"Man wird nie alle zur 'hohen Literatur' bringen"

5. September 2008, 15:25
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Wie lernen Kinder lesen, wie fördert man die Lesekompetenz? Margit Böck erforscht das Thema seit Jahren und erklärt dem STANDARD, warum Medium und Schrift zu trennen sind

STANDARD:  Wann beginnt Lesen? Mit der Alphabetisierung, mit dem Übersetzen von Bildern in Sprache?

Böck: Lesen von Texten, Bildern, Spuren heißt, Muster zu erkennen und mit Bedeutung zu verknüpfen. Kinder können früh Mimiken deuten, erkennen das gelbe "M" von McDonald's, und die Farbe lila steht für Schokolade. Der Begriff des Lesens ist ein weiter. Bei der Entwicklung der alphabetischen Schrift haben wir bestimmten Zeichen bestimmte Laute zugeteilt, und die stehen, wenn sie für unsere Sprache sinnvoll aneinandergereiht werden, für Bedeutungen.

STANDARD: Wir lesen also schon vor dem Schuleintritt?

Böck:
Das Erlernen des Lesens und Schreibens beginnt nur dann erst in der Schule, wenn ein Kind in einer schriftfernen Umgebung aufwächst. Kinder fangen mit Kritzeleien an und sagen, dass sie schreiben. Sie beobachten ihr Umfeld und versuchen es nachzuahmen. Beim Lernen des Lesens und Schreibens geht es unter anderem darum, Dinge zu benennen, und das passiert auch beim Betrachten eines Bilderbuchs mit den Eltern. Wenn die Zeitung verkehrt gehalten wird, ist das ein Vorläufer des Lesens. Wichtig: Lesen bedeutet nicht nur, ein Buch zu lesen. Wir sollten den Modus der Schrift vom Medium Buch trennen.

STANDARD: Beim Erwerb der Lesekompetenz spielen geschlechtliche und soziale Differenzen eine Rolle, Lehrer müssen Mängel im Elternhaus kompensieren. Was bedeutet es aber genau, dass ein Mensch lesekompetent ist? Nach der Pflichtschule Kafka zu lesen und bei der Matura Döblin zu interpretieren?

Böck: 25 Schüler in einer Klasse sind auch immer die Vertreter von 25 Familien - und die können sehr unterschiedlich sein, was den Umgang mit Sprache, Schrift, Medien, Literatur betrifft. Wichtig ist, bestimmte Grundfähigkeiten zu vermitteln und schwächere Schülerinnen und Schüler sinnvoll zu fördern. Die optimale Lesekompetenz hängt unter anderem davon ab, was jemand künftig zu tun hat. Wer in einen Lehrberuf geht - ob Mechaniker oder Fleischhauer -, braucht ganz sicher eine andere Kompetenz als ein Sachbearbeiter einer Versicherung oder ein künftiger Medizinstudent.

STANDARD: Aber wie kann man wenig interessierte Jugendliche vom Sinn des Lesens überzeugen?

Böck: Genau hier wird die Trennung von Modus und Medium wichtig: Jugendliche haben viele Lesestoffe - das fängt bei einem Katalog an, auch wenn da nur kurze Texte drinstehen. Es gilt, die Vielfalt des Lesens zu erkennen und zu schätzen. Dass es nicht nur Zeitungen, literarische Texte, Fachbücher gibt, sondern auch Teletext und SMS. Man muss den Jugendlichen vermitteln: Das ist Lesen! Sie müssen sich als Lesende verstehen, um nach und nach auch zu erleben, welche Freude es bereitet, mit Sprache zu spielen - und vielleicht selbst eigene Texte zu schreiben.

STANDARD: Oft wird auch beklagt, dass Jugendliche Playstation, Internet und TV bevorzugen, wenn es um den Medienkonsum geht ...

Böck: Gerade Kinder aus lesefernen Häusern sehen oft viel fern. Das sind andere Erzählformen, die mitunter auch wieder in die Literatur aufgenommen werden. Manchmal können sich die Kids darüber auch wieder für die schriftliche Textform begeistern. Wenn man jemanden für Literatur begeistern will, ist das oft ein langer Weg. Man muss erkennen, was Jugendliche interessiert, muss sich Ziele setzen. Ein Lehrer muss überlegen, wie ein Ziel zu erreichen ist, und beginnt vielleicht mit einem Prospekt, über das er zur Produktion eines Textes animiert: "Etwas, das ich schon immer haben wollte." Vielleicht gibt es genau zu diesem Wunschding eine Website, ein Sachbuch oder eine spannende Geschichte.

STANDARD: Referate werden heute im Internet recherchiert, der Unterrichtsstoff multimedial vermittelt. Wirkt sich das auf das Lesen aus?


Böck:
Es ist interessant, wie diese Generation in der Medienwelt sozialisiert wird, und es stellt sich die Frage, ob es wirklich nur um Text gehen soll oder um die Verarbeitung bzw. das Verstehen von Inhalten. Man wird nie alle zur „hohen Literatur" bringen - das war auch bisher so. Um die Schriftform zu fördern, sollte man hinterfragen: Was liefert ein literarischer Text, das ein Film nicht liefern kann? Dass etwa eigene Bilder drinstecken, dass ich mir die Gesichter der Figuren selbst vorstellen kann - dass das nicht unbedingt Brad Pitt ist. Ein Film wird nie die Intimität in der Rezeption haben, die ein literarischer Text ermöglicht, kann aber andere Formen des Erlebens ermöglichen. (Bernhard Madlener, DER STANDARD; Printausgabe, 6./7.8.2008)

Zur Person
Margit Böck, 41, lehrte an der Uni Wien und ist seit März 2005 Universitätsassistentin im Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Uni Salzburg. Sie setzt sich wissenschaftlich mit Lese- und Mediensozialisation und mit der Leseförderung von Kindern und Jugendlichen auseinander.

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