Online-Wahlkampf: Obama schnappt sich junge Wähler

4. September 2008, 18:00
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"Menschen werden an den traditionellen Medien vorbei verführt"

 Der Kampf um die US-Präsidentschaft geht nicht nur in der realen politischen Welt in die entscheidende letzte Runde. Auch im Internet versuchen die Spitzenkandidaten für das höchste Amt in den USA alle Möglichkeiten auszunutzen, um Wähler auf ihre Seite zu ziehen. Während in der Realität der Ausgang der Wahlen aber noch vollkommen offen erscheint, zeichnet sich zumindest in der virtuellen Online-Welt ein deutlicher Sieg von Barack Obama ab. Wie das renommierte US-Technologie-Magazin Technology Review berichtet, habe es dieser durch eine technisch innovative Kampagne geschafft, über soziale Netzwerke und neue Medien vor allem die jüngere Wählerschaft anzusprechen. "Nach dem Sieg in den Vorwahlen ist es dem Demokraten so gelungen, sich zum Hoffnungsträger hochzustilisieren", sagte Hans-Ulrich Jörgens, Politikjournalist des Stern, auf dem Kongress der Medienwoche Berlin-Brandenburg.

Gleichzeitig müsste aber auch die "manipulative Seite" des Obama-Wahlkampfs gesehen werden. "Die Kommentierung und Einordnung des Geschehens durch Presse, Fernsehen und Radio hat beim Wahlkampf Obamas weitgehend gefehlt", kritisierte Jörgens laut heise-Bericht. Durch die verstärkte Einbindung des Internets seien die Menschen "an den traditionellen Medien vorbei verführt" worden. Zwar sei es Obama gelungen, insgesamt rund eine Mrd. Dollar an Spendengeldern zu akquirieren, die Interaktionsmöglichkeiten der US-Bürger seien aber auch im Internet "unterentwickelt" gewesen. Auch Ulrich Deppendorf, Leiter des ARD-Hauptstadtstudios, sah eine "ungeheure manipulative Kraft" hinter der Mobilisierungsmacht des jungen Senators aus Chicago. "Bis auf das Wort 'Change' hat Obama bislang noch recht wenig Inhalte verkündet", merkte Deppendorf an. Sein Herausforderer, der Republikaner John McCain, habe den Wahlkampf deshalb noch keineswegs verloren.

"Der Wahlkampf über neue Medien wie das Internet hat enormes Potenzial", erklärt Mirela Isic vom Centrum für angewandte Politikforschung (CAP) der Ludwig-Maximilians-Universität in München gegenüber pressetext. Nicht nur die Politik in den USA hätte dies erkannt, auch in Deutschland werde das Internet bereits verstärkt im Wahlkampf eingesetzt. "Das konnte man eindrucksvoll im Rahmen des letzten Wahlkampfs in Hessen beobachten, wo die FDP über das Internet viele Stimmen gewinnen konnte", schildert Isic. "Über 250.000 Menschen haben die Homepage der Partei besucht", so die Politik-Expertin. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel habe bewusst darauf bestanden, dass eine eigene Homepage unter ihrem Namen angelegt wird.

Dass Obama und sein Wahlkampfteam es verstehen, die Medien für ihre Zwecke zu nutzen, zeigt sich aber nicht nur am Beispiel Internet. Auch im TV-Bereich erzielt der "Medienstar" neue Zuschauerrekorde. So haben vergangenen Donnerstag laut dem Marktforschungsinstitut Nielsen insgesamt 38,4 Mio. US-Bürger die Abschlussrede Obamas beim demokratischen Parteitag  von ihren Fernsehbildschirmen aus verfolgt. Das ist ein neuer Rekordwert, der sogar die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Peking, die populäre US-TV-Show "American Idol" und die Oscar-Preisverleihung übertrifft. (pte)

 

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