Bis auf weiteres unter bil.m.55@live.at: Bil Marinkovic, blind

4. September 2008, 19:14
4 Postings

Bei den Paralympics ist Österreich generell erfolgreicher als bei Olympia. 34 Männer und vier Frauen gehen auf Medaillen los. Einer, der sich große Hoffnungen macht, ist der blinde Speerwerfer Bil Marinkovic

Peking/Wien - Die Zahl seiner Fans ist eher klein. Also hat Bil Marinkovic nichts dagegen, wenn seine E-Mail-Adresse veröffentlicht wird - bil.m.55@live.at lautet sie seit längerem schon. Sie weist auf die 55 Meter hin, die als Traumweite im Speerwurf gelten, im Speerwurf für Vollblinde.

Gregor Högler ist ein Fan von Bil Marinkovic geworden, ein Freund außerdem und der Trainer. Högler war Österreichs bester Speerwerfer, einer der besten weltweit. 2001 kam Marinkovic während eines Wettkampfs auf ihn zu, erzählte ihm von seinem Speerwurfehrgeiz, bat ihn um Tipps. Högler ("Spitzensportler sind eher ichbezogen") vertröstete Marinkovic auf später, doch der blieb hartnäckig. "Damals", sagt Marinkovic (35), "hab ich noch besser gesehen." Besser ist relativ. Er leidet an "Makula-Degeneration", erblich bedingt. Als er zehn Jahre alt war, begann sich seine Sehkraft zu verringern. Als er Högler traf, nahm er noch Konturen wahr. Heute sieht er praktisch nichts mehr.

Högler wurde Coach, ab 2003 schrieb er Marinkovic die Trainingsprogramme. "Ich hab es bewundert", sagt der 36-Jährige, "wie Bil mit seinem Schicksal umgeht." Nun trainiert Marinkovic zwölf- bis 14-mal die Woche, man kann sagen, zweimal jeden Tag. Die Frau oder eines der fünf Kinder bringen ihn zum Training, holen ihn wieder ab. Er fährt auf Trainingslager nach Potchefstroom/Südafrika, er übt gemeinsam mit Nichtbehinderten. Högler behandelt Marinkovic wie jeden anderen, jeden nichtbehinderten Schützling. Er verlangt, "dass einer alles gibt und dem Sport alles unterordnet". Schließlich ist auch er, der Maschinenbau studiert hat, mit Leib und Seele dabei, wenn er nicht als Planer für ein technisches Büro arbeitet oder seiner Schwester in der Rauchfangkehrerfirma hilft. Marinkovic lebt von der Frühpension, außerdem unterstützen ihn Top Sport Austria und die Sporthilfe.

Dreimal so viele Gegner


Erstmals wurden die Sehbehinderten heuer in einer Klasse zusammengefasst, früher gab es drei Klassen: Vollblinde, schwerst Sehbehinderte und Sehbehinderte. "Bei den Vollblinden waren wir eigentlich unschlagbar", sagt Högler. Jetzt gibt es neue Gegner, dreimal so viele Gegner wie früher. Die Leistungen werden anhand einer Umrechnungstabelle und bestimmter Quotienten nun direkt miteinander verglichen. "Interessant", sagt Högler, "aber für Laien leider schwer zu durchschauen." Marinkovic geht schlicht davon aus, dass er den Weltrekord für Vollblinde (51,04 Meter) verbessern muss, wenn einer seiner Gegner beispielsweise einen Weltrekord für Sehbehinderte wirft.

Zu Beginn des Trainings hatte Marinkovic die Bewegungsabläufe erlernt, indem er ertastete, was Högler verlangsamt darstellte. Seine Technik unterscheidet sich von der eines nichtbehinderten Speerwerfers insofern, als er den Speer während des Anlaufs nicht zurücknimmt, sondern stets in der sogenannten Auslage, also in der Abwurfposition, führt. Er hält die Schulter des Wurfarms stets im rechten Winkel zur Wurfrichtung, während Högler die Schulter im Anlauf um weitere neunzig Grad zurücknimmt. Marinkovic würde dieses leichte Verdrehen aus der Balance bringen. So kommt er mit weitaus geringerer Geschwindigkeit als beispielsweise Högler zum Abwurf, vor allem daraus resultiert die geringere Weite.

Wer sich übrigens vorstellt, die Angelegenheit sei gefährlich, der ist auf dem Holzweg. Blinde Speerwerfer und ihre Trainer wissen genau, was sie tun. Högler: "Das ist alles tausendfach erprobt. Es kommt einem halt unüblich vor, dass ein Blinder einen Speer wirft. Aber was kommt einem bei einem Blinden schon üblich vor?"

2004 war Marinkovic Paralympics-Sieger in Athen, dreimal war er Weltmeister, 2005 und 2007 Behindertensportler des Jahres. Überaus bemerkenswert ist der Wiener Landesmeistertitel 2008, nicht im Blindenbewerb, sondern in der allgemeinen Klasse. Unter den Sehenden war der Blinde König. 55,26 Meter sind, weil nicht bei einem Behindertenbewerb fixiert, offiziell kein Weltrekord. Bil, der in Peking am 10. September wirft, überlegt dennoch schon, seine E-Mail-Adresse bald zu ändern: auf bil.m.60@live.at. (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 5. September 2008, Fritz Neumann)

 

  • Bil Marinkovic

    Bil Marinkovic

Share if you care.