Auf der Suche nach Emotion und Thema

4. September 2008, 18:58
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Auf die Inhalte kommt es an - Und auf den Spitzenkandidaten - Und die Glaubwürdigkeit - Ohne Populismus hilft aber alles nichts, sind sich Experten mit Erfahrung aus der Praxis sicher

Josef Kalina würde es auch so machen. Die Kampagne von Werner Faymann sei von Form und Inhalt absolut richtig: "Fünf einfache Punkte, leicht verständlich. Das kommt an." Inhalte seien in einem Wahlkampf absolut wichtig, freilich immer in Kombination mit der Person des Spitzenkandidaten und der Kampagne, sagt Kalina, der noch von Alfred Gusenbauer als Bundesgeschäftsführer der SPÖ gefeuert wurde. Mit Gusenbauer würde eine solche Kampagne übrigens nicht funktionieren, sagt Kalina, weil den Inhalten durch den Spitzenkandidaten genügend Glaubwürdigkeit verliehen werden muss. Und die habe Gusenbauer nicht.

Im Wahlkampf gehe es darum herauzufinden, "was die Leute von dir wollen, dass du tust. Und darum, es ihnen dann anzubieten." Faymann habe mit seinen fünf Punkten einen Coup gelandet. "Er baut Glaubwürdigkeit auf", sagt Kalina. "Das sind keine Wahlversprechen, sondern Punkte, die umgesetzt werden können. Sogar noch vor der Wahl."

"Recht simpel"

Heidi Glück, die ehemalige Pressesprecherin von Ex-Kanzler Wolfgang Schüssel, hält die Inhalte für ganz zentral. Der Spitzenkandidat würde bestenfalls zu zwanzig Prozent entscheiden, ob eine Partei gewählt werde. Mit Inhalten könne man aber nur dann punkten, wenn es gelinge, diese zu verdichten. Etwa in Richtung Familienpartei oder Wirtschaftspartei. Für eine Partei sei es ausschlaggebend, aus dem Mix der Inhalte populistisch etwas herauszuarbeiten, mit dem man auffällt. Am besten mit konkreten Forderungen, glaubt Glück.

Als "recht simpel" beschreibt der PR-Fachmann Dietmar Ecker, einst für die SPÖ tätig, das Prinzip Populismus: "Du musst herausfinden, welche Emotion viele Leute bewegt - seien es Xenophobie, Eroberungsgelüste oder - wie diesmal - ein Gefühl der Ungerechtigkeit wegen der hohen Preise. Kennst du die Emotion, hast du das Thema." Den Leuten nach dem Mund zu reden reiche aber nicht aus, sagt Ecker: "Wir träumen zwar vom aufgeklärten Menschen, aber tatsächlich wollen die Leute geführt werden. Ein guter Populist ist immer einen halben Schritt voraus - aber nicht weiter." In der ersten Wahlkampfhälfte sei das Faymann durchaus gelungen, während die ÖVP hinterhertaumle.

"Völlig hirnverbrannt"

Nikolaus Formanek, früher Koordinator des Präsidentschaftswahlkampfes von Heide Schmidt, hält einen Themen-Wahlkampf "für völlig hirnverbrannt". "Ich behaupte steif und fest, dass in der Wahlentscheidung inhaltliche Themen wie aktuell das Kindergeld völlig schnippe sind." Das habe nichts damit zu tun, dass die Wähler dumm seien, sagt Formanek. "Die Menschen wählen jemanden, wo sie das Gefühl haben: Wenn der mit einem Sachthema konfrontiert wird, trifft er die richtige Entscheidung." Daher habe man als Partei nur die Möglichkeit, über den Spitzenkandidaten aufzufallen. "Die Person kann viel wettmachen."

Überhaupt ist Formanek der Meinung: "Es gibt keine neuen Themen." Es gehe immer um die Überthemen wirtschaftliche Angst, Sicherheit und latent noch um das EU-Thema. Etwas Neues könne man nur auf die Agenda bringen, wenn es "wahnsinnig außergewöhnlich" sei. (go, jo, völ, DER STANDARD, Printausgabe, 5.9.2008)

  • Ein Plakatständer unterwegs auf der Wiener Ringstraße: Inhalte müssen vermittelt werden - und zu den Wählern kommen.
    foto: der standard/cremer

    Ein Plakatständer unterwegs auf der Wiener Ringstraße: Inhalte müssen vermittelt werden - und zu den Wählern kommen.

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