Niederwieser: "Gefühl für Anstand" in der Forschung verloren gegangen

4. September 2008, 19:31
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SPÖ-Bildungssprecher bezeichnet Publikationspraktiken in der Wissenschaft als "Missstand" - ÖVP-Sprecherin kritisiert die Aussagen als "Schnellschüsse"

Wien - Als einen "Missstand", der zu unterbinden sei, bezeichnete SPÖ-Bildungssprecher Erwin Niederwieser am Donnerstag in einer Aussendung Publikationspraktiken in der Wissenschaft, "dass Universitätsprofessoren oder Vorgesetzte eines Instituts mitunter bei wissenschaftlichen Forschungsarbeiten als Mitautoren angeführt werden, ohne ein einziges Wort geschrieben zu haben". Für Niederwieser ist in der Forschung "das Gefühl für Anstand" verloren gegangen.

"Weltweit verbreitete" Gepflogenheit

Anlass für die Kritik Niederwiesers boten Aussagen von Innsbrucker Urologen in der "Tiroler Tageszeitung" (Donnerstag-Ausgabe), die im Zusammenhang mit dem Skandal an der Medizinischen Universität Innsbruck getätigt wurden. Die zwei Ärzte sprechen von einer "weltweit verbreiteten" Gepflogenheit, dass Vorgesetzte "ehrenhalber" in einer Studie oder wissenschaftlichen Forschungsarbeit genannt werden, ohne dass sie etwas dazu beigetragen hätten.

Die Fachzeitschrift "Nature" hatte in ihrer Kritik am Innsbrucker Fall ("Etwas ist faul im Staate Österreich") bereits festgehalten, dass ein Department-Leiter "grundsätzlich" die Verantwortung für die Geschehnisse an seiner Einrichtung übernehmen müsse - und vor allem für jede Publikation, bei der er Co-Autor ist. Ähnlich argumentiert nun auch das Medizinjournal "The Lancet".

Zum Teil gemeinsames Interesse

"Diese akademische Unsitte gibt es nicht nur an den Medizinischen Universitäten, sondern an sehr vielen universitären Einrichtungen", so der SPÖ-Bildungssprecher. Gerade im Forschungsbereich sei "das Gefühl für Anstand sowie ehrlich erworbene Leistungen" verloren gegangen, da etablierte Wissenschafter mit dieser Vorgehensweise ihre Publikationstätigkeit um ein Vielfaches steigern können. Zum Teil bestehe ein gemeinsames Interesse zwischen den handelnden Personen, da für einen jungen Akademiker die Mitautorenschaft eines anerkannten Professors Vorteile mit sich bringen kann. "Problematisch ist dies jedoch, wenn es um die Einholung bestimmter medizinischer Tests oder Genehmigungen geht, da dem Vorgesetzten eine Mitverantwortung auferlegt wird", so Niederwieser. Der SPÖ-Bildungssprecher fordert daher von Wissenschaftsminister Johannes Hahn einen sofortigen Stopp dieser gängigen Praxis.

Kritik von ÖVP-Seite

Die designierte ÖVP-Wissenschaftssprecherin Beatrix Karl kritisierte als Reaktion auf Niederwiesers Aussagen "Schnellschüsse" sowie "das Schlechtreden des Wissenschaftsstandortes" in einer Aussendung. Sie verwies auf die geplante "Agentur für wissenschaftliche Integrität", die im Herbst starten soll: Ein derartiges Instrumentarium stelle im Sinne einer Qualitätssicherung und Förderung des Forschungs- und Wissenschaftsstandorts Österreich eine wichtige Maßnahme dar. "Ich bin zuversichtlich, dass diese Agentur im Herbst starten kann. Nur aus wahltaktischen Gründen jetzt unbedachte Schnellschüsse und Sanktionen zu fordern, ist unseriös und nicht im Sinne der österreichischen Forschungslandschaft", sagte Karl. (APA)

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