Lehrer Josef Webers digitaler Setzkasten

5. September 2008, 15:34
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Kinder sollten Lesen und Schreiben zuerst am Computer, dann mit der Hand lernen. So wie einst mit dem "Buchstaben-Setzkasten für Leseübungen", der verschollen ist.

In meiner Volksschulzeit wurde Lesen und Schreiben zuerst mit einem technischen Hilfsmittel erlernt, dem "Buchstaben-Setzkasten für Leseübungen von Lehrer Josef Weber". In der Erinnerung ist der etwa 30 Zentimeter lange und 15 Zentimeter breite Kartonkasten mit grünem Leinen überzogen. Nicht unähnlich einem Laptop konnte er aufgeklappt werden, unten die auf Karton gedruckten Buchstaben fein säuberlich alphabetisch eingeordnet, oben das Auditorium der Wörter, wo in gestuften Reihen die Buchstaben zusammengefügt wurden.

Lesen und Schreiben lernen mit Lehrer Josef Webers Buchstaben-Setzkasten war ein Vergnügen, denn sobald man einen Buchstaben erst erkannt hatte, konnte man ihn auch schon verwenden: Man nahm ihn aus seinem Fach und fügte die Buchstaben zu stolzen Wörtern, die wie gedruckt da standen und nicht mit krakeliger Schrift mühsam hingemalt waren.

Der Buchstaben-Setzkasten ist nicht nur aus der Erinnerung verschwunden, sondern auch aus den ersten Leseerfahrungen nachfolgender Generationen. Es gibt ihn nicht zu kaufen, und er scheint auch aus unserer kollektiven Geschichte, wie sie sich im Internet abbildet, gelöscht zu sein. Über die winzigsten Winzigkeiten finden sich Einträge auf irgendwelchen Webseiten oder Wikipedia. Nur der Buchstaben-Setzkasten, oder gar Lehrer Josef Weber selbst: Sie fristen eine Online-Randexistenz.

Spurensuche auf Ebay

Von Zeit zu Zeit werden Setzkästen auf Ebay gehandelt (Ausrufpreis ein Euro, ein Fixangebot um 7,99 Euro). Bei einem Angebot findet sich der Hinweis, "mit solchen Setzkästen wurde in den 20er-Jahren den Kindern aus besserem Hause das Lesen und Schreiben beigebracht". Eine andere Beschreibung gibt an: "Original gefertigt 1945–1970". In der Schulchronik von Altach, Vorarlberg, findet sich der Eintrag: "1903 hatte der Ortsschulrat vom Bezirksschulrat ‚ernstlich ermahnt‘ werden müssen, endlich einen Setzkasten anzuschaffen, jenes fast unentbehrliche Lehrmittel für die erste Klasse, das selbst die ärmsten Bergschulen besitzen“.

Die "ernstliche Ermahnung", für ihre Kinder der ersten Klasse einen Setzkasten anzuschaffen, ist auch heute wieder angebracht. Denn Lehrer Josef Weber hätte wohl mit Begeisterung im Computer die _perfekte elektronische Weiterentwicklung seiner manuellen Erfindung erkannt. Unten die Lettern wie zur Entnahme geordnet, oben der Schirm, auf dem die Buchstaben auf Fingerdruck wie durch Magie erscheinen und Wörter und Sätze bilden.

So wie der Setzkasten beseitigt der Computer eine Hürde, über die so mancher Tafelklässler stolpert: Die möglicherweise noch nicht genügend entwickelte Feinmotorik, die der kognitiven Entwicklung hinterherhinkt. Beim Erlernen von Lesen und Schreiben durch Handschrift müssen Kinder zwei Entwicklungsschritte auf einmal meistern: die motorische Fähigkeit, die Buchstaben auf Papier zu formen; und die (leichtere) abstrakte Fähigkeit, ihre Bedeutung zu erkennen. Dass diese beiden Dinge nicht so zwangsläufig zusammenhängen, wie dies die gängige Praxis suggeriert, darauf sind Lehrerinnen und Lehrer von Kindern mit Down-Syndrom schon in den 80er-Jahren gestoßen, als sich Computer für pädagogische Aufgaben erstmals breitmachten. Diese Kinder wurden noch in den 70er-Jahren hierzulande nicht selten per Rezeptzettel des Hausarztes von der "Schulpflicht befreit", da sie an "mongolischer Idiotie leiden". Ihre geistige Behinderung galt als besonders schwer, Lesen und Schreiben fast als Unmöglichkeit.

Mithilfe von "Flashcards" (einer Art Setzkasten mit Kärtchen für ganze Wörter) und später Computern lernten Kinder mit Down-Syndrom häufig schon im Vorschulalter Lesen und Schreiben, was bemerkenswerterweise in der Folge auch ihre Fähigkeit zu sprechen wesentlich verbesserte. Feinmotorisch wäre diese Leistung, zumindest in diesem Alter, nicht möglich gewesen. Auch Kinder mit anderen Beeinträchtigungen wie Legasthenie oder Autismus haben durch Computer wesentliche Hilfe erfahren.

Aber solche Erfahrungen sprechen sich kaum herum, selbst unter Pädagogen für Menschen mit Behinderungen. Noch weniger Beachtung finden sie im allgemeinen Schulbereich, obwohl der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderungen seit eineinhalb Jahrzehnten gesetzlich verankert und in vielen Schulen gelebte Praxis ist. Der Gedanke, dass für alle Kinder gut und nützlich sein kann, was einem Kind mit besonderen Bedürfnissen hilft, scheint keinen automatischen Platz in unserem Denken zu haben.

So sind Kinder beim Erlernen der Schrift auf die Technologie von Papier und Schreibzeug zurückgeworfen, und der digitale Setzkasten führt in Volksschulklassen eine Randexistenz. Es gibt einzelne Klassen, einzelne Schulen, die PCs und Internet integrieren, und es gibt in vielen, wahrscheinlich den meisten Klassen ein oder zwei PCs. Aber gegen die Idee, dass Computer das primäre, individuelle Lernwerkzeug zur Alphabetisierung sein könnten, gibt es nicht einmal richtigen Widerstand: So weit ist dies von der schulischen Praxis entfernt. Die höheren Kosten von Computern werden häufig als Einwand formuliert; dass Papier und Stift immer zur Hand seien, ein Computer nicht; und die Befürchtung, dass damit die Fähigkeit zur Handschrift verlorenginge. Die Entwicklung billiger Computer, damit verbunden die immer größere Verfügbarkeit, entkräftet die ökonomischen Einwände. Auch Bücher, Papier und Schreibzeug waren nicht immer billig und nicht immer so leicht verfügbar wie heute. In anderer Form ist der Computer ohnedies schon fast in der Tasche jedes Kindes gelandet: als Handy.

Und die Furcht um unsere Handschrift? Lesen und Schreiben lernen am PC bedeutet nicht, keine Handschrift mehr zu lernen; es befreit nur die kognitive Entwicklung von der motorischen. Es ist auch kein Verzicht auf Individualität, wie gerne eingewendet wird. Denn die Individualität der Handschrift ist eigentlich ein Versagen des Unterrichts. Gelehrt wird eine normierte Schulschrift, und das ist auch sinnvoll, denn sonst könnten wir die Schrift des anderen nicht entziffern. Dass die Norm meist verfehlt wird, wird jedoch von der Schule keineswegs unterstützt: Für "schlechte" Handschrift gibt es auch schlechte Noten.

Rückschritt im Klassenzimmer

Würden ein Lehrer und ein Arzt aus dem Ende des 19. Jahrhunderts eine Reise in unsere Zeit machen, schreibt der Computerwissenschafter Seymour Papert und langjährige Mitarbeiter des Entwicklungspsychologen Jean Piaget in seinem Buch "The Children’s Machine", dann würde sich eine interessante Diskrepanz ergeben: Der Arzt wäre in einem modernen Spital fehl am Platz: Er würde die meisten Geräte nicht erkennen und könnte Patienten kaum eine Hilfe sein. Für den Lehrer hingegen wäre das Klassenzimmer eine vertraute Umgebung: eine Tafel, in Reih und Glied aufgestellte Tische und Sessel, für den Lehrer ein Katheder. Allenfalls würde er einen Rückschritt konstatieren: das Fehlen von Lehrer Josef Webers Buchstaben-Setzkasten für Leseübungen. (Helmut Spudich/ DER STANDARD Printausgabe, 5. September 2008)

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    Der Computer als die elektronische Weiterentwicklung des Schul-Setzkastens: Mit Fingertippen auf der Tastatur reihen sich wie von Zauberhand Buchstaben zu Wörtern und Sätzen aneinander.

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