"Politik sollte raus aus der Schule"

5. September 2008, 15:00
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Die AHS-Direktorin und Schulexpertin Heidi Schrodt im STANDARD-Interview über unsinnigen Proporz, unnötige Landesschulräte und die Herausforderung, Stadtkinder zu unterrichten

Standard: Warum treffen wir uns im Café Sperl?

Schrodt: Wenn ich im Ausland bin und nach Wien zurückkomme, dann gehe ich ins Kaffeehaus und lese Zeitung. Das „Sperl" ist so ein typisches Wiener Kaffeehaus. Man trifft da immer Leute, und außerdem ist es mein verlängertes Arbeitszimmer. Heiklere Schul-Besprechungen habe ich gerne hier, weil da ist eine entspanntere Atmosphäre, man wird nicht gestört.

Standard: Sie unterrichten seit 34 Jahren in Wien, Sie sind seit 1992 Direktorin am Gymnasium Rahlgasse - könnten Sie sich vorstellen, auch am Land zu unterrichten?

Schrodt: Darüber habe ich noch nie nachgedacht... ich komm ja selbst aus einer Kleinstadt. Doch, ich denke schon.

Standard: Glauben Sie, dass es einen Unterschied gibt zwischen Unterrichten in der Stadt und Unterrichten auf dem Land?

Schrodt: Ja, ich glaube, am Land ist es einfacher als in Wien.

Standard: Warum?

Schrodt: Weil da die Schülerpopulationen homogener sind. Es gehen noch sehr viel mehr Schüler in die Hauptschule. In Wien ist die Hauptschule eine Restschule. Ich sage das bewusst, obwohl es so ein schreckliches Wort ist. Jetzt werden mich wieder die Lehrer-Gewerkschafter von der Pflichtschule deswegen anrufen, aber es ist so. Am Land ist die Hauptschule eigentlich so etwas wie eine AHS.

Standard: Sind Wiener Schulkinder anstrengender als Landkinder?

Schrodt: Die Kinder sind nicht anstrengender. Nur die Mischungen, die in Wien entstehen, haben schon teilweise etwas Explosives. Nehmen Sie zwei Schultypen, die AHS und die Hauptschule. In manchen Bezirken haben wir in der AHS zunehmend das ganze Begabungsspektrum, und wir haben kaum Ressourcen, darauf einzugehen. Da entstehen Schwierigkeiten, weil die einen fühlen sich unterfordert - die stören. Andere sind extrem überfordert.

Standard: Glauben Sie, dass die Stadt vom Lesen- und Schreibenlernen ablenkt?

Schrodt: Ich glaub das schon. Aber Kinder lernen dafür wieder etwas anderes. Man lernt ja nicht nur in der Schule. Die lernen, sich in der Stadt zu orientieren, sie lernen mit Vielfalt umzugehen, auch mit den vielen Eindrücken. Ich sehe das nicht nur negativ. Das haben Stadtkinder Landkindern voraus. Aber das Lernen in der Schule gerät dadurch öfter in den Hintergrund.

Standard: Hat Wien aufgrund der vielen Migranten ein größeres Bildungsproblem als andere Bundesländer?

Schrodt: Die Herausforderung ist größer. Überall dort, wo es Ballungszentren mit vielen Migranten gibt, sind die Probleme gleich.

Standard: Lassen sich überwiegend Migranten aus bildungsfernen Schichten in Wien nieder?

Schrodt: Das ist ganz unterschiedlich. Aus dem ehemaligen Jugoslawien sind Akademiker gekommen, deren Kinder haben im Nu die Matura gemacht. Es ist tendenziell so, dass die Mehrheit der türkischen Zuwanderer aus sehr armen dörflichen Gebieten kommt. Das sind tatsächlich bildungsferne Schichten. Nur eines darf man nicht vergessen: Ich habe bis jetzt noch kaum jemanden erlebt, dem nicht wichtig wäre, dass aus seinen Kindern etwas wird. Viele haben aber keine Ahnung, welche Schulen gut sind. Auch aus diesem Grund führt kein Weg an einer gemeinsamen Schule vorbei. Man kann sich nicht mehr leisten, Bildungspotenziale liegen zu lassen.

Standard: „Zwangsverheiratung" ist laut Experten ein wachsendes Problem bei Migranten. Hat da die Stadt bei der Integration versagt?

Schrodt: Nein, weil da spielt sich viel im Graubereich ab. In Sachen Beratung wird viel getan, ich sitze selbst in einem solchen Gremium. Wir bemühen uns in den Schulen sehr, an die Kinder heranzukommen. Aber wenn sich die nicht getrauen, etwas zu sagen, sind die über den Sommer einfach weg. Die kommen nicht wieder und scheinen auch nicht mehr in der Schulstatistik auf. Das ist wirklich so.

Standard: Die Frage ist doch, wie weit soll Toleranz gehen?

Schrodt: Ich würde beispielsweise niemals sagen, dass man Frauen den Schleier verbieten soll - außer bei Lehrerinnen. Das finde ich nicht angebracht. Aber das Ziel muss sein, dass wir in einer aufgeklärten Gesellschaft dort hinkommen, dass die Frauen sich nicht mehr ganzkörperlich verhüllen.

Standard: Wie gehen Sie mit einer tief verschleierten Mutter um?

Schrodt: Mit einer tief verschleierten Frau habe ich persönlich schon ein Problem, weil ich immer fürchte, dass durch diese schwarze Wand nichts durchdringt. Aber noch größere Probleme habe ich, wenn mir Männer nicht die Hand geben. Das ist mir passiert.

Standard: Halten Sie den Wiener Stadtschulrat für eine sinnvolle Einrichtung?

Schrodt: Ich bin grundsätzlich Befürworterin einer grundlegenden Bundesstaatsreform. Meines Erachtens haben die Landesschulräte in der jetzigen Form keine Zukunft.

Standard: Warum nicht?

Schrodt: Diese Verquickung von Politik und Verwaltung in Österreich ist nicht glücklich. Das sind immer diese Proporzgeschichten. Und der Trend geht dahin, dass sehr viel mehr Autonomie an die Schulen und an die Regionen gehen muss. Es wäre sinnvoll, regionale Bildungszentren zu schaffen mit regionalem Bildungsmanagement. Politik sollte raus aus der Schule.

Standard: Wie könnte man die Entpolitisierung der Schule schaffen?

Schrodt: Die Kollegien müssen abgeschafft werden. Die Schulen stellen ihre Lehrer selbst an und die Direktoren werden nicht mehr von politisch besetzten Gremien ausgewählt. Das funktioniert nur, wenn es einen politischen Willen dazu gibt. Und ich glaube, solange es immer rot-schwarze Koalitionen gibt, wird es diesen Willen nicht geben. Wenn es aber Regierungen gibt, an denen mehrere Parteien beteiligt sind, ist die Chance größer. Es ist auch empirisch erwiesen, dass Dezentralisierung und Autonomie der Schulen bessere Ergebnisse bringt. Wir werden uns nicht länger leisten können, das alles zu ignorieren, um weiter Posten zu vergeben.

Standard: Die Wiener Stadtschulratspräsidentin Susanne Brand-steidl hat Ihnen 2006 öffentlich „Führungsschwäche" vorgeworfen. Ist der Konflikt mit ihr inzwischen bereinigt?

Schrodt: Wir haben inzwischen eine gut funktionierende Arbeitsbeziehung, sie hat den Vorwurf der Führungsschwäche im internen Kreis zurückgenommen.

Standard: Sie gelten als Kritikerin der Lehrergewerkschaft. Warum?

Schrodt: Die AHS-Lehrergewerkschaft ist sehr konservativ und von einem ständischen Denken geprägt. Sie hat wesentlich dazu beigetragen, dass die neue Mittelschule nur in dieser Mini-Variante kommen konnte. Die Lehrergewerkschaften machen tatsächlich auch ganz aktiv Schulpolitik, und das sehe ich als Problem. Meines Erachtens hat eine Gewerkschaft in erster Linie Interessen der Arbeitnehmer zu vertreten und nicht in erster Linie Politik zu machen. Sehen Sie die Gewerkschaftszeitungen an, da gehen auch viele SP-Lehrergewerkschafter auf große Distanz zur Gesamtschule.

Standard: Sie gelten als SPÖ-nahe, haben aber mit dem Grünen Christoph Chorherr ein Bildungsmanifest geschrieben. Spüren Sie mitunter politischen Druck?

Schrodt: Nein. Ich kann mir schon vorstellen, dass jemand wie ich nicht bequem ist, weil ich nicht in dieses Proporzschema passe. Ich bin überzeugte Sozialdemokratin, trotz allem. Ich kann mir vorstellen, dass vieles, was ich sage, nicht gern gehört wird, andererseits bekomme ich durchaus vom Rathaus, gerade von Frauenseite, sehr viel Anerkennung für das, was ich mache.

Standard: Der Wiener Bürgermeister Häupl fordert „Schule ab fünf". Das steht auch in Ihrem Bildungsmanifest. Spüren Sie Genugtuung?

Schrodt: Das haben nicht nur wir gefordert. Es ist erwiesen, dass, wenn man früher mit der Schule beginnt, man schon sehr vieles erwerben und lernen kann. Wobei schon wichtig ist, dass Schule spielerisch gestaltet ist.

Standard: Die ÖVP möchte dagegen das letzte Kindergartenjahr verpflichtend machen. Wäre das für Sie auch eine Möglichkeit?

Schrodt: Wenn es verpflichtend ist und wenn die Inhalte passen, ist vollkommen egal, wie man dieses Jahr nennt. Ich weiß nur nicht, ob die Kindergartenpädagoginnen - Pädagogen gibt es ja leider wenige - von ihrer Ausbildung her darauf vorbereitet sind. Das wäre mein Vorbehalt, weil Vorschulpädagogik eine sehr anspruchsvolle Aufgabe ist. Ich glaube, dass VS-Lehrerinnen da momentan besser dafür vorbereitet werden.

Standard: Häupl hat offengelassen, ob damit auch die Schulpflicht um ein Jahr verlängert wird oder Teenager dann früher auf den Arbeitsmarkt drängen. Was sagen Sie?

Schrodt: Letzteres darf nicht passieren. Der internationale Trend geht zu einer Verlängerung der Schulpflicht. Es gibt Länder, die die Schulpflicht schon auf 18 angehoben haben. Polen, zum Beispiel.

Standard: Wo wünschen Sie sich Wiens Schulen in zehn Jahren?

Schrodt: In zehn Jahren wünsche ich mir natürlich, dass wir die gemeinsame Schule verwirklicht haben, dass die Schulen sehr autonom sind und dass die Kinder gerne in die Schule gehen. (Petra Stuiber, DER STANDARD, Printausgabe, 6./7.9.2008)

  • Heidi Schrodt, Schuldirektorin von Profession und Bildungsexpertin aus Passion, kann sich vorstellen, „dass vieles von dem, was ich sage, nicht gern gehört wird". Dennoch tritt sie für politikfreie Schule ein, will die Stadt- und Landesschulräte abschaffen und die Schulzeit insgesamt verlängern.
    foto: standard/urban

    Heidi Schrodt, Schuldirektorin von Profession und Bildungsexpertin aus Passion, kann sich vorstellen, „dass vieles von dem, was ich sage, nicht gern gehört wird". Dennoch tritt sie für politikfreie Schule ein, will die Stadt- und Landesschulräte abschaffen und die Schulzeit insgesamt verlängern.

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