"Es wundert mich, dass es in diesem Land noch so ruhig ist"

5. September 2008, 09:42
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Kurt Palm, Regisseur und Ex-Kandidat der KPÖ, im derStandard.at- Interview über unpolitische Künstler, österreichische Wurschtigkeit und linke Trauerspiele

Harri Stojka spielt mit seiner Band gerade auf der Hauptbühne auf. Junge Linke mit buntgefärbten Haaren und in gebatikter oder gestrickter Kleidung schlendern neben weißhaarigen Marx-Anhängern in der Abendsonne herum. Auf der Jesuitenwiese im Wiener Prater fand am vergangenen Wochenende zum 62. Mal das VolksstimmeFest statt, das letzte verbliebene Refugium der österreichischen Linken, wie Kurt Palm vermutet. Vom "Solidorf" kommt man über die "Initiativenstraße" zum "Kultur- und Medienplatz" und weiter zum "Kinderland". Alle paar Meter wird Palm von alten Freunden oder Kollegen angehalten. Der Regisseur, in einem schwarzen T-Shirt mit der weißen Aufschrift "Auch Kommunisten wandern gerne", ist kein seltener Gast dieses Festes. Er hat hier öfters Lesungen gehalten, als Besucher war er früher fast jährlich da.

Momentan arbeitet Palm an einem Drehbuch zu einem neuen Film. Von den österreichischen Künstlern würde er sich mehr politisches Engagement wünschen. Warum er eine Stimme für die SPÖ für eine verlorene hält und wieso sich die Linken in Österreich im Gegensatz zu Deutschland nicht etablieren können, sagt er im derStandard.at-Interview mit Saskia Jungnikl.

derStandard.at: Ist das VolksstimmeFest das letzte verbliebene Refugium der österreichischen Linken?

Kurt Palm: Ich befürchte, ja. Wenn man die Geschichte des VolksstimmeFests ein bisschen kennt, muss man bedauernd feststellen, dass das Fest die reale Lage der Linken in Österreich widerspiegelt. Vor 25 Jahren war es das größte Fest Wiens mit weit über 100.000 Leuten. Heute ist es ein Relikt und erinnert ein bisschen an Filme wie "Die Mumie" oder "Jurassic Park".

derStandard.at: Wieso konnten sich die Linken in Deutschland etablieren und in Österreich nicht?

Palm: Wenn ich die Antwort darauf wüsste, würde es mir politisch besser gehen. Ich kann mich erinnern, dass es an der Universität Salzburg, wo ich studiert habe, neben dem Kommunistischen Studentenverband auch noch die Maoisten, die Trotzkisten, die Spontaneisten, den VSSTÖ und noch andere linke Splittergruppen gab. Und die haben sich untereinander immer heftiger bekämpft als zum Beispiel die ÖSU, also die ÖVP-Studenten.

derStandard.at: Fehlen in Österreich die Persönlichkeiten?

Palm: Ja, es fehlen die charismatischen Persönlichkeiten. In Deutschland ist es nur durch Menschen wie Oskar Lafontaine oder Gregor Gysi gelungen, die Linke zu einer schlagkräftigen Organisation zu machen. Die haben ein gewisses integratives Potential. Was noch hinzukommt ist, dass es in Österreich immer eine enge Bindung der KPÖ zur Sowjetunion gab. Da gab es früher das geflügelte Wort: "Wenn es in Moskau regnet, spannen die Kommunisten in Österreich den Schirm auf." Man hat es nie geschafft, sich glaubwürdig davon abzugrenzen.

derStandard.at: Apropos charismatische Persönlichkeiten: Ist Mirko Messer der richtige Spitzenkandidat?

Palm: Mirko Messner ist ein sehr sympathischer Mensch, aber ob er deshalb der geeignete Spitzenkandidat ist, wage ich zu bezweifeln.

derStandard.at: Gäbe es in Österreich das Potential für eine etablierte Linke?

Palm: Meines Erachtens muss es selbst in einem so konservativen Land wie Österreich ein Potential von fünf Prozent für das linke Spektrum geben. Dass eine linke Partei im Parlament vertreten ist, sollte machbar sein und würde der politischen Kultur gut tun.

derStandard.at: Was sagt das über Österreich aus, dass dem nicht so ist?

Palm: Das ist ein Trauerspiel. Und es wirft kein gutes Licht auf die Linken einerseits und auf die politische Kultur in Österreich andererseits. Das hängt ein bisschen mit dem Untertanengeist und der Autoritätshörigkeit der Österreicher zusammen. Dann gibt es diese Wurschtigkeit, nach dem Motto: "Es ist eh alles egal. Hauptsache ich komm halbwegs über die Runden."

derStandard.at: Was bedeutet für Sie denn heutzutage "links"?

Palm: Dass man erkennt, dass die Politik des internationalen Kapitals – das unter dem Begriff "Globalisierung" firmiert – ein Ausmaß erreicht hat, die eine organisierte Gegenreaktion erfordert. Individuelle Proteste reichen hier nicht mehr aus. Die Seite des Kapitals ist so extrem gut organisiert, dass die Gegenseite wie ein Kindergarten wirkt, wie aufgescheuchte Hühner. Das Hauptdilemma heutzutage ist, dass ein Arbeiter von dem, was er verdient, nicht mehr leben kann. Dieses Problem der sozialen Ungerechtigkeit ist so massiv, dass es mich wundert, dass es in diesem Land noch so ruhig ist.

derStandard.at: Andererseits findet gerade eine Art Sozialpopulismus der Großparteien statt – Grundeinkommen, höhere Familienbeihilfe, Senkung der Mehrwertsteuer. Spielt das der KPÖ nicht eigentlich in die Hände?

Palm: Eigentlich sollte man meinen, ja. Aber offenbar gelingt es der KPÖ nicht, ihre Positionen entsprechend unters Volk zu bringen. Wobei man aber auch sagen muss, dass sie kaum Möglichkeiten hat, ihre Ansichten im ORF oder anderen Medien zu präsentieren

derStandard.at: Sie haben 2006 selbst für die KPÖ kandiert. Wieso?

Palm: Damals, nach sechs Jahren Schwarz-Blau und dem damit verbundenen unglaublichen Rechtsruck, wollte ich auf irgendeine Art ein Signal setzen. Es ging nicht darum, zu sagen: "Kommunisten an die Macht", sondern darum, eine Diskussion in Gang zu setzen.

derStandard.at: Heuer kandidieren Sie nicht. Waren die vergangenen Jahre unter Rot-Schwarz um soviel besser?

Palm: Nein, das nicht. Aber bei mir geht es sich erstens zeitlich nicht aus und zweitens bin ich ja – zum Glück – kein Berufspolitiker. Und die Erfahrungen, die ich während meiner Kandidatur gemacht habe, waren auch nicht immer angenehm. Die ganze Politik ist ein unangenehmes Geschäft.

derStandard.at: Werden Sie die KPÖ wählen?

Palm: Natürlich.

derStandard.at: Ist das – angesichts der vielen Kleinparteien, die mit mehr Chancen um einen Einzug in den Nationalrat kämpfen – nicht eine vergebene Stimme?

Palm: Auf keinen Fall. Ich glaube, dass eine Stimme für die SPÖ eine verlorene Stimme ist. Weil man wieder die Systemerhaltung wählt und wieder eine Stimme abgibt für die Verschlechterung der sozialen Lage. Wer die SPÖ wählt, wählt den Status quo. Das Dilemma in Österreich ist, dass man jeder Veränderung skeptisch gegenüber steht. Wenn die Linke ins Parlament kommen würde – was ja leider utopisch ist – würde das zumindest einmal einen Diskussionsprozess in Gang setzen. Das gibt es in diesem Land nicht. Aber man darf sich keine Illusionen machen: die Politik ist heutzutage ein vorgeschobener Posten der Wirtschaft. Die wirklichen Entscheidungen fallen in den Konzernzentralen.

derStandard.at: Bezieht sich diese Ansicht auch auf die EU?

Palm: Ich bin nicht gegen die EU, aber dagegen, wie sie sich momentan präsentiert. Sie ist zu neunzig Prozent eine EU, die Konzerne schützt, das Großkapital unterstützt und militärische Aktivitäten setzt, bei denen mir ganz schwummrig wird. Das ist eine EU, die mit mir nichts zu tun hat und die mir ganz und gar nicht behagt.

derStandard.at: Heißt das, Sie können den Brief der SPÖ an die Kronen Zeitung nachvollziehen?

Palm: Nein, das ist billiger Populismus. Man kann doch nicht drei Wochen vorher etwas im Parlament beschließen und dann mittels Brief sagen: 'Na, wir wollten eigentlich eh net'. Das ist lächerlich.

derStandard.at: Wie sehen Sie den bisherigen Wahlkampf der SPÖ?

Palm: Was da zwischen Werner Faymann und der Krone abgeht, ist an Peinlichkeit und Blödheit nicht mehr zu überbieten. Das Riesenproblem dabei ist: es zeigt Wirkung. Das ist erschütternd. Ich hab mir die Zeitung jetzt ein paar Mal durchgelesen und was Wolf Martin reimt: da wird mir schon anders. Aus der Sicht der Krone scheint der Faymann ja eine Art Messias zu sein. Unglaublich.

derStandard.at: Wilhelm Molterer hat gesagt, sollte er Bundeskanzler werden, will er die Kulturagenden übernehmen. Wie finden Sie diese Ankündigung?

Palm: Ich habe die Drohung gelesen. Vor allem, was er dann weiter dazu gesagt hat, nämlich dass er das Traditionelle bewahren möchte und so weiter. Da wird einem schon angst und bange. Ich muss aber dazu sagen, dass auch die Kulturpolitik der SPÖ ein Desaster ist, keine Frage. Aber wenn Molterer das Kulturressort übernähme, wäre es die Multiplizierung des Desasters.

derStandard.at: Sollten sich die österreichischen Künstler mehr an den politischen Diskussionen beteiligen?

Palm: Ich merke mit Bedauern, dass viele Künstler unpolitisch sind. Es fehlt die Diskussionsbereitschaft. Bei vielen herrscht das Denken vor: 'Bevor ich mich da jetzt zu weit aus dem Fenster lehne, schau ich lieber, dass ich meine Schäfchen ins Trockene bringe'.

derStandard.at: Wer wird die Nationalratswahlen gewinnen?

Palm: Unabhängig von den Parteien: Jene, denen es jetzt schon sehr gut geht. Parteimäßig: Die SPÖ wird Erster werden und es wird zu einer Neuauflage der Großen Koalition kommen. Josef Pröll und Werner Faymann – die verstehen einander gut – werden das Land unter sich aufteilen. Die Linken werden bei einem Prozent dahin tümpeln.

derStandard.at: Wann werden die Linken ins Parlament einziehen?

Palm: Meine Prognose ist 2050. Da werden die ersten Linken im österreichischen Nationalrat sitzen. Ich wäre dann 95. Also mit Ach und Krach könnte es sich ausgehen, dass ich das sogar noch erlebe. (Saskia Jungnikl, derStandard.at, 5.9.2008)

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    "Wenn man die Geschichte des VolksstimmeFests ein bisschen kennt, muss man bedauernd feststellen, dass das Fest die reale Lage der Linken in Österreich widerspiegelt."

  • "Messner ist ein sehr sympathischer Mensch, aber ob er deshalb der geeignete Spitzenkandidat ist, wage ich zu bezweifeln", sagt Palm über den KPÖ-Spitzenkandidaten.
    foto: der standard/corn

    "Messner ist ein sehr sympathischer Mensch, aber ob er deshalb der geeignete Spitzenkandidat ist, wage ich zu bezweifeln", sagt Palm über den KPÖ-Spitzenkandidaten.

  • Neben Essen aus allen möglichen Ländern gab es ebensoviele Spiele: Hier ein Wurfspiel aus Lateinamerika. Überhaupt war "Selber machen" eine der Hauptbeschäftigungen: so konnte man kochen, sich oder die Kinder schminken, Fladenbrot backen und so weiter.
    foto: kpö

    Neben Essen aus allen möglichen Ländern gab es ebensoviele Spiele: Hier ein Wurfspiel aus Lateinamerika. Überhaupt war "Selber machen" eine der Hauptbeschäftigungen: so konnte man kochen, sich oder die Kinder schminken, Fladenbrot backen und so weiter.

  • Neben Harri Stojka (Bild) traten unter anderem Texta, Sigi Maron und die Bluespumpm, aber auch der Habana Son Club und der Original Wiener Praterkasperl auf.
    foto: der standard/robert newald

    Neben Harri Stojka (Bild) traten unter anderem Texta, Sigi Maron und die Bluespumpm, aber auch der Habana Son Club und der Original Wiener Praterkasperl auf.

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