Starke Gegenbilder aus Amerika

4. September 2008, 18:25
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Eine eindringliche Auseinandersetzung mit dem US-Einsatz im Irak von Kathryn Bigelow, eine dichte Gesellschaftsstudie von Jonathan Demme: zwei überzeugende US-Filme

Ein Supermarktregal, auf dem mehrere Meter lang Cornflakes in allen nur erdenklichen Variationen aufgeschichtet sind: Der Überschuss innerhalb der eigenen Konsumgesellschaft ist das stärkste Gegenbild in The Hurt Locker, dem neuen Film von Kathryn Bigelow, der die längste Zeit vom braungrauen Einerlei der irakischen Wüste beherrscht wird. Am Ende steht der Soldat William James (Jeremy Renner) dann ratlos vor farbenfrohen Verpackungen, kurz unfähig, eine Wahl zu treffen. Im Irak entschieden solche Momente über Leben und Tod. James gehörte einem Spezialtrupp an, der Bomben zu entschärfen hatte.

Im Finale der Mostra hat den Wettbewerb nun also noch die Weltpolitik eingeholt - mit einer äußerst eindringlichen Arbeit: The Hurt Locker ist vielleicht der bisher härteste Spielfilm über den Irakkrieg. Das liegt daran, dass er dessen Erschütterungen in einem sehr direkten Sinn untersucht. Der Krieg wird hier vor allem als körperliche Anspannung spürbar, als Thrill, dem sich Männer wissentlich aussetzen, weil er wie eine Intensivierung der Gegenwart funktioniert. Mehrere Male wiederholt der Film ein ganz ähnliches Szenario: eine Bombe, versteckt im Auto oder unter Steinen; im Zentrum US-Soldaten, die sich vorsichtig und nervös annähern - und auf den Rängen irakische Zuseher, von denen jeder den tödlichen Auslöser in der Hand halten könnte.

William James stößt am Beginn des Films zu einem Trupp, der gerade seinen Anführer bei einem Entschärfungsversuch verloren hat. Schon am ersten Tag zeigt sich, dass der Neue die Vorschriften gerne mal missachtet. Der Krieg hat ihn zum leichtsinnigen Mann werden lassen, der seine Aufgabe als existenzielle Grenzerfahrung betrachtet. Er geht große Risiken ein, denn je schwieriger die Situation zu lösen ist, desto mehr Lust bezieht er daraus: Der Krieg wirkt bei ihm wie eine Droge.

Kathryn Bigelow, die in den 90er-Jahren eine Reihe von wichtigen Genrefilmen gedreht hat (Blue Steel, Point Break), schließt mit The Hurt Locker motivisch an ihren Science-Fiction-Film Strange Days an, in dem es ein mediales Instrument war, das die Realität simulierte. Nun ist es die permanente Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit, die die Soldaten in eine Art Trancezustand befördert, aus dem sie kaum mehr heraus finden.

Dramaturgisch bleibt der Film geradlinig, er wühlt sich vorwärts, von einem Nervenkitzel zum nächsten. Die Reduktion tut ihm gut, weil sie etwas von den Routinen des Soldatenlebens erzählt vom psychischen Verschleiß, der auf den Adrenalinkick folgt. Mit einigen Szenen deutet der Film an, dass womöglich auch der Krieg nur wie eine Simulation wirkt, der das Einschätzungsvermögen irritiert - einmal zeichnet ein Iraker etwa einen Einsatz auf, als gelte es, einen YouTube-Beitrag zu erstellen.

Traumabewältigung

Jonathan Demmes Rachel Getting Married, ein weiterer US-amerikanischer Film im Wettbewerb, wirkt dagegen auf den ersten Blick ganz unpolitisch, doch dieser Eindruck täuscht. Wie ein verspäteter Dogma-Film, mit ruckeliger Handkamera und haptischen Videobildern, wirkt diese ans Werk des verstorbenen Meisterregisseurs Robert Altman angelehnte Geschichte um eine Familienhochzeit, die zum therapeutischen Austragungsort eines nie ausreichend bewältigten Traumas wird.

Anne Hathaway spielt die Außenseiterin, die gerade aus der Drogenreha kommt und in den festlichen Reigen rund um die Vermählung ihrer Schwester Rachel (Rosemarie DeWitt) eine neue Dynamik einbringt. Sie hat ein paar offene Fragen, die niemand richtig hören will. Demme spitzt die Geschichte um den frühen Tod eines Familienmitglieds zum psychodramatischen Konflikt zu - und obwohl es sich bei Erzählkonstruktionen dieser Art um eine Konvention handelt, entfaltet Rachel Getting Married eine Dynamik, der man sich nur schwer entziehen kann.

Konzeptuell ausgeklügelt macht den Film aber erst der Umstand, dass Demme auch ein multikulturelles Amerika zelebriert (die Ehe schließt Rachel mit einem Schwarzen), das über die Fähigkeit der Selbstheilung verfügt. Während sich die Familie einer Zerreißprobe stellt, herrscht ringsum fröhlich gemischtes Treiben: Ein Narr, wer dabei nicht an das andere Amerika eines Barack Obama denkt. (Dominik Kamalzadeh aus Venedig, DER STANDARD/Printausgabe, 05.09.2008)

  • Erschütterungen in einem sehr direkten Sinn: Elitesoldaten zwischen
Bombenentschärfung und Adrenalinkick stehen im Mittelpunkt von Kathryn
Bigelows beeindruckendem "The Hurt Locker".
    foto: image.net

    Erschütterungen in einem sehr direkten Sinn: Elitesoldaten zwischen Bombenentschärfung und Adrenalinkick stehen im Mittelpunkt von Kathryn Bigelows beeindruckendem "The Hurt Locker".

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