
Seisenegg, jenes Dorf in der Nähe von Amstetten, in dem mein Vater aufwuchs, hatte alles vorzuweisen, was man sich von einem Dorf erwartet: zwei Wirtshäuser, ein Feuerwehrdepot, eine Greislerei, einen Teich, einen Landmaschinenmechaniker. Die Greislerei wurde übrigens vor einigen Jahren durch einen Swingerclub ersetzt, was hinsichtlich der Nahversorgung der Bevölkerung keinen realen Zugewinn bedeutet.
Zwei Dinge zeichneten Seisenegg gegenüber anderen mit Wirtshäusern, Feuerwehrdepots und Landmaschinenmechanikern versorgten Dörfern aus: Erstens gab es dort eine echte Burg mit Burgfried, Verlies und Kanone im Hof. In der Burg wohnte darüber hinaus eine echte Baronin, die zwar meistens eine verwaschene Handwerkerbluse trug, zu der man trotzdem "kaiserliche Hohheit" sagte. Zweitens hatte die Burg Seisenegg einst Katharina Regina von Greyffenberg beherbergt, Österreichs bedeutendste Barockdichterin. Sie hatte in ihren Gemächern ein pietistisches Sonett nach dem anderen verfasst, aber ob das irgendetwas damit zu tun hat, dass mein Vater las, weiß ich nicht.
Sehr wohl damit zu tun hatte die Tatsache, dass meine Großeltern 1944 einen Teil der Milch, die die beiden Kühe im Stall gaben, zurückhielten, nicht an die Molkerei lieferten, sondern selbst Butter daraus machten. Da kein eigenes Butterfass vorhanden war, wurde eine zehn Liter fassende Milchkanne gefüllt, an eine Kette gehängt und so lange rhythmisch hin und her bewegt, bis sich drin Butterklumpen absetzten. Zehn Liter Milch, eine halbe Faust Butter - das dauerte seine Zeit, und meinem Vater, dem die Arbeit zugewiesen worden war, wurde fad. Er nagelte in Augenhöhe einige kurze Bretter an die innere Scheunenwand, sodass sie ein Lesepult bildeten. Auf diese Weise hatte er einerseits beide Hände frei, um die Kanne zu bewegen, konnte andererseits bequem seine Bücher auflegen.
Er las Karl May - die sechs Kara-Ben-Nemsi-Bände, behauptet er - und Schundhefte, wie er heute sagt, Rolf Thoring und Jörn Faro. Die Hefte borgte er sich von seinen Freunden aus, für die Bücher war er in der Stadtbibliothek Amstetten eingeschrieben. Einzig zum Umblättern musste er die Hand von der Kanne nehmen, erzählte er. Außerdem erzählte er davon, wie seine Mutter Zuckerrübenschnitzel auskochte, um zu etwas Sirup zu kommen, wie im Herbst vierundvierzig die Äpfel gut gediehen und es daher ständig Apfelstrudel gab, viele Äpfel in einem billigen Mehl-Wasser-Teig, ohne Rosinen, ohne Brösel, mit ein paar Flocken der selbstgerührten Butter drin, und wie ihm dadurch für den Rest seines Lebens eine höchst ambivalente Haltung zu Apfelstrudel eingepflanzt wurde.
Bevor Kinder Bücher lesen ...
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