"Palin Power" für die Republikaner

4. September 2008, 18:40
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Der "Pitbull mit Lippenstift" weckt die Parteibasis auf - und bleibt ein großes Risiko

Die beiden prominenten Republikaner fühlten sich unbelauscht, doch das Mikrofon einer TV-Kamera war offen: "Das wird nie funktionieren", raunte John McCains Ex-Berater Mike Murphy. "Jetzt ist es aus! Sie versuchen es mit einer Persönlichkeits-Show. Jedes Mal, wenn die Republikaner das tun, versagen sie", erwiderte Peggy Noonan, ehemals Redenschreiberin bei Ronald Reagan und nun Kolumnistin des Wall Street Journal. Wenige Stunden vor Sarah Palins Rede in St. Paul hatten selbst eingefleischte republikanische Parteigänger jede Hoffnung auf einen Wahlsieg fahrenlassen.

Nach Palins Auftritt allerdings ist alles anders. Die Gouverneurin von Alaska hat sich mit einer brillant verfassten und mitreißend gehaltenen Rede auf der nationalen politischen Bühne vorgestellt. Sie war witzig und angriffig, aber niemals aggressiv. Sie wirkte kompetent und authentisch. McCains Redenschreiber ließen Palin die klassischen republikanischen Themen herunterrattern: weniger Steuern, weniger Staat, mehr Sicherheit für die Amerikaner.

Daneben sprach sie von ihrer Familie, den Werten "Smalltown"-Amerikas und auffällig detailreich über Außen- und Energiepolitik. Barack Obama schimpfte sie einen intellektuellen Überflieger, der sich vor allem darum sorge, ob "Terroristen ihre Rechte vorgelesen werden".

Barack gegen Barrakuda, das intellektuelle gegen das einfach gestrickte Amerika - das sind die Linien, an denen die letzten Wochen des Wahlkampfs verlaufen werden. Palin (Eigendefinition: "Pitbull mit Lippenstift") stellte diese Unterschiede viel deutlicher heraus, als es der hölzern wirkende McCain bisher vermocht hatte. Sie injizierte der müden "Grand Old Party", die selbst nicht so recht an den Wahlsieg glauben mochte, einen Schuss "Palin Power".

Die Enthusiasmus-Lücke, die viele Beobachter im Vergleich zum Obama-Lager festgestellt hatten, ist damit geschlossen. John McCains betuliche Kampagne hat plötzlich Pfeffer, die republikanische Basis ist aufgewacht. Sein Vabanquespiel, einen Joker einzuwechseln, der diese Partie noch umdrehen kann, scheint fürs Erste aufzugehen. Mit einer geeinten und motivierten Partei ist am 4. November tatsächlich alles möglich.

So wirkte auch John McCain erleichterter als Palin selbst, als er sie nach ihrer Rede in St. Paul umarmte. Noch vor zehn Tagen hatte er auf seinem alten Senatskumpel Joe Lieberman als Running Mate bestanden. Seine Berater mussten ihn mit aller Gewalt davon überzeugen, dass das ein Ticket in die sichere Niederlage sei. McCain lenkte ein und traf die hochriskante Entscheidung, die unerfahrene Gouverneurin zu nominieren.

Ganz aufatmen kann er nach dieser einen Rede dennoch nicht. Denn die Entscheidung für Palin bringt auch deutliche strategische Nachteile mit sich: Der Fall beleuchtet McCains politische Spielernatur, die ihn durch seine ganze Karriere begleitet hat. Palin lenkt die Scheinwerfer auch auf sein Alter und seine Krankheiten. Und selbst wenn McCains Stab sie einigermaßen unbeschadet durch die kommenden Interviews und TV-Konfrontationen bringt, bleiben viele Dinge aus Palins Vita ungeklärt und vor allem ihre mangelnde außenpolitische Erfahrung ein großes Defizit.

Bis 2007 besaß Palin keinen Reisepass. Und Cindy McCain erklärte unlängst, dass die Gouverneurin sehr wohl etwas von Außenpolitik verstehe, weil "Alaska so nahe an Russland liegt". Die von Palin vitalisierte republikanische Basis mag sich von solchen Dummheiten nicht abschrecken lassen. Um die Unabhängigen dagegen, die John McCain für einen Wahlsieg braucht, muss der Kandidat selbst nun umso intensiver werben. (Christoph Prantner/DER STANDARD, Printausgabe, 5.9.2008)

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