"Wünsche mir, dass Einrichtungen wie meine unnötig werden"

5. September 2008, 10:56
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Flüchtlingshelferin Ute Bock im derStandard.at-Chat - Das Protokoll zur Nachlese

Sie werde alles versuchen, um den verschuldeten Verein zu erhalten, sagt Flüchtlingshelferin Ute Bock im derStandard.at-Chat. Vorwürfen, sie hätte schlecht gewirtschaftet und Flüchtlinge in zu teuren Unterkünften untergebracht, entgegnet Bock, dass die Unterkünfte zum Teil sogar gratis seien. Von der Republik Österreich wünsche sie sich, "dass Einrichtungen wie meine unnötig werden.

ModeratorIn: Wir begrüßen Ute Bock beim Chat und freuen uns auf spannende Fragen.

Ute Bock: Grüß Gott, ich freue mich, dass ich hier bin und mir die Gelegenheit gegeben wird, hier ihre Fragen zu beantworten. Ich werde mich bemühen, alles wahrheitsgemäß zu beantworten und Ihre Interessen zu befriedigen.

penpen: Hallo! So sehr ich Vorwürfe, der Verein hätte bitteschön besser wirtschaften sollen, lächerlich finde: Ist das Unternehmen einfach zu groß geworden, um nur von Spenden zu leben? Besonders weil Asylanten bei der österr. Bevölkerung ja um einiges schl

Ute Bock: Es ist natürlich so, dass der Verein im Lauf der Zeit viel größer geworden ist, und dass ich das eigentlich niemals geplant hatte. Ich habe als Leiterin eines Gesellenheimes der Stadt Wein auch Ausländer und später Asylwerber betreut, habe damals schon feststellen müssen, dass die damals wesentlich schlechter gestellt waren als Österreicher und versucht mit meinen Möglichkeiten ihre Lage zu verbessern. D. h. ich habe z. B. Deutschkurse organisiert, Hauptschulabschlusskurse, habe versucht Lehrstellen bzw. Arbeitsplätze zu finden und wollte bei meiner Pensionierung im Jahr 2002 das nicht so einfach in der Luft hängen lassen. Der Plan war, das eigentlich nur ordentlich ausklingen zu lassen. Die Entwicklung war aber so, dass sich die Lage der Asylwerber im Lauf der Zeit wesentlich verschlechtert hat und entsprechend hat sich meine Einrichtung immer mehr vergrößert. Die zweite Ursache ist, dass die Armut allgemein im Steigen ist, auch die der Österreicher. Die Zahl der Bedürftigen entsprechend steigt und meine Mittel, obwohl ich von vielen Leuten großzügiug unterstützt werde, schon lange nicht mehr reichen.

ModeratorIn: Wie schlimm steht es nun wirklich um Ihren Verein? Müssen Sie zusperren?

Ute Bock: Ich hoffe nicht! Ich werde sicher bis ich alle Möglichkeiten ausgeschöpft habe, den Verein zu erhalten versuchen. Ich glaube wirklich, dass es notwendig ist, dass es so einen Verein gibt.

narf: Wie sieht es mit staatlichen Subventionen oder Förderungen für ihren Verein aus?

Ute Bock: Ich habe in meiner Anlaufstelle eine Beratungsstelle mit zwei Vollzeitposten für Berater, die vom Fonds "Sziales Wien" bezahlt werden. Dann habe ich zur Zeit drei Zivildiener. Staatliche Subventionen bekomme ich keine.

Susi48: Liebe Frau Bock, ich bin sicher, jetzt kommt eine ausreichende Üb erbrückungs-hilfe durch Spenden zusammmen - aber wie solls denn dann weitergehen? Gibt es Überlegungen im Verein, wie man längerfristig so ganz arge Engpässe vermeiden könnte? Auch we

Ute Bock: Natürlich gibt es solche Überlegungen. Aber das geht mir genauso wie jedem Haushalt, dass für manche Probleme nur schwer eine Lösung zu finden ist. Ich bin auf der Suche nach einem Sponsor, der mir in regelmäßigen Abständen eine bestimmte Summe überweist, damit ich damit "rechnen" kann.

Häfaistos: woher nehmen sie eigentlich die Chuzpe auf Kosten anderer Menschen Schulden zu machen und dann auch noch mit der Drohung ihres Selbstmordes die Begleichung dieser Schulden zu verlangen ? Nebenfrage: Warum glauben Sie dass die freiwlligen SpenderInn

Ute Bock: Die Selbstmorddrohung war eher als Scherz gemeint. Man fragte mich, was ich tun würde, wenn der Verein zusperren müsste und ich antwortete: "Da wird mir nichts anderes übrig bleiben, als aus dem 4. Stock zu springen..." Ich habe leider keinen Zugruff auf das Geld von anderen Leuten, darum kann ich es auch nicht ausgeben.

Gusti Rentner: Liebe Frau Bock, wenn die Schulden Ihres Vereins, dem wirklich alle Hochachtung gebührt, doch hauptsächlich Mietschulden bei der Gemeinde Wien sind: Haben Sie denn keine/n vernünftigen Ansprechpartner/in im Rathaus, um diese Außenstände erlassen zu

Ute Bock: Im Rathaus habe ich keinen Ansprechpartner. Es handelt sich nicht um Schulden bei der Gemeinde Wien, sondern um Außenstände bei Wien Energie und Hausverwaltungen.

thmb: Sehr geehrte Frau Bock! Was würde mit all den Menschen passieren die bei Ihnen gemeldet sind, ihre Beratung und Hilfe in Anspruch nehmen und in einer Ihrer Wohnungen leben, wenn es den Verein Ute Bock plötzlich nicht mehr geben würde?

Ute Bock: Sie würden zum Teil auf der Straße stehen. Zum Teil hat der Fonds Soziales Wien zugesagt, die Leute die Anspruch auf Grundversorgung haben, in Einrichtungen des Fonds aufzunehmen. Ich habe halt auch sehr schwierige Leute aufgenommen. Ich habe einen Rollstuhlfahrer mit seinem krebskranken Sohn in einer meiner Wohnungen, der sicher nicht so leicht irgendwo anders untergebracht werden kann.

Randolph Carter #1: Stimmt es, dass Sie Menschen beherbergen die nur dann aus der Bundesbetreuung entlassen wenn sie sich: a.) etwas zu schulden kommen lassen haben (Raufhandel, sexuelle Übergriffe in der Betreuungseinrichtung, Dealen usw.) b.) es keinerlei ersichtli

Ute Bock: Das Kriterium, weshalb ich jemanden aufnehme ist, dass er obdachlos ist. Dann wird in unserer Rechtsberatung geklärt, wie sein Asylverfahren steht, welche Möglichkeiten er hat oder nicht hat und er wird entsprechend beraten. Ganz sicher ist es nicht so, dass ich iIllegalen nur Unterschlupf gewähre. Es ist jeder hier polizeilich gemeldet.

thmb: wissen Sie wieviele Menschen in Wien leben, die keinen Anspruch auf Grundversorgung haben? Wieviele nicht-grundversorgte Menschen sind bei Ihnen in Betreuung?

Ute Bock: Ich weiß nicht, wieviele in Wien ohne Grundversorgung leben. Ich habe ca. 1200 Obdachlos gemeldete, die von vornherein von der Grundversorgung ausgeschlossen sind. Dann habe ich auch in den Wohnungen Leute wohnen, die keinen Anspruch auf Grundversorgung haben, weil sie entweder einem anderen Bundesland zugeordnet sind, oder in einem anderen Bundesland aus der Grundversorgung entlassen wurden. Z. B. nach dem zweiten negativen Bescheid im Asylverfahren.

fabrikant: Warum unterstützen Sie Leute, die keinerlei Anspruch auf Asyl haben ?

Ute Bock: Weil ich glaube, dass jeder Mensch einen Anspruch auf ein Bett hat und Anspruch auf Ernährung und medizinische Versorgung.

Josef Obermaier: Wie begegnen sie dem Vorwurf, sie würden ihren Schützlingen fürstliche Unterkünfte vermitteln und dadurch finanziell überfordert sein. Man behauptet ihre Art der Unterbringung sei mehr als dreimal so teuer wie "normale" Flüchtlingsheime.

Ute Bock: Das ist überhaupt nicht wahr. Die meisten meiner Wohnungen befinden sich in Präkariumshäusern (das sind Häuser die in Kürze abgerissen oder umgebaut werden sollen.) Ich übernehme die Wohnungen solange das halt möglich ist. Sie können sich vorstellen, in welchem Zustand diese Wohnungen zum Teil sind. Ich zahle dort keine Miete, also frage ich Sie, wo das teurer sein soll als andere Flüchtlingsheime.

Andrea D: Gibt es außer Geldspenden noch eine Möglichkeit Ihrer Organisation zu helfen?

Ute Bock: Wir brauchen vor allem immer wieder ehrenamtliche Mitarbeiter für Deutschkurse, für unser Postservice, für Rechtsberatung und für "Fundraising". Ich bekomme auch immer wieder Spenden von Lebensmitteln, von Bekleidung, Möbeln, ich brauche in jeder Wohnung, in der mehrere Leute wohnen, einen ordentlichen Herd, einen Kühlschrank, eine Waschmaschine, und in irgendeiner Form eine Dusche.

Gusti Rentner: Stiftungen sollen ja steuerlich sehr attraktiv sein. Glauben Sie, dass sich für die Idee der Gründung einer "Ute-Bock-Stiftung" eventuell leichter ein Sponsor begeistern könnte ?

Ute Bock: Das weiß ich nicht. Wenn so etwas möglich wäre, würde es mich sehr freuen, aber ich kann es nicht sagen, weil ich dafür zu wenig Fachfrau bin.

Kubi80: Wenn Sie keine Miete bezahlen, woher kommen dann 1/4 Mio Schulden?

Ute Bock: Zunächste einmal muss man jede Wohnung, die man bekommt in irgendeiner Form bewohnbar machen. Man braucht einen Elektriker, einen Installateur. Dann, nachdem das alte Wohnungen sind haben wir sehr hohe Kosten bei den Energien und dann muss man bedenken, dass es nicht genügt, dass jemand wo schlafen kann, er muss auch etwas essen.

thmb: Welche Organisationen außer dem Verein Ute Bock, berät bzw. hilft in Wien Menschen ohne Grundversorgung - und wie?

Ute Bock: Es gibt wahrscheinlich viele Privatpersonen, die einzelnen Menschen helfen. Eine Organisation, die Unterkünfte bietet, ist der Verein SUARA. Sonst fällt mir keiner ein.

penpen: Wie kann es jemanden geben der "von vornherein von der Grundversorgung ausgeschlossen ist"? Was sagt so einem das Ministerium, wie er überleben soll, außer straffällig werden?

Ute Bock: Ich weiß es nicht. Der Fonds Soziales Wien unterliegt sehr strengen Auflagen und kann daher in solchen Fällen nicht helfen. Das Ministerium sagt, er soll nach Hause gehen.

Nagl11: Sehr geehrte Frau Bock! Sie haben gestern in einem TV-Interview davon gesprochen, dass es einer um Asyl ansuchenden Familie nicht zumutbar wäre, in einem Flüchtlingslager zu wohnen, da sie sich bereits an einen gewissen Lebensstandard (in einer Ihre

Ute Bock: Ja sicher, im Notfall muss es so sein, ganz klar. Wenn es allerdings vermeidbar wäre, wäre es schön.

hic et nunc: nach ihnen wurde ja auch ein "ute bock preis" benannt - ehrt sie das. und wem würden sie denn den preis verleihen?

Ute Bock: Natürlich freut mich sowas, wenn meine Arbeit auch ein bisserl anerkannt wird. Dieser Preis wird ohnehin jedes Jahr vergeben, und immer an Leute, die ungefähr auf meiner Linie sind. Z. B. hat Herr Pfarrer Pucher den Preis bereits bekommen, ebenso wie die Damen in Oberösterreich, die sich für das Bleiberecht eingesetzt haben.

h. meiler: Finden sie, in Kenntnis der Schulden es nicht ein wenig lächerlich, wenn die Grünen Ihnen eine Hilfe von 10.000 Euro zukommen lassen?

Ute Bock: Also erstens bin ich froh um jeden Euro, den ich bekomme und zweitens sind 10000 Euro nicht gar so wenig. Dazu möchte ich noch sagen, dass ein Großteil meiner Spender Kleinspender sind, die mich regelmäßig mit 10, 20 oder 30 Euro unterstützen. Sie sind herzlich willkommen, mir 100.000 Euro zu spenden, wenn ihnen 10.000 zu wenig vorkommen.

Gusti Rentner: Was würden Sie sich von der Republik Österreich wünschen ?

Ute Bock: Dass Einrichtungen wie die meine, unnötig werden!

Markus Sagmeister: Was sagen Sie zu denen, die Sie und andere Einrichtungen pauschal als "Asylindustrie" differmieren?

Ute Bock: Ich verdiene kein Geld mit meiner Einrichtung, ich habe all mein Geld bereits eingebüßt. Ich glaube auch nicht, dass die Caritas besonders reich ist, ebenso wie der evangelische Flüchtlingsdienst und SOS Mitmensch schon gar nicht.

Randolph Carter #1: Es stimmt also, dass Sie sich auch um Asylwerber ohne Aufenthaltsgenehmigung kümmern, aber wenn sie glaubwürdig bleiben wollen, müssen Sie diesen Leuten auch nahelegen , das Land zu verlassen!

Ute Bock: Das mache ich ohnehin. Es ist nur sehr schwer jemanden zu überzeugen, in seine Heimat zurückzukehren, wenn er weiß, dass er dort wahrscheinlich umgebracht oder zumindestens eingesperrt wird.

h. meiler: Was machen Sie persönlich, sollten sie ihren Verein schließen müssen?

Ute Bock: Mich in den Park setzen und die Kronen Zeitung lesen.

ModeratorIn: Tatsächlich?

Ute Bock: Ich habe mir noch nicht überlegt, was ich wirklich mache, nur, was macht eine Pensionistin, die noch dazu Schulden hat?

ModeratorIn: Die Zeit ist leider vorbei, wieder einmal konnten nicht alle Fragen beantwortet werden. Wir danken Ute Bock fürs Kommen und den UserInnen für die spannenden Beiträge.

Ute Bock: Zum Abschluss möchte ich mich für das rege Interesse bedanken und sogar für das Interesse, was ich machen werde, wenn ich nicht mehr arbeiten muss.

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