Möglichst unverständlich schreiben

5. September 2008, 15:25
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Will man von einer Gruppe anerkannt werden, muss man ihre Sprach-Codes kennen. Auch um den Preis, dass keiner was versteht. Eine Reise vom Fußballer-Interview bis zum nicht geschriebenen Dschungelbuch

Meinen ersten Artikel habe ich mit dreizehn geschrieben. Er war für die Schülerzeitschrift des Wirtschaftskundlichen Realgymnasiums, die ich selbst gegründet hatte. Es ging um ein mehr oder weniger erfundenes Interview mit dem damaligen Tormann des LASK, Willi Harreither. Das Interview selbst enthielt mangels geeigneter Fragen ("Wie sind Sie zum Fußball gekommen?" ), kaum geeignete Antworten ("Ich habe immer gern Fußball gespielt!" ).

Der zweite Artikel war dann für den "Fleck" , eine Schülerzeitschrift, die ich nicht selbst gegründet hatte. Dahinter standen linke Studenten, die ihren Nachwuchs heranziehen wollten, und eine anarchistische Schülergruppe ("Berthold, der Berufsrevolutionär" ). Ich weiß nicht mehr, worum es in dem Artikel damals ging. Wahrscheinlich um die revolutionäre Schülerbewegung, um antiautoritäre Erziehung, um freie Liebe. Gegen die Schule, gegen Zwänge, Grenzen, Autoritäten, den Kapitalismus, Sexmessen, Erziehungsheime, Doppelmoral usw. usf. Mein Ziel war, möglichst unverständlich zu schreiben.

Ich hatte nämlich festgestellt, dass es in der linken Szene eine Fachsprache gab, die anscheinend jeder außer mir verstand. Da ich in Hans verliebt war, der außer Das Kapital sogar Harold Pinter und Samuel Beckett verstand, machte ich mich mit Hilfe eines Fremdwörterbuchs ans Werk. Alles, was durch Fremdwörter ersetzbar war, ersetzte ich durch Fremdwörter. Leider ist die Zeitschrift, wie alle linken Dokumente, die ich in einer Bananenkiste hinter den Kartoffeln im Keller meiner Eltern sammelte, verschwunden. Auch meine literarischen Frühwerke "Lotte und seine Puppen" , "Wendy, ein Krimi" , "Du undurchdringlicher, unerforschter Dschungel" waren eines Tages verschwunden. Meine Eltern liebten es, von Zeit zu Zeit auszumisten. Besonders meine Sachen. Darunter war auch der Teddybär, den ich als Kind am meisten geliebt hatte und die langen alten Kleider meiner Tante Elisabeth.

Ich weiß also auch nicht mehr, was für absurde Fremdwörter ich damals für die normalen Wörter in meinem Artikel, an den ich mich ansonsten nicht erinnere, einsetzte. Nur eines weiß ich noch, dass ich nämlich statt "Das Ziel der Schülerbewegung ist..." "Das Telos der Schülerbewegung ist..." schrieb. Und dass Hans hinterher meinen Artikel mit Mühe ins Deutsche zurückübersetzte. Vielleicht ist es ja daran gelegen, dass es damals zwischen ihm und mir so lange nicht richtig klappte.

Die Folgen waren allerdings weitreichend. Ich habe bis heute keine erfundene Geschichte mehr geschrieben, keine Flugblätter, keine unverständlichen Artikel, kein Kinderbuch, keinen Krimi und nicht einmal ein Dschungelbuch. Daran konnte auch die Lektüre von hunderten wunderbaren, erfundenen Geschichten nichts ändern (besonders William Faulkner, Jane Bowles, William Carlos Williams und Bruno Schulz), auch nicht das Studium der Philosophie (Marx, Engels, Lenin, Schopenhauer, Nietzsche, Montaigne), nicht die vielen Agatha Christies, Henning Mankells, Patricia Highsmiths, Wolf Haas', Veit Heinichens und so weiter, weder das Vorlesen großartiger Kinderliteratur (Christine Nöstlinger!) noch das sehr ärgerliche Vorlesen schlechter Kinderliteratur (Kästner, Das doppelte Lottchen, die zunächst getrennten Zwillinge bringen ihre geschiedenen Eltern wieder zusammen.

Ich habe Kästner damals verflucht), noch der wunderbare Redmond O'Hanlon mit seinen Dschungelbüchern, der auf die Frage, wen er als nächstes auf seine Expedition mitzunehmen gedenke, antwortete: "Wenn ich das nächste Mal wieder in den Kongo müsste, würde ich einen Arzt mitnehmen; irgendeinen unausgefüllten, unzufriedenen Allgemeinmediziner oder einen Assistenzarzt an Rande des Nervenzusammenbruchs, jemanden mit einer heimlichen Schwäche für die Tropenmedizin und der tiefen und tief gestörten Gewissheit, dass sein Los sich bessern würde, wenn er nur von dort wegkäme, wo er ist (...).

Sechs Monate im innersten Kongo würden ihm mit schockierender Klarheit zu Bewusstsein bringen, dass seine früheren Lebens- und Arbeitsbedingungen die höchstmögliche Annäherung an das Paradies darstellten, die der Homo sapiens auf Erden überhaupt erhoffen darf. Und gleichzeitig könnten wir den Bewohnern Zentralafrikas handfeste, profane Hilfe (...) bringen: den sogenannten Primitivfeldbauern Extencillin-Spritzen zur Eindämmung von Syphilis und Gonorrhöe und den Jägern und Sammlern des tiefsten Dschungels - ebenfalls Extencillin-Spritzen."

Schade, das hätte ich gerne geschrieben! Auch die Geschichten von Jane Bowles, philosophische Abhandlungen über die Sozialpartnerschaft, Krimis von Wolf Haas und Kinderbücher von Christine Nöstlinger. Fazit: Wehret den Anfängen! Andrerseits: Vielleicht ist es ja besser so! (Margit Schreiner, DER STANDARD, Printausgabe, Samstag, Sonntag, 6.,7. September 2008)

 

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Erste Krimis
und Brandreden für die revolutionäre Schülerbewegung, und am Ende wurde
ausgemistet.
    foto: ferdinando scianna / magnum

    Erste Krimis und Brandreden für die revolutionäre Schülerbewegung, und am Ende wurde ausgemistet.

  • Margit Schreiner
geboren 1953, lebte in
Japan, Deutschland und Italien, seit dem Jahr 2000 wieder in
Österreich. Autorin von Romanen, Erzählungen, zahlreichen Essays und
Beiträgen zu Anthologien sowie von Vorwörtern zu Büchern von Adalbert
Stifter und Mela Hartwig. Zuletzt erschienen: "Haus, Friedens, Bruch" -
Schöffling, Frankfurt am Main 2007
    foto: standard/corn

    Margit Schreiner

    geboren 1953, lebte in Japan, Deutschland und Italien, seit dem Jahr 2000 wieder in Österreich. Autorin von Romanen, Erzählungen, zahlreichen Essays und Beiträgen zu Anthologien sowie von Vorwörtern zu Büchern von Adalbert Stifter und Mela Hartwig. Zuletzt erschienen: "Haus, Friedens, Bruch" - Schöffling, Frankfurt am Main 2007

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