Bohren nach Öl und Gas auf Antilopenfeld

4. September 2008, 18:52
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Im US-Bundesstaat Wyoming wurde ein riesiges Gasfeld entdeckt. Der Öl- und Gasmulti Shell will das Erdgas fördern, gleichzeitig aber den Lebensraum von Wildtieren schützen

Die Straße zum Paradies ist ein holpriger Schotterweg. Zu beiden Seiten wachsen dürre Salbeibüsche. In einiger Entfernung grast eine Gruppe von Antilopen. Die Straße zum Paradies endet auf einem Gebirgsplateau. Dort ist es hell und still, nur das leise Surren der Stromaggregate ist zu hören. Aus dem Boden erheben sich graue Pipelines.
Die Menschen hier haben dem Schotterweg seinen Namen gegeben in der Hoffnung auf Wohlstand und Glück: Denn unter dem Pinedale Anticline, einem weiten Bergsattel im Westen von Wyoming, ruht das zweitgrößte Erdgasreservoir der USA. 708 Milliarden Kubikmeter Gas, schätzen Experten. Genug, um zehn Millionen Haushalte 30 Jahre lang mit Gas zu versorgen.
Die steigenden Öl- und Gaspreise haben die Energiepolitik ins Zentrum des US-Präsidentschaftswahlkampfs gerückt. Washington propagiert die Unabhängigkeit von ausländischem Öl.

Neue Ressourcen


Die großen Energiekonzerne stehen nun vor der Aufgabe, neue Ressourcen zu erschließen und zugleich den Lebensraum von Wildtieren, von Flora und Fauna zu schützen. "Wir versuchen, mit den niedrigsten Kosten die größte Produktivität zu erreichen und unseren Fußabdruck in der Umwelt möglichst klein zu halten" , sagte David Todd, Leiter der Onshore-Operationen des Energiekonzerns Shell, dem Standard. "Wenn uns das nicht gelingt, machen wir einen schlechten Job."
Für Shell, den niederländisch-britischen Energieriesen, ist das Gasfeld von Pinedale ein Vorzeigeprojekt. Shell ist seit 2001 auf dem 810 Quadratkilometer großen Gebirgsplateau tätig. "Wir wollen hier so wenig auffallen wie möglich" , sagte Todd. Er ist Kanadier und seit 30 Jahren im Gasgeschäft tätig, hat auf Bohrinseln rund um den Globus gearbeitet. Er macht sich keine Illusionen über das Image der Energiekonzerne. "Es gibt eine Menge Leute, die uns nicht in ihrer Stadt haben wollen."
Leute wie Linda Baker zum Beispiel. Die Bibliothekarin leitet die Umweltorganisation Upper Green River Valley Coalition. Sie ist nicht grundsätzlich gegen Gasförderung, aber: "Die Energiekonzerne müssen ihr Tempo drosseln." Linda Baker sorgt sich um den Preis, den die kleine Stadt für den Gasboom zahlt. Die Gebirgsregion um Pinedale hat einen reichen Wildtierbestand: Antilopen, Maultierhirsche, Elche, Beifußhühner und Eulen leben auf dem Bergsattel. Doch die Zahl der Tiere, vor allem des Beifußhuhns, ist seit Jahren rückläufig. Derzeit sind saisonale Beschränkungen in Kraft, die das Bohren in bestimmten Abschnitten des Plateaus während der Paarungs- und Migrationszeiten verbietet.
Shell hat nun einen Plan vorgelegt, der ganzjähriges Bohren vorsieht und damit die Fördermenge erhöht. Doch dank einer neuartigen Bohrtechnik will Shell mehrere Bohrlöcher in einem Block konzentrieren und damit die Störung für die Tiere verringern. Die Zustimmung für den Plan durch die zuständige Behörde steht aber noch aus.


Energiegiganten wie Shell haben längst erkannt, dass sie nur mit, nicht gegen die Umweltschutzlobby arbeiten können. Shell unterstützt regionale Fonds für Artenschutz mit Millionenspenden und finanziert unabhängige Studien über das Verhalten der Wildtiere. Der Konzern installierte ferner eine Station zur Analyse der Luftqualität. Seitdem gibt es in Pinedale öfter mal Ozonwarnungen.
Pinedale ist ein Städtchen mit 1600 Einwohnern und ohne ein einziges Stoppschild. In den Sommermonaten, wenn die meisten Bohrarbeiten stattfinden, verdoppelt sich die Zahl der Einwohner. Die Roughnecks, so heißen die Öl- und Gasarbeiter, halten Einzug in die Stadt. Sie arbeiten in Zwei-Wochen-Schichten, jeden Tag von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. "Es ist eine besondere Sorte Mensch, die diesen Job macht" , sagte David Todd.
Das findet auch Linda Baker. "Viele der Arbeiter kommen aus größeren Städten. Pinedale bietet ihnen wenig, um Stress abzubauen." Sie tun es trotzdem, sagt Baker, zögen in der Nacht oft lärmend durch die Straßen. Laut Statistik sind seit Beginn der Bohrarbeiten in Pinedale Kriminalität und Drogenmissbrauch gestiegen. Die Straße zum Paradies, dieses Wort hat für Linda Baker längst einen bitteren Beigeschmack.

"Wunderbare Freundschaft"


Für die meisten Bürger von Pinedale bedeutet die Anwesenheit von Shell und Co. allerdings den Beginn einer wunderbaren Freundschaft. "Die Gaskonzerne sind gut für Pinedale" , sagt Rose Skinner, eine Dame in den hohen Achtzigerjahren mit wachen Augen. Skinner war hier Bürgermeisterin, als Shell 2001 mit den Bohrarbeiten begann. Mit dem Gas seien Arbeit und Wohlstand in die vormals arme Stadt eingezogen.
Etwa zwei Drittel der Arbeitsplätze haben mit den Gasoperationen zu tun. Die Auswirkungen auf Umwelt und Wildtiere will sie nicht kleinreden, aber: "Der Rückgang des Bestandes ist nicht allein auf das Gas zurückzuführen, sondern auch auf eine lange Dürrezeit." Umweltaktivisten wie Linda Baker wirft sie vor, blind gegenüber den Realitäten zu sein. "Nehmen wir doch die Ozonwerte" , sagte Skinner. "Bevor Shell eine Station installierte, wurde überhaupt nicht gemessen. Wie will man denn da vergleichen?"
Shell steht erst am Anfang seiner Operation in Wyoming. Mindestens 40 Jahre betrage die Lebensdauer eines Gasfeldes, sagte Todd. 16 Milliarden Dollar (11 Mrd. Euro) an Lizenzgebühren für die Förderrechte werden in den kommenden Jahrzehnten an die Stadt fließen. Viel Geld wartet auf Pinedale am Ende der Straße zum Paradies. (Katja Ridderbusch aus Pinedale, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 5.9.2008)

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    Die USA wollen angesichts steigender Öl- und Gaspreise von Importen weitgehend unabhängig werden und lassen in Gegenden wie Wyoming bohren, die wegen besonderer Fauna und Flora sensibel sind.

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