders sehen konnte, als meine Familie oder jeder andere Mensch, den ich kannte, es tat. Sie lehrten mich vor allem, dass ich mein Leben nicht so würde zubringen müssen, wie es mir bisher unausweichlich erschienen war. Lesen versprach ungeahnte Möglichkeiten. Bücher waren keine Schlupflöcher, sondern Eingangstore. Lesen war die Rettung. (Karen Duve, Der Standard Print-Ausgabe, 6./7.09.2008)

Zur Person: Karen Duve

Geboren 1961, lebt als Schriftstellerin in Bruns- büttel/Norddeutschland, machte zunächst eine Aus- bildung zur Steuerinspek- torin, war 13 Jahre lang Taxifahrerin - das Thema ihres zuletzt erschienenen Romans:

"Taxi"

Eichborn Verlag

Frankfurt am Main 2008

 

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    Bücher sind kleine, rechteckige Türen aus der Realität in Universen, in denen Anderen Anderes zustößt.

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