Schüssels Gipfel der Genüsse

4. September 2008, 17:15
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Mit einem "politischen Eisessen" startete ÖVP-Klubobmann Schüssel am Donnerstag in den Wahlkampf: Leutselig warb der Ex-Kanzler in Hietzing für einen "kühlen Kopf"

Wien - Seine Mitarbeiter sagen, eine von Wolfgang Schüssels größten Stärken sei seine Fähigkeit, sich voll auf eine Sache konzentrieren zu können. Das zumindest stellt der ÖVP-Klubobmann Donnerstagmittag unter Beweis. Mit Präzision führt er die Eiskugerl-Kelle in den Speiseeis-Behälter, formvollendet platziert er die Schokokugel in die Mitte des Stanitzels. Punktlandung. Schüssel strahlt die Pensionistin vor sich an, die strahlt ehrfürchtig zurück: Wahlkampfauftakt für das einstige (und wie manche meinen, immer noch einzige) Zugpferd der ÖVP im Ekazent in Wien-Hietzing, in seinem Wahlkreis Wien-Südwest, wo rund 200.000 potenzielle Wähler zu Hause sind.

Ein älterer Mann drängt nach vorne: "Wenn Sie noch wären, wäre die ÖVP auf Liste 1." Das ist zwar historisch unscharf, aber wer mag ihm heute widersprechen? Schüssel jedenfalls nicht. Er ist heute so, wie sich seine Mitarbeiter den idealen Wahlkämpfer träumen: leutselig, aber nicht distanzlos, aufmerksam, aber nicht aufdringlich. Schüssel bleibt sogar brav "on the message": „Gratis-Eis für einen kühlen Kopf im heißen Wahlkampf!" Vorbeischlendernde Pensionisten, eine Schulklasse auf Ausflug und Parteisympathisanten danken es ihm mit Aufmunterungen: "Das wird schon", "So schlecht ist er gar nicht, der Molterer", "Der Faymann heißt auch nix". Wolfgang Schüssel kann dem nur vollinhaltlich zustimmen.
Sogar für die Journalisten hat Schüssel einen väterlich-verständnisvollen Tonfall parat: Nein, im Wahlkampf seien bis dato keine Fehler gemacht worden. Kein Grund zur Beunruhigung, die SPÖ hebe in den Umfragen auch nicht ab. Das ÖVP-Tief sei ein vorübergehendes, Molterer werde das im Nu aufholen: "Er war großartig in der TV-Debatte mit Strache."

Er, Schüssel, habe das "gute Gefühl", dass in der Partei mittlerweile alle wüssten, "dass es um die Wurst" gehe. Und zur Garnierung noch eine kleine Spitze gegen Wirtschaftskammerchef Christoph Leitl, der über den Koalitionsbruch ja alles andere als erbaut gewesen ist: Von dessen Forderung, die Konsumenten heuer noch mit 700 Millionen Euro zu entlasten, hält Schüssel nichts: "Ja zur Steuerreform, aber nur als Gesamtpaket." Das Verteilen teurer Wahlzuckerl sei nicht Stil der ÖVP: "Wir sind vergleichsweise bescheiden."
Aus ÖVP-Sicht ist der Wahlkampfauftakt nach rund einer Stunde politisch korrekt abgelaufen: Pistazieneis (Grüne) ging mäßig, Erdbeer (SPÖ) so làlà, Amarena (FPÖ) und Stracciatella-Marille (BZÖ) fast gar nicht - und von der Schokolade (ÖVP) ließen die Gratis-Eisesser fast nichts übrig.
Welche Eiskugel-Koalition sei für ihn, Schüssel, der Gipfel der Genüsse? "Viel Schokolade, ein bisserl Zitrone, aber das gibt's leider nicht." Ein Schüssel bleibt sich eben auch beim Eisessen treu. (Petra Stuiber, DER STANDARD, Printausgabe, 5.9.2008)

  • Wolfgang Schüssel zeigte am Donnerstag seine Schokoladenseite: Beim "politischen Eisessen" in Hietzing warb der Ex-Kanzler mit warmen Worten für seinen Nachfolger und bedachte Kritiker mit Kälte.
    foto: der standard/urban

    Wolfgang Schüssel zeigte am Donnerstag seine Schokoladenseite: Beim "politischen Eisessen" in Hietzing warb der Ex-Kanzler mit warmen Worten für seinen Nachfolger und bedachte Kritiker mit Kälte.

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