Hybridwesen: Künstlerforscher

6. Oktober 2008, 16:41
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Die Erfindung scheint das Bindeglied zwischen den "zwei Kulturen", also Wissenschaft und Kunst, zu sein: Künstler als Forscher und Forscher als Künstler

Künstlerforscher oder Forscherkünstler - Je nachdem auf welchen Teil seiner Arbeiten man den Fokus legt, Leonardo Da Vinci gilt als Schlüsselfigur in der Beschäftigung mit den "zwei Kulturen". Gemeint ist damit die Schnittstelle zwischen den beiden Welten der Naturwissenschaft und der Künste. Gleich an mehreren Stellen stützt sich das Buch Artists as Inventors - Invertors as Artists auf den Renaissancekünstler und Erfinder, der durch seine unzähligen Manuskripte, naturwissenschaftlichen Beobachtungen und Analysen der menschlichen Anatomie mindestens genauso bekannt wurde, wie durch die Darstellung des letzten Abendmahls (Il Cenacolo).

Umbrüche

Anhand historischer und aktueller Beispiel geht der bei Hatje Cantz erschienene Sammelband den Bezügen zwischen Kunst und dem Ingenieurwesen nach. Im Gegensatz zum herkömmlichen Umgang mit diesem Thema wird aber hier nicht versucht ein lineares Geschichtsbild nachzuzeichnen, das sich am Fortschritt der Technik festmachen lässt. Wie die Herausgeber Dieter Daniels und Barbara U. Schmidt vom Linzer Ludwig Boltzmann Institut für Medien. Kunst. Forschung. im Vorwort zum Buch feststellen, wird exemplarisch auf jene Paradigmenwechsel eingegangen, die die Kunst- genauso wie die Technikgeschichte prägen.

Das Buch umfasst insgesamt acht Beiträge von KünstlerInnen, KunsthistorikerInnen und AutorInnen: Bekannte Erfinder wie Samuel Morse und Luis Daguerre werden im Kontext Neuer Medien verorten, genauso wie Parallelen zwischen der Forschung Galileo Galileis mit dem Teleskop und heute gebräuchlichen Navigationssystemen wie GPS gezogen. Zusätzlich zu diesen Aufsätzen finden sich in der Publikation Interviews mit ZeitgenossInnen wie etwa Paul DeMarinis, Amy Alexander, Kirsten Pieroth und ein Gespräch zwischen dem 2004 verstorbenen Billy Klüver und Edward Shanken. Dadurch wird eine Brücke von der Renaissance bis in die Gegenwart medienkünstlerischen Schaffens geschlagen.

Archäologien

In einem Interview mit dem österreichischen "Medienarchäologen" Gebhard Sengmüller erfährt man, dass dieser - nach eigenen Angaben - Kunst für Künstler macht. Sengmüller, dem vor kurzem der Salzburger Preis für Medienkunst verliehen wurde, entwirft seit den frühen 1990er Jahren Apparate, "die andere Künstler verwenden können, um damit Kunst zu erzeugen." Bei Arbeiten wie A Parallel Image, Very Slow Scan Television oder Slide Movie stehen weniger die produzierten Inhalte, sondern die dafür benötigte Technologie im Zentrum seines Interesses. Bei Slide Movie etwa werden Sequenzen eines 35mm-Films in ihre Einzelteile, also in die 24 Bilder pro Sekunde zerlegt, um im Anschluss nach der Formel "Ein Bild pro Rahmen" auf einer Leinwand wieder rekonstruiert zu werden. "Ich erfinde Dinge, die möglicherweise früher einmal existiert haben könnten, es aber nicht getan haben", so der Künstler im Interview mit dem Titel Fictive Media Archeology.

Gebhard Sengmüller, Slide Movie (2007), Quelle: YouTube

Konzepte

Ähnlich syntagmatisch wie die Figur Leonardo Da Vincis treten in Artists as Inventors - Inventors as Artists auch frühe Protagonisten der Medienkunstgeschichte auf: Der Ingenieur Billy Klüver und der Künstler Robert Rauschenberg zeichnen gemeinsam für das Mitte der 1960er Jahre durchgeführte Forschungsprojekt Experiments in Art and Technology (E.A.T.) und die Performance-Reihe 9 Evenings: Theater and Engeneering verantwortlich. Der Meinung der Kuratorin Sylvie Lacerte zufolge, wird diesen historischen Begebenheiten von der aktuellen Kunstgeschichte aber zu wenig Bedeutung beigemessen und sie attestiert eine Leerstelle "in art history's recent chronicles". Ihr Aufsatz bringt die etwa zeitgleich florierenden konzeptuellen künstlerischen Strategien mit denen der Medienkunst zusammen. Im Gegensatz zur Konzeptkunst - so die Meinung der Autorin - konnte sich die Medienkunst aber nie am Kunstmarkt und somit auch nicht als Kuntsgattung etablieren. Ähnliche sozial-historische Bedingungen nennt auch Simon Werrett in seinem Text The Techniques of Innovation, um den Erfolg und das Durchsetzungsvermögen künstlerischer und/oder wissenschafticher Erfindungen von der jeweiligen Zeitepoche abhängig zu machen.

Kontexte

Durch den Verzicht auf eine vollständige Chronologie der Kunst- und Technikgeschichte können sich die in Artists as Inventors - Inventors as Artist vorgestellten künstlerischen und wissenschaftlichen Entwicklungen in den unterschiedlichsten Zusammenhängen immer wieder neu präsentieren. Insbesondere fällt auf, dass die AutorInnen ihre Thesen zur Medienkunst auf ganz konkrete Objekte und Begebenheiten anwenden und auf diese Weise auch den experimentellsten und utopischsten künstlerischen Apparaten und Erfindungen eine Berechtigung in der Wissenschaft einräumen - Auf diese Weise wird aus der viel besagten "Immaterialität" der Medienkunst konkretes Anschauungsmaterial zum Nach- und Weiterlesen. (fair, derStandard.at, 06.10.2008)

Weiterführendes:
Der Beitrag Sylvie Lacertes mit dem Titel "9 Evenings and Experiments in Art and Technology: A Gap to Fill in Art History's Recent Chronicles" ist online auf der Website der Daniel Langlois Foundation abrufbar.

  • Dieter Daniels und Barbara U. Schmidt, Artists as Inventors - Inventors as Artist, 240 S., ISBN: 978-3-7757-2153-0, 2008. Mit Beiträgen von u.a. Wolfgang Hagen, Katja Kwastek, Sylvie Lacerte, Simon Werrett
    cover: hatje cantz

    Dieter Daniels und Barbara U. Schmidt, Artists as Inventors - Inventors as Artist, 240 S., ISBN: 978-3-7757-2153-0, 2008. Mit Beiträgen von u.a. Wolfgang Hagen, Katja Kwastek, Sylvie Lacerte, Simon Werrett

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