"Die Wahlbeteiligung ist der Schlüssel zum Sieg"

4. September 2008, 17:35
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Umfrage-Expertin Karlyn Bowman sieht im STANDARD-Interview deutliche Vorteile für Barack Obama

Christoph Prantner sprach mit Bowman in Washington über die entscheidenden Wählerschichten: Unabhängige, weiße Katholiken, Arbeiter.

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STANDARD: Es gibt täglich neue Umfragen zum Wahlkampf, was lässt sich denn seriös daraus lesen?

Bowman: Ich bekomme fünf oder sechs verschiedene Datensätze pro Tag. Alle zeigen ein sehr knappes Rennen. Gallup hat sein tägliches Tracking über den Sommer kumuliert. Darin zeigt sich, dass Barack Obama nach der Convention erstmals auf 50 Prozent Zustimmung zugelegt hat. Das ist enorm wichtig für ihn. Man muss natürlich auch auf die Daten nach dem republikanischen Parteitag warten, aber generell gesehen haben die Demokraten einige strukturelle Vorteile in dieser Kampagne. Es gibt einfach mehr Demokraten als Republikaner, und sie sind in enthusiastischer Stimmung. Die allgemeine Gemütslage dagegen ist schlecht, das wird den Republikanern angelastet.

STANDARD: Mehr Demokraten? Die meisten Politologen sehen die USA als strukturell konservatives Land.

Bowman: Etwa 30 Prozent der Amerikaner bezeichnen sich als konservativ, knapp 20 als links (liberal, Anm.). Die Moderaten stellen die Mehrheit. Für sie ist es wichtig, dass sie mit der Person des Präsidenten können und dass dieser in der Mitte des Spielfeldes agiert. Mit ihnen werden Wahlen gewonnen.

STANDARD: Die Demokraten haben 18 Battleground-Staaten definiert, in denen sie den Republikanern die Präsidentschaft abnehmen wollen. Darunter sind natürlich Ohio, Pennsylvania und Florida, aber auch Virginia, Colorado, New Mexico. Sind das realistische Pläne?

Bowman: Obama hat enorme finanzielle Ressourcen zur Verfügung, deswegen kann er in einigen Staaten konkurrieren. Er wird einiges für Mitarbeiter ausgeben, die dafür sorgen, dass sich die Bürger in die Wählerliste eintragen. Er wird massiv TV-Spots schalten. In den umstrittenen Bundesstaaten hängt alles von der Fähigkeit der Parteien ab, ihre Wähler zu mobilisieren. Das wird im ganzen Land der Schlüssel zum Wahlsieg sein.

STANDARD: Welche Wechselwählerschichten müssen die Kandidaten ansprechen?

Bowman: Die Unabhängigen. Dann weiße Katholiken, die bei den vergangenen acht Wahlen stets auf der Siegerseite standen. Und eine Gruppe, die Meinungsforscher rudimentär "some college" nennen, eine grobe Umschreibung für die weiße Arbeiterschicht. Bis zu den Conventions waren beide Kandidaten bei diesen Gruppen gleichauf, jetzt liegt Obama leicht in Führung. Aber es macht erst nach beiden Conventions Sinn, auf der Ebene einzelner Bundesstaaten genauer auf diese Gruppen zu schauen.

STANDARD: Welche Rollen spielen die evangelikalen Christen?

Bowman: Jeder muss seine Kernwählerschichten zu den Urnen bringen. Für Obama sind das Jungwähler und Afroamerikaner. Bei Letzteren wird er das schaffen, bei den Jungen bin ich nicht so sicher. Die Republikaner haben die Wähler auf dem Land und die Evangelikalen. Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin hat die christliche Rechte sehr motiviert. Bei den Hillary-Unterstützerinnen dagegen wird sie nicht viel holen. Die meisten dieser Frauen werden sich zweifellos hinter Obama stellen. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.9.2008)

Zur Person
Karlyn Bowman ist Senior Fellow am konservativen American Enterprise Institute in Washington. Die Politologin beschäftigt sich vor allem mit Umfragen und der Rolle der Medien in der US-Politik.

  • Karlyn Bowman
    foto: standard

    Karlyn Bowman

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