Gast mit Behinderung als Kaiser

4. September 2008, 19:19
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Pekings Umbau auf barrierefrei - "Verbotene Stadt" für 400.000 Euro rollstuhltauglich

Chinas letzter Kaiser Pu Yi pflegte im Weg stehende Eunuchen mit "Macht Platz"-Rufen zu verscheuchen, als er auf seinem Fahrrad durch die Verbotene Stadt brauste. Andere Hemmnisse hatte der Spross eines mandschurischen Fürstengeschlechts zuvor brachial aus dem Weg räumen lassen. Der 16-Jährige hatte uralte Schwellen der großen Holztüren aus dem Boden brechen lassen, um sich freie Fahrt zu verschaffen.

Das war im Jänner 1923. 85 Jahre nach dem "Bahn frei für den jungen Kaiser" lautet in Pekings Kaiserpalast heute das Motto "Bahn frei für die Behinderten". Auch für die Paralympics hat sich Peking ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. Es möchte für die Millionen behinderter Bürger und Besucher zur ersten "Wu Zhangai-Metropole" Chinas werden, zu einer Stadt "ohne Hindernisse", vor allem für Rollstuhlfahrer. Dazu wurden Gehsteige abgeflacht, Rampen angelegt, U-Bahn-Zugänge geebnet und 60 bedeutende Sehenswürdigkeiten umgebaut. Selbst der 588 Jahre alte Kaiserpalast (Gugong) ist nun zum Teil rollstuhltauglich.

Schonende Investition


Zwei Jahre waren die Renovierer dafür am Werk, sie gaben umgerechnet 400.000 Euro aus, sagt Gugong-Vizedirektor Duan Yong. Sie mussten mit dem Unesco-Weltkulturerbe schonend umgehen. Nicht so wie einst Pu Yi, der mehr als 30 Türschwellen herausreißen ließ.

Die moderne Lösung sind bewegliche Holzschwellen, die am Abend, wenn die Tore geschlossen werden, wieder eingesetzt werden können. Für Rollstuhlfahrer wurde ein besonderer Weg angelegt, der entlang der 961 Meter langen Achse vom Mittagstor (Wumen) bis zum Nordausgang führt.

Deutsche Spezialfirmen wie Hiro-Lift Bielefeld lieferten Hebebühnen. Sie sind auf Stahlplatten montiert und unter purpurgefärbten Holzverkleidungen versteckt. So beschädigen sie weder die ohne Schrauben und Nägeln konstruierten Originalbauten, noch stören sie die Aussicht.

China strebe nach einer harmonischen Gesellschaft, sagt Vizedirektor Duan. "Wir haben den Kaiserpalast behindertengerecht gemacht. Über Lifte können Behinderte sogar die einst nur über Marmorstufen erreichbaren drei großen Hallen besuchen."

Deren größte heißt "Halle der höchsten Harmonie". Mitten in ihr steht der Drachenthron, den Radfahrer Pu Yi aber nur bei feierlichen Anlässen erklomm. (Johnny Erling aus Peking , DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 5. September 200)

 

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