"Viel zu viele unnötige Publikationen"

4. September 2008, 14:15
31 Postings

MUW-Forscher und "Science"-Mitherausgeber Jürgen Sandkühler zur Qualität wissenschaftlicher Veröffentlichungen und dem "maßlos überschätzten" Impact-Faktor

Wien - Kritik an "Häppchen-Publikationen" - möglichst viele wissenschaftliche Arbeiten mit wenig Inhalt in Fachzeitschriften zu veröffentlichen - übt Jürgen Sandkühler, Leiter des Zentrums für Hirnforschung an der Medizinischen Universität Wien (MUW). Nach dem Motto "Weniger ist mehr" sollten sich Wissenschafter vielmehr künftig wieder auf eine geringere Anzahl an Veröffentlichungen konzentrieren, dafür aber auf gehaltvollere Geschichten, meinte der zum wissenschaftlichen Herausgeber-Team des renommierten Magazins "Science" zählende Neurophysiologe. Das komme der Qualität der Arbeit zugute.

"Wir haben viel zu viele Publikationen, die unnötig sind. Wenn wir die Daten mehr zusammenfassen würden, wenn wir größere Geschichten erzählen würden, wenn wir nicht mehr an der Zahl der Publikationen gemessen würden, sondern an der Qualität der Daten", dann würde das dem einzelnen Forscher auch Vorteile bringen: Die Zitierhäufigkeit seiner Arbeiten würde steigen.

"Impact-Faktor"

Auf die Beurteilung von Forschern wirkt sich u.a. der "Impact-Faktor" von Fachzeitschriften (gibt an, wie häufig Arbeiten aus einer Zeitschrift in anderen Zeitschriften zitiert werden) aus, in denen sie publiziert haben. Diesem Maß zufolge zählen die US-Fachzeitschrift "Science" und ihr britisches Pendant "Nature" zu den bedeutendsten Publikationen auf dem Markt. "Der Impact-Faktor ist einfach deshalb so populär geworden, weil er eine leicht handhabbare, quantitative, schwer manipulierbare Größe ist", so der MUW-Forscher. Auch wenn der Impact-Faktor in Genauigkeit und Aussagekraft "maßlos überschätzt" würde, so sei er zeitgemäß.

Es gebe so viele Zeitschriften, aber auch Fächer und Fachbereiche, dass man die Qualität der publizierten Arbeiten kaum mehr einschätzen könne. Der einzelne Wissenschafter, der Gutachter oder das Berufungskomitee an der Uni könne nur schwer aufgrund eigener Erfahrungen beurteilen, wie das derzeitige Ansehen einer Zeitschrift tatsächlich sei.

Marktbereinigung

Die Forscher wieder zum Erzählen der großen, gehaltvolleren Geschichten zu bringen, sieht Sandkühler unproblematisch: "Man kann im Grunde dieses Verhalten ganz leicht steuern. Wir haben inzwischen eine leistungsorientierte Mittelvergabe, in die auch die Impact-Faktoren der von einer Arbeitsgruppe publizierten Arbeiten eingehen." Schon bisher habe sich der Wissenschafter überlegen können, ob er den Impact-Faktor sammeln will, in dem er 15 Miniarbeiten oder ein bis zwei Großarbeiten veröffentlicht - mit dem selben Resultat.

Ergänzend dazu könne das Verhalten nun gesteuert werden, in dem nicht der gesamte Impact-Faktor einer Arbeitsgruppe eines Jahres in die Beurteilung einbezogen werde, sondern vielmehr nur jener "der drei, vier besten Arbeiten". Der Markt der Zeitschriften würde sich anschließend "selbst bereinigen" und wieder kleiner, so Sandkühler.

"Das Beste vom Besten"

Mit rund 15.000 Einreichungen pro Jahr zählt die Zeitschrift "Science" zu einem begehrten Publikationsmedium: Was hier eingereicht würde, ist für Sandkühler schon "das Beste vom Besten". Man merke den Arbeiten an, "dass sie mit viel Herzblut und Liebe zum Detail verfasst wurden. Und daraus noch die Allerbesten auszuwählen, ist manchmal eine sehr schwierige und immer eine verantwortungsvolle Aufgabe", so der Neurophysiologe.

Wie bereits im Jahr 2007 wurde Sandkühler auch heuer wieder in das aus insgesamt rund 150 Mitgliedern bestehende "Board of Reviewing Editors" von "Science" gerufen. Die Funktion der nicht-hauptamtlichen Herausgeber als Vertreter der einzelnen Fachrichtungen ist, die Kompetenz und Expertise der hautberuflichen Herausgeber zu unterstützen. Die Zustimmung der wissenschaftlichen Editoren ist die erste Hürde, die es auf dem Weg zu einer Publikation in "Science" zu nehmen gilt. So empfehlen sie den Chef-Editoren eingereichte Arbeit zum intensiven Review-Prozess sowie Gutachter. Im Zuge seiner Herausgebertätigkeit erreichen Sandkühler zwischen drei bis zehn Arbeiten pro Woche.

>>>>> Mehr zu den Wissenschaftsmagazinen "Science" und "Nature"


Rund 15.000 Einreichungen erreichen das US-Wissenschaftsmagazin "Science" jährlich, doch nur wenige werden auch tatsächlich abgedruckt: Rund 25 Prozent der Einreichungen schaffen es laut Sandkühler überhaupt in die der Veröffentlichung vorgeschalteten Begutachtung ("Peer Review") und "davon wiederum rund 20 Prozent in die Zeitschrift". Die Gesamtablehnungsquote liegt demnach bei 95 Prozent. Unter dem Strich macht das etwa 750 Arbeiten pro Jahr oder 15 in jeder wöchentlichen Ausgabe.

Mit "Nature" an der Spitze

Das Magazin "Science", ein Produkt der Non-Profit-Organisation American Association for the Advancement of Science (AAAS), gilt neben der britischen Fachzeitschrift "Nature", herausgegeben von der Nature Publishing Group und damit aus kommerziellem Hause stammend, zu den unangefochtenen Top-Journalen für Fachpublikationen in der Wissenschaft. Beide "Peer Review Journals" lassen die anderen Magazine beim "Impact-Faktor" (misst die Zitierhäufigkeit der in den Journals publizierten Beiträge) zurück und wechseln sich in der Gesamtführung ständig ab.

Die Impact-Faktoren von "Science" haben in den vergangenen Jahren zwischen den Werten 26 und 31 geschwankt, der Wert lag im Juni 2008 bei 26,372. Mit 28,751 hatte "Nature" zuletzt die Nase vorne. Zum Vergleich: Die "Proceedings of the National Academy of Sciences" (USA) hatten 2007 einen Impact-Faktor von 9,6, die "Wiener klinische Wochenschrift" 0,885.

Strenge Kriterien auch bei "Nature"

Das Flaggschiff der "Nature Publishing Group", u.a. auch Herausgeber von "Nature Nanotechnology", "Nature Genetics" und "Nature Chemical Biology", verfolgt ebenfalls strenge Auswahlkriterien. "Nature" hat laut Angaben auf der Website Platz für rund zehn Prozent der 170 pro Woche eingereichten Arbeiten. Im Jahr 2007 standen 10.332 Einreichungen nur 808 veröffentlichte Arbeiten gegenüber - 7,82 Prozent erschienen im Blatt.

Im Gegensatz zu der Zeitschrift "Science", die neben den hauptberuflichen Herausgebern ein wissenschaftliches Herausgeberteam mit Forschern aus der Praxis u.a. zur Beurteilung der Relevanz der Arbeiten berufen hat ("Board of Reviewing Editors" mit rund 150 Mitgliedern), beschäftigt "Nature" kein Herausgeberteam von "Senior Scientists". Die Entscheidung darüber, welche Arbeiten für eine breite Leserschaft interessant sein könnten, "wird von Natures Herausgebern getroffen". (APA)

  • Nach dem Motto 
"Weniger ist mehr" sollten sich Wissenschafter vielmehr künftig wieder auf eine 
geringere Anzahl an Veröffentlichungen konzentrieren, so Sandkühler.

    Nach dem Motto "Weniger ist mehr" sollten sich Wissenschafter vielmehr künftig wieder auf eine geringere Anzahl an Veröffentlichungen konzentrieren, so Sandkühler.

Share if you care.