Jüdische Flucht über den Tauernpass

4. September 2008, 19:21
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Die Publikation "Alpine Peace Crossing" ist eine umfangreiche Dokumentation über ein Stück vergessene Geschichte

Von 1945 bis 1948 wurden etwa 250.000 Juden aus Osteuropa illegal in den Westen geschleust. Viele von ihnen hatten die Gräuel der Konzentrationslager überlebt und sich dann nach erneuten Pogromen zur Flucht entschließen müssen. Rund die Hälfte des Flüchtlingsstroms ging über Salzburg nach Italien. Es war eine der größten organisierten Fluchtaktionen, die es in Europa je gab. Ziel war Palästina, das Gelobte Land. Organisatorin des Exodus war die jüdische Fluchthilfeorganisation Bricha (hebräisch: Flucht).

Spektakulärster Teil der Aktion war die Überquerung des Krimmler Tauernpasses (2600 Meter) im Sommer 1947 durch rund 5000 schlecht ausgerüstete, bergunerfahrene jüdische Flüchtlinge. Der Krimmler Tauern war das letzte Schlupfloch von Salzburg nach Italien, nachdem die französischen Behörden den Brenner für die Flüchtlinge gesperrt hatten. Auf Initiative des Direktors der Bank BNP Paribas Österreich, Ernst Löschner, wurde dieser - von den Einheimischen damals beschönigend "Judenwanderung" genannten - Fluchtaktion im Juni 2007 mit Veranstaltungen und einer Gedächtnisüberquerung gedacht.

Ein Stück vergessene Geschichte

Ein Jahr später liegt nun eine Dokumentation dieses "Alpine Peace Crossing" vor, herausgegeben in der Schriftenreihe des Pressebüros der Salzburger Landesregierung. Unter der Koordination des Historikers Harald Waitzbauer ist eine umfangreiche Dokumentation über ein Stück vergessene Geschichte entstanden. Die Beiträge widmen sich neben der Flucht über den Pass auch dem österreichischen Nachkriegsantisemitismus oder jenen wenigen Menschen, die damals uneigennützig halfen, allen voran der 1985 verstorbenen Wirtin des Krimmler Tauernhauses, Liesl Geisler-Scharfetter. Beiträge von Reinhard Dörflinger, Österreich-Präsident von "Ärzte ohne Grenzen", oder der Psychologin Brigitte Lueger-Schuster ("Psychotrauma im Flüchtlingsalltag") unterstreichen das Anliegen, das Thema historisch und aktuell zu thematisieren. Kostenlos beim Landespressebüro Salzburg (www.salzburg.gv.at) zu beziehen. (Thomas Neuhold, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5. September 2008)

Roland Floimair (Hg.): Alpine Peace Crossing, 151 Seiten, kostenlos. Landespressebüro Salzburg, 2008.

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