„Entweder man ist gut oder man ist nicht gut"

4. September 2008, 17:42
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Dass sich in der Hofreitschule bald täglich zwei Frauen auf Lipizzaner schwingen werden, ist laut Elisabeth Gürtler keineswegs fix: Die beiden absolvieren gemeinsam mit zwei männlichen Anwärtern nur ihr Probemonat

Wien - Sie sei weder für noch gegen Damen, sagt Elisabeth Gürtler. „Und das Wort Emanzipation kann ich nicht mehr hören. Entweder man ist gut oder man ist nicht gut, basta." Unter dem Regiment der Ex-Sacher-Chefin, die seit vergangenen Dezember Direktorin der spanischen Hofreitschule ist, haben erstmals zwei Frauen Chancen, sich im traditionsreichen Staatsbetrieb in der Hofburg zu Bereiterinnen ausbilden zu lassen: Ab nächster Woche beginnt für zwei junge Frauen und zwei Männer zwischen 17 und 21 Jahren ein Probemonat, in dem sich zeigen soll, wer das Zeug für ein Leben auf dem Rücken eines Lipizzaners hat. „Es soll hier niemand diskriminiert werden", sagt die Direktorin.

Höchstens zwei der vier Anwärter kann die Hofreitschule als sogenannte Eleven (Lehrlinge) aufnehmen. Die Wiener Zeitung schrieb am Freitag von einem „Geheimplan", mittels dem Elisabeth Gürtler ohne die Zustimmung des Vorstandes jungen Frauen Einlass in die Männerbastion gewähren wolle.
„Das ist doch alles Blödsinn", sagt Gürtler, früher selbst Reiterin und 1979 Vizestaatsmeisterin im Dressurreiten. „Es kamen einige junge Leute zum Vorreiten, weil unser Eleve zum Bereiter-Anwärter aufsteigt, vier davon haben wir zu einem Probemonat eingeladen." Von Alleingang könne keine Rede sein: „Reitmeister Ernst Bachinger und Aufsichtsrat-Vizepräsidentin Sissy Max-Theurer waren bei der Auswahl dabei."

Mit der Ansicht, dass es langsam an der Zeit wäre, in den heiligen Reitschulhallen am Wiener Josefsplatz nicht nur die Besucherränge für Frauen zu öffnen, steht Gürtler nach eigenen Angaben nicht allein da: „Ich spüre da vonseiten der Bereiter keine Widerstände."

Ob die beiden jungen Frauen - eine Österreicherin und eine in den USA lebende Britin - die ersten Bereiterinnen in der mehr als fast 430-jährigen Geschichte der Hofreitschule werden, ist trotzdem fraglich: „Es kann sein, dass sie nicht genug Kraft haben", sagt Gürtler. Laut einem Bereiter, der nicht namentlich genannt werden will, sind Frauen körperlich aber ebenso gut geeignet wie Männer. „Es gibt überhaupt keinen Grund, keine Mädchen aufzunehmen. Und früher oder später werden wir das auch tun." Zumal der ideale Lipizzaner-Reiter nicht zu groß und nicht zu schwer ist und lange Beine sowie einen relativ kurzen Oberkörper hat. Zurzeit gibt es in der spanischen Hofreitschule elf Bereiter, fünf Bereiter-Anwärter und einen Eleven. Kämen demnächst ein oder zwei weibliche Neulinge dazu, hätte man immerhin die Wiener Philharmoniker in Sachen Frauenanteil überholt - zumindest prozentuell gesehen. Beim berühmtesten Orchester des Landes kommen nämlich auf 108 Musiker gerade einmal zwei Frauen. (Martina Stemmer, Der Standard Print-Ausgabe, 6./7.9.2008)

 

  • Hofreitschuldirektorin Elisabeth Gürtler startet einen Versuch, den staatlichen Traditionsbetrieb für Frauen zu öffnen: „Wir wollen niemanden diskriminieren."
 
    standard/matthias cremer

    Hofreitschuldirektorin Elisabeth Gürtler startet einen Versuch, den staatlichen Traditionsbetrieb für Frauen zu öffnen: „Wir wollen niemanden diskriminieren."

     

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