"Vorwarnung an die Horden in Washington"

5. September 2008, 18:13
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McCain will hart durchgreifen, wenn er im Weißen Haus das Ruder übernimmt - Dass dort ein Republikaner seit acht Jahren im Amt ist, ist ihm kaum eine Erwähnung wert

Es dauert 48 Minuten, ehe John McCain seine Schlüsselgeschichte erzählt, die Geschichte der Kriegsgefangenschaft in Vietnam. Er erzählt sie anders, als man sie von Hurrapatrioten hört, nicht als kitschiges Heldenepos. Er redet von Stärke und Schwäche zugleich.

Zwei Mitgefangene mussten ihn füttern, nachdem er sich aus seinem Bombenflugzeug katapultiert hatte und mit gebrochenen Armen ins "Hanoi Hilton" gebracht worden war. Nichts konnte er allein tun. Später folterten ihn die Wärter, weil der Admiralssohn es ablehnte, sich vorzeitig austauschen zu lassen, weil er den Nordvietnamesen damit einen Propagandacoup vermasselte. Er landete in einer Einzelzelle, konnte nicht mehr, unterschrieb, dass er zutiefst bedauere, was er als Luftpirat angerichtet habe. "Sie haben mich gebrochen" , sagt McCain, erzählt von Scham und einem Zellennachbarn, der ihm neuen Mut einflößte. Die fünf Jahre in Hanoi hätten ihn verwandelt. Aus einem kraftstrotzenden Egoisten hätten sie einen Mann gemacht, der einsah, dass keiner es schafft, wenn andere ihm nicht helfen. In Vietnam, sagt er mit Pathos, habe er sein Ego verloren und die Liebe zu seinem Land gefunden.

Indirekte Attacke gegen Obama

Da dies keine Therapiegruppe ist, sondern ein Wahlparteitag, spitzt der Senator seine Kriegslehren auf einen Charaktervergleich zu, mit Barack Obama. "Ich will nicht Präsident werden, weil ich glaube, dass ich mit persönlicher Größe gesegnet bin. Dass die Geschichte mich gesalbt hat, mein Land in der Stunde der Not zu retten. Mein Land hat mich gerettet." Es ist eine indirekte Attacke, aber jeder im Xcel Energy Center weiß, wen er angreift. Sowieso läuft alles darauf hinaus, den Kontrast zu betonen: hier der Tatmensch McCain, ein Mann vieler Schlachten und vieler Narben, dort der glamouröse Redner Obama, der sich feiern lässt, obwohl er noch nie auf die Probe gestellt wurde.

 

McCain versucht erst gar nicht, es mit der brillanten Rhetorik seines Rivalen aufzunehmen. Er redet, ohne zu begeistern. Während sein Kontrahent in Denver vor 80.000 Zuschauern im Stadionrund sprach, steht er in St. Paul in einer Kongresshalle mit 2400 Plätzen. Wo Obama vor griechischen Säulen auftrat, begnügt sich McCain mit einer schlichten Leinwand als Kulisse. Über diese flimmert eine Stunde lang nur ein einziges Motiv, ein wehendes Sternenbanner.

Eiserner Kämpfer

Statt Visionen zu beschwören, präsentiert sich der 72-Jährige als eiserner Kämpfer, bereit, sich mit jedem anzulegen, sofern es im nationalen Interesse liege. Wenn er erst im Weißen Haus regiere, werde er Washington buchstäblich ausmisten von Politikern, die "nur für sich selbst und nicht für euch arbeiten" , ruft er. "Lasst mich eine Vorauswarnung an die alte Horde in Washington richten: Es kommt ein Wandel." Den Mann, gegen den sich der Wandel richtet, erwähnt er nur ein Mal, und zwar so kühl, wie es bei einem Parteifreund fast gegen die Anstandsregeln verstößt. McCain spricht nicht von George W. Bush, er spricht unpersönlich vom Präsidenten. "The Maverick" ("Der Querdenker" ) steht passend dazu auf hunderten Postern. "Steht auf, steht auf und kämpft" , donnert McCain. "Wir sind Amerikaner, wir geben nie auf. Wir ziehen nie den Schwanz ein. Wir verstecken uns nie vor der Geschichte. Wir machen Geschichte."

Es wirkt, als bliesen die Republikaner zur Revolution gegen sich selbst, zur Abrechnung mit den letzten acht Jahren. Irgendwie wollen sie vergessen machen, dass sie in diesen Jahren nicht in Opposition waren, sondern in der Schaltzentrale der Macht. (Frank Herrmann aus St. Paul/ DER STANDARD, Printausgabe, 6./7. 9. 2008)

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    Eine Rede ohne große Emotionen: John McCain nahm Donnerstagnacht in St. Paul, Minnesota, die Nominierung seiner Partei zum Präsidentschaftskandidaten an.

  • Der Kandidat auf der Bühne.
    Foto: Reuters/Segar

    Der Kandidat auf der Bühne.

  •  Mc Cains "Vorwarnung an die Washingtoner Meute": er will mit Parteiengezänk und Filzskandalen Schluss machen.
    Foto: AP/Edmonds

    Mc Cains "Vorwarnung an die Washingtoner Meute": er will mit Parteiengezänk und Filzskandalen Schluss machen.

  • McCain mit Vizekandaitatin Sarah Palin.
    REUTERS/Mike Segar

    McCain mit Vizekandaitatin Sarah Palin.

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