Die ÖVP ist erleichtert

4. September 2008, 19:53
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Die ÖVP blieb auf ihrem Spitzenkandidaten sitzen, und ihr Versuch, dieses Leiden mit einem Inserat an die Krone irgendwie erträglich zu gestalten, scheiterte

Zwei Neuigkeiten hatte diese Wahlkampf-Woche zu bieten. Erstens: Die ÖVP ist nach dem Fernsehduell Wilhelm Molterers mit H. C. Strache wieder etwas erleichtert. Zweitens: Der Bundespräsident setzte die Parteien vorbeugend unter Druck, nach der Nationalratswahl rasch eine handlungsfähige Regierung zu bilden, wobei ungewisser denn je ist, welche Parteien dies dann betreffen mag. Das könnte - leider - ein noch frömmerer Wunsch bleiben als der für die letzte Regierungsbildung, bei der bekanntlich eine große Koalition für die entschlossene Lösung der großen Probleme des Landes sorgen sollte.

Die großen Probleme blieben von den Koalitionsparteien entschlossen ungelöst. Die hatten schon Mühe, die etwas kleineren mit ihren Spitzenkandidaten zu lösen. Der SPÖ ist das, gewissermaßen im letzten Augenblick, mit medialer Hilfe gelungen, was zeigt, wie viel ein freundlicher Brief in kritischen Situationen bewirken kann. Die ÖVP blieb auf ihrem Spitzenkandidaten sitzen, und ihr Versuch, dieses Leiden mit einem Inserat an derselben Adresse irgendwie erträglich zu gestalten, scheiterte. Ihre Parteizentrale dürfte der einzige Ort in der großen weiten Welt sein, wo man glaubte, in der "Krone" ein Inserat gegen die "Krone" schalten zu können.

Also musste man sich anderweitig Erleichterung verschaffen und fand sie nur allzu beflissen in Molterers Auftreten gegen Strache. Das ist freilich etwas voreilig. Im Kontrast zur gelschimmernden Endlosschleife populistischen Geschnatters musste jeder die bessere Figur machen, der nicht mehr demonstrierte, als dass er sich auf einer anderen Ebene bewegt. Aber so weit ist Molterer Dienstagabend von der Rolle des aufgeschreckten Uhus, der dem von ihm verursachten Waldbrand sein entschiedenes "Es reicht!" entgegenschleudert, noch nicht weggekommen, als dass die Erleichterung in manchen seiner Parteifreunde eine reale Grundlage haben könnte.

"Die da oben"

Die geringe Glaubwürdigkeit seiner bisherigen TV-Gegner hat ihm ein wenig geholfen; sie überzeugend zu widerlegen vermochte er schon deshalb nicht, weil er sie gleichzeitig als mögliche Koalitionspartner aufwertete. Ob sich mit denen eine handlungsfähige Regierung bilden ließe, und auch noch rasch, wie der Bundespräsident das eingemahnt hat, dürften aber nicht einmal die Wähler der beiden Rechtsparteien glauben, entspringt deren Stimmabgabe doch oft nur einem (un)reinen Protest gegen "die da oben". Und ob Molterer noch die Statur eines attraktiven Spitzenkandidaten gewinnen kann, wird von den TV-Konfrontationen, soweit diese überhaupt Einfluss haben, mit gewichtigeren Gegner abhängen.

Sofern man damit nicht überhaupt eine allzu großen Last auf seine Schultern abwälzt. Dass Molterer ein Kandidat von begrenzter Zugkraft und Begeisterungsfähigkeit ist, wusste man in der ÖVP, als man ihn auf den Schild hob. Die Hoffnung, diesen Mangel nach zwei Jahren der Härte durch eine "Sozialoffensive" in letzter Minute wettzumachen, stirbt natürlich zuletzt. Aber auch Schwäche kann sympathisch machen: Faymann ist schon wieder umgeschwenkt. Er kann sich nun doch eine große Koalition mit Molterer vorstellen. (Günter Traxler, DER STANDARD, Printausgabe, 5.9.2008)

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