"Politik muss auch eine Stilfrage sein"

5. September 2008, 15:28
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Claudia Schmied, Unterrichts- und Kulturministerin, im STANDARD-Interview über Bücher, die gefallen, über Manager, die fallen, und das ungeschriebene Buch, das sie sich von Peter Turrini wünscht

Standard: Sie haben als Bankerin an der Wirtschafts-Uni Seminare über " Die Rolle der Wirtschaft in der Literatur" gehalten. Wie ist die?

Schmied: In meiner Wahrnehmung sind Wirtschaftsthemen in der Literatur ein wenig unterbelichtet, und wenn, dann kommen sie eher mit ihren sozialen Auswirkungen vor. Aber es wird nicht wirklich auf die wirtschaftlichen Zusammenhänge fokussiert. Da gibt es ganz wenige Bücher.

Standard: Welche zum Beispiel?

Schmied: Ein Klassiker ist Thomas Manns "Die Buddenbrooks" und natürlich Urs Widmers "Top Dogs" , in dem es um gefallene Manager geht. Was passiert mit ihnen, wenn sie ihre machtvolle Funktion verlieren und gewissermaßen auf ihr Menschsein zurückgeworfen werden. Ich habe dazu viele Gespräche mit Peter Turrini geführt. Er, ein Absolvent der Handelsakademie, ist prädestiniert, über Soll und Haben zu schreiben. Vor zwei Jahren sagte er etwa bei den Salzburger Festspielen, wenn es der Wirtschaft gut geht, muss das noch nicht heißen, dass es auch den Menschen gutgeht. Ich würde mich freuen, wenn Turrini ein Buch mit dem Arbeitstitel "Liebe Aktionäre" schreiben würde.

Standard: Ihr Lieblingsbuch ist John von Düffels "Vom Wasser" . Es geht um eine Papierfabrikanten-Dynastie und die immer neue Rückkehr zum Wasser. Warum gerade das?

Schmied: Es war natürlich auch Teil meines Seminars an der WU, weil es wie die "Buddenbrooks" die Geschichte eines Familienunternehmens ist. John von Düffel, der selber ein begeisterter Schwimmer ist, hat das Wasser und vor allem die Forellen darin in einer Form beschrieben, die einfach unglaublich packend ist. Ich selbst bin an der Alten Donau aufgewachsen und habe in meiner Kindheit viel Zeit am Wasser verbracht.

Standard: Apropos Jugend, bei dieser Wahl gibt es eine Premiere: Erstmals dürfen auch 16- und 17-Jährige wählen. Aber sie wirken etwas überfordert, wenn sie in Reportagen oder im TV dazu zu Wort kommen. War das wirklich eine gute Idee?

Schmied: Rückblickend betrachtet - wir haben ja alle nicht damit gerechnet, dass diese Bundesregierung so rasch zu Ende geht -, kommen unsere Aktivitäten schon ein bisschen knapp. Aber wir haben viel getan, damit die Jugendlichen vorbereitet sind. Minister Hahn und ich haben die Demokratie-Initiative gestartet und in den Schulen informiert. Immerhin startet in diesem Schuljahr Politische Bildung in der achten Schulstufe.

Standard: Wie passt es eigentlich zusammen, dass die SPÖ sagt, im Kindergarten ist es gerecht, wenn Besserverdienende einen Beitrag zahlen, aber an der Uni sind Gebühren plötzlich nicht mehr gerecht?

Schmied: Im Bildungsbereich ist für mich das kostenlose, verpflichtende Bildungsjahr ab fünf ein Schlüssel, wo ich sage, gratis für alle, aber auch in Top-Qualität als Vorbereitung auf den Schulstart. Der freie Hochschulzugang, also die Abschaffung der Studiengebühren, hat für mich mit einer Grundsatzhaltung zu tun, den Weg zu Bildung frei zu gestalten.

Standard: Für angehende Lehrer aber fordern Sie Zugangshürden.

Schmied: Finanziell freier Zugang steht für mich nicht im Widerspruch zu Aufnahmeverfahren für Studien, wo es um Berufsvorbereitung geht. Man kann als Betriebswirtin wie ich relativ leicht von Bank A zu Bank B wechseln, aber wenn man im Schulbereich draufkommt, man ist für den Beruf nicht geeignet, wird es eng. Wir brauchen die besten Lehrer für unsere Kinder.

Standard: Die Ökonomin in Ihnen gefragt - verteilungspolitisch würden vom Studiengebühr-Aus bei der jetzigen Zusammensetzung der Studierendenschaft sozioökonomisch Bessergestellte mehr profitieren.

Schmied: Die Studiengebühren sind mehr eine Prinzipienfrage. Wir müssen natürlich versuchen, die Bildungswege und den Zugang zur Uni breiter zu gestalten, daher auch mein Eintreten für Frühkindpädagogik und Neue Mittelschule. Aber eine wichtige Aufgabe der nächsten Regierung ist die Frage, wie werden die Unis finanziert. Der jetzige Gesetzesentwurf zur Uni-Reform ist ein Schritt in die Vergangenheit. Da wird der Freiraum der Unis stark eingeengt, wenn etwa jährlich über bestimmte Budgetteile befunden werden soll. Und wir brauchen ganz sicher ein an den Studienplätzen orientiertes Finanzierungssystem. Ich halte es auch nicht für fair, die Unis am Anfang breit zu öffnen, aber nicht für die Ausfinanzierung zu sorgen, und in Wirklichkeit finden dann in den ersten zwei Semestern Rang- und Positionskämpfe um die wenigen Plätze statt, die es gibt.

Standard: Die Universitätenkonferenz der Rektoren wird das mit großer Freude lesen. Sie fordert das ja vehement. Von der SPÖ gab es dafür aber keine große Unterstützung. Da sind sie Ihrer Partei weit voraus.

Schmied: Ich sehe die Finanzierung stark unter dem Aspekt der Lehramtsstudien - und bezogen auf die Gesamtsituation der Unis, die einfach nicht erfreulich ist.

Standard: Warum wollen Sie diesmal für die SPÖ bei der Wahl kandidieren? Ihr Kollege Erwin Buchinger sagt: "Nein, kandidieren mag ich nicht, aber Minister wäre ich schon gern."

Schmied: Ich bin seit 1983 SPÖ-Mitglied, ich habe mich entschieden, in der Politik zu sein und empfinde Platz vier auf der Wiener Liste als Ausdruck hoher Wertschätzung meiner Person und meiner Arbeit. Es gehört für mich dazu, wenn man im politischen Leben so auch in erster Reihe steht.

Standard: Als Abgeordnete hätten Sie viel mehr in den parteipolitischen Niederungen zu tun, aus denen Sie sich als Ministerin immer betont ferngehalten haben.

Schmied: Ein Motiv, in die Politik zu wechseln, war, dass ich felsenfest überzeugt bin, dass eine andere Politik möglich ist. Eine Politik, die auf Fakten basiert, eine mittel- und langfristige Perspektive im Auge hat und bei Konflikten immer persönlich wertschätzend bleibt. In dem Punkt finde ich das Auftreten und die Argumentation von Heide Schmidt sehr wohltuend. Politik muss ganz stark auch eine Kultur- und Stilfrage sein.

Standard: Deckt Heide Schmidt eine offene Flanke der SPÖ?

Schmied: Für mich hat Heide Schmidt als Person, aber auch das Programm des LIF für die Wahl viele Berührungspunkte mit den Forderungen der Sozialdemokratie, im Bildungsbereich zum Beispiel die gemeinsame Schule.

Standard: Die gemeinsame Schule können Sie mit der ÖVP auf absehbare Zeit vergessen. Ist sie Ihnen so wichtig, dass Sie dafür eine Koalition mit dem BZÖ, das die Gesamtschule ja will, eingehen würden?

Schmied: "Die ÖVP" stimmt nicht, es ist uns ja gelungen, Allianzen mit der Industrie, der Wirtschaft, aber auch der katholischen Kirche zu schmieden. Aber richtig ist, dass meiner Einschätzung nach mit Molterer, Neugebauer und Schüssel große Fortschritte in der Bildung nicht zu erwarten sind.

Standard: Noch einmal: Ist Ihnen die Gesamtschule so wichtig, dass Sie dafür das BZÖ in Kauf nehmen?

Schmied: Das BZÖ - und dasselbe gilt für die FPÖ - ist so, wie es jetzt auftritt und auch von seiner Haltung jenen Menschen gegenüber, denen es nicht so gut geht - Stichwort Ausländerpolitik, Integrationsfragen -, für mich kein Partner.

Standard: "Wien ist eine fürchterliche Genievernichtungsmaschine" - wahr oder falsch?

Schmied: Mit so Pauschalsätzen habe ich ein Problem - aber es steht auf meinem Teppich.

Standard: Thomas Bernhard - als Fußabtreter. Die neue Einrichtung Ihres Büros sorgte ja für Aufregung. War das auch typisch Österreich, weil es um moderne Kunst geht?

Schmied: Die Einrichtung ist ein gutes Beispiel, dass Altes, wie hier im Palais Starhemberg, mit gutem neuem Design sehr gut zusammenpasst. Dass das für Aufregung sorgt, zeigt den Spannungsbogen zwischen Alt und Neu, Bewahren und Irritieren. Man muss auch Mut zur Veränderung und Gestaltung haben. Räume drücken etwas aus.

Standard: Das Gerücht, dass hier kein Kaffee serviert werden darf, weil der helle Teppich gefährdet sein könnte, stimmt also nicht?

Schmied: Das gilt nicht mehr, weil es ja jetzt die Tische gibt, und daher wird auch Kaffee serviert.

Standard: Haben Sie privat Kunst?

Schmied: Ich bin keine Kunstsammlerin im Sinne, dass ich bestimmte Epochen sammle, es sind eher Stücke, zu denen ich eine besondere, auch persönliche Beziehung habe. Ich habe zum Beispiel wunderschöne Tierbilder von Norbertine Bresslern-Roth, die tolle Pferde dargestellt hat, das hat mich als begeisterte Reiterin angesprochen.

Standard: Was wollen Sie in Ihrem Leben unbedingt noch machen?

Schmied: Einmal eine Phase als Bohemienne wäre vielleicht nicht schlecht. Oder ein Buch schreiben.

Standard: Was wäre der Stoff?

Schmied (lacht): Na ja, vielleicht muss ich ja das Buch "Liebe Aktionäre" selbst schreiben. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD-Printausgabe, 6./7.9.2008)

  • Die Studiengebühr ist für Claudia Schmied "eine Prinzipienfrage", aber Österreich brauche "ganz sicher ein an den Studienplätzen orientiertes Finanzierungssystem" .
    foto: standard/urban
    Foto: Standard/Urban

    Die Studiengebühr ist für Claudia Schmied "eine Prinzipienfrage", aber Österreich brauche "ganz sicher ein an den Studienplätzen orientiertes Finanzierungssystem" .

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