Musikrundschau: Ewiges aus Österreich

4. September 2008, 16:38
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Aus der Underground-Musikszene der "Stahlstadtkinder, von höheren Dilettantismus im künstlerischen Schaffen der Rucki Zucki Palmencombo und Hellers Hosenröhren

Willi Warma: "Stahlstadtkinder" (Fisch Records/Hoanzl)

Actio et reactio. Nachdem der Sänger der Linzer Band Shy, Andreas Kump, Ende letzten Jahres in der famosen Chronik Es muss was geben die Entstehung der Underground-Musikszene von Linz Ende der 70er, Anfang der 80er aufgeschrieben hat, wird nun das Gesamtwerk jener Band erstmals auf CD veröffentlicht, mit der dort alles begonnen hat: die Musik von Willi Warma, einem Vierer, der sich im Neuland von Punk und New Wave und der dort gefundenen Freiheit mit gehobenem Dilettantismus austobte. Und mit Erfolg: "Das Publikum der Willi Warma waren die Mädchen. Ganze Schulklassen haben auf diese Band masturbiert", meint die Schauspielerin und Zeitzeugin Sophie Rois über den Sexappeal von Willi Warma. Diese holzten nicht bloß drei Akkorde, visionär früh wurde Reggae ebenso adaptiert wie einschlägig angesagte Literatur. Etwa Niemand hilft mir von Konrad Bayer - auch bekannt in der späteren Interpretation von Ronnie Urini auf dessen Album Aus den Kellern der Nacht. Das nun vorliegende remasterte Stahlstadtkinder-Album plus diversen Singles und Live-Aufnahmen ist mehr als bloß ein nostalgisches Dokument. Es klingt abgesehen von einigen naiven, dem damaligen Alter der Protagonisten geschuldeten Text-zeilen in seiner rauen Machart erstaunlich frisch und zeitlos. Man muss sich vor Augen halten, dass hier aus sehr wenig bis nichts etwas geschaffen wurde, das eine ganze Generation von nicht nur Stahlstadtkindern geprägt und verändert hat. Wie viele Bands können das in diesem Land von sich behaupten?

Rucki Zucki Palmencombo: Es kommt wie es kommt

Höherer Dilettantismus bestimmt auch das Werk der Rucki Zucki Palmencombo, die mit Rudi träumt von der Südsee einst nationale Bekanntheit erlangten. Sehnsüchtige Espresso-Schlager, in den Blues transformierte Wienerlieder oder mittels Quetsche matrosisch gedeutete Mitternachtsballaden werden in Herzblut getränkt und dementsprechend glaubhaft dargereicht. Dass Bernhard Tragut nicht der beste Tom Waits der Welt ist, macht dessen Emphase locker wet.

André Heller: "Bestheller 1967-2007" (Universal)

Von der besten Musikveröffentlichung André Hellers befindet sich nur ein Lied auf der stattlichen, 81 Lieder von 15 Alben auf vier CDs umfassenden Kompilation Bestheller: Nämlich Wean, du bist a Taschenfeitel vom Meisterwerk Heurige und gestrige Lieder, einem Wienerlied-Album, das Heller zusammen mit Helmut Qualtinger besungen hat und auf dem sie in dem noch zu entdeckenden Welthit Bei mir sads alle im Orsch daham feinfühlig ein Stück Wiener Seele sezieren. Gehört in jeden Haushalt. Bestheller durchmisst das Gesamtwerk Hellers, das vom manierierten Sprechgesang über den sensiblen Erzähler bis zum Massenbeweger der frühen Achtziger reicht. Dass manche Arrangements als Kinder ihrer Zeit heute etwas blutleer, oversynthesized und der ein wenig selbstverliebt missionierende Tonfall ein bisserl unmodern wirken, hält man aus. An der Mode haben sich vielleicht Hellers Hosenröhren orientiert, nicht jedoch seine Kunst. (flu, RONDO - DER STANDARD/Print ausgabe, 05.09.2008)

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    cover: fisch records/hoanzl
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