Boom mit Ablaufdatum

5. September 2008, 12:54
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Für Unternehmen werden die neuen EU-Staaten im Jahr 2030 unattraktiver sein als Wien oder West­österreich, die beste Zukunft erwartet die Niederlande, Luxemburg, Belgien und Irland

Wien - In den letzten Jahren haben die neuen EU-Mitgliedstaaten einen wahren Boom erlebt. Geringe Steuern, geringere Lohnkosten und ausreichend viele Arbeitnehmer sorgten für zahlreiche Neuansiedlung von Betrieben in Ländern wie Tschechien, der Slowakei oder Ungarn. Auch heimische Unternehmen verlagerten ihre Produktionen in die für sie äußerst attraktiven Nachbarländer. Doch dieser Boom könnte sich bis 2030 umkehren. Regionen wie Wien oder Westösterreich werden attraktiver als Standorte im Osten, berichtet die Tageszeitung "Die Presse" (Freitag-Ausgabe).

Interne Probleme

Laut einer Studie des Rostocker Zentrums zur Erforschung des Demografischen Wandels stehen die meisten neuen EU-Mitglieder vor internen Problem: Die Arbeitsproduktivität hinkt dort fast überall jener der hochentwickelten Regionen in den alten Mitgliedstaaten hinterher. Die Bevölkerung altert und schrumpft in zahlreichen Regionen in dramatischem Umfang. Forschung und Entwicklung sind teilweise unzulänglich entwickelt. Und auch hochqualifizierte Kräfte (Humankapital) sind in vielen Regionen nicht ausreichend vorhanden. Dieser Mix produziere ein hohes Risiko für künftige Betriebsansiedlungen, heißt es in dem Bericht.

Das Rostocker Institut hat in seiner Studie "Alternde Arbeitskräfte" die demografischen Risiken für Unternehmen in 264 Regionen der EU errechnet. Die Prognosen wurden aus den Faktoren Bevölkerungsentwicklung, Arbeitsproduktivität, Humankapital (Qualifikation) und Forschung und Entwicklung errechnet.

Demnach müssen zahlreiche Gebiete von Ostdeutschland über Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn bis Rumänien und Bulgarien insgesamt mit einem "hohen Risiko" rechnen. Im Gegensatz dazu werden einigen Regionen im Westen, darunter Wien, Tirol und Vorarlberg, hervorragende Zukunftschancen eingeräumt.

"Wien weist in allen Bereichen gute bis sehr gute Chancen auf", sagte die Leiterin des Forschungsprojekts, Thusnelda Tivig, zur "Die Presse". "Tirol ist im Bereich Humankapital mit mittleren Risiken konfrontiert, in allen anderen Bereichen aber mit sehr guten Chancen." Eher kritisch ist laut dem Forschungsbericht vor allem die Lage der Bundesländer Burgenland und Kärnten. Hohes Risiko gibt es in Kärnten vor allem bei der Entwicklung der Arbeitnehmerzahlen. Oberösterreich hinke hingegen bei der Entwicklung seines Humankapitals nach.

Kandidaten für die beste Zukunft in Europa

Insgesamt die beste Zukunft in Europa dürfen die Niederlande, Luxemburg, Belgien und Irland erwarten. Hohe Investitionen in Forschung und Entwicklung, gute Arbeitsproduktivität und eine relativ stabile Bevölkerungsentwicklung lassen rosige Aussichten erwarten. Auch einige Regionen Südfrankreichs dürften den demografischen Wandel gut überstehen. Am schlechtesten schneiden unter den alten Mitgliedstaaten Portugal, Griechenland und Italiens Süden ab.

Trotz höherer Lebenserwartung wird die Bevölkerung in elf der 27 EU-Staaten schrumpfen. Die Studie geht davon aus, dass sich der demografische Wandel in 163 von 264 europäischen Regionen beschleunigen wird.

Hauptprobleme der unmittelbaren Nachbarstaaten Österreichs im Osten sind die geringe Arbeitsproduktivität und die alternde Bevölkerung, also auch eine stetig schrumpfende Arbeitnehmerschaft. Die Studienautoren erwarten, dass die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (20-64) bis zum Jahr 2030 in einigen Regionen auf weniger als die Hälfte der derzeitigen Größe zurückgeht.

Allerdings, so betonen die Autoren, ist die Entwicklung in den einzelnen Regionen äußerst unterschiedlich. So gibt es etwa im Osten der Slowakei bis 2030 ausreichend viele Arbeitnehmer. In der hochentwickelten Region rund um die Hauptstadt fehlen hingegen schon jetzt Arbeitskräfte. Ähnlich sei die Lage in Ungarn, wo es fast überall an Arbeitskräften und Humankapital mangeln werde, bis auf die Zentralregion Közep-Magyarorszag.

Positive Ausnahme in den neuen Mitgliedstaaten sind die Hauptstädte: Beim Faktor Humankapital sind die Aussichten laut Tivig in den Hauptstädten Bukarest, Budapest, Prag, Warschau und Bratislava neutral bis gut. "Auch Estland weist moderate Chancen in der Verfügbarkeit von Humankapital auf, während Litauen in diesem Bereich sogar zur Spitzenklasse zählt." (APA)

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    Die meisten neuen EU-Mitglieder stehen vor internen Problem: Die Arbeitsproduktivität hinkt fast überall jener der hochentwickelten Regionen in den alten Mitgliedstaaten hinterher. Die Bevölkerung altert und schrumpft in dramatischem Umfang. Forschung und Entwicklung sind teilweise unzulänglich entwickelt.

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