Dröhnung aus dem Ast

4. September 2008, 16:37
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Begleit­erscheinung urbanen Miss­vergnügens: Wenn er nicht gerade auf dem Surfbrett steht, spielt Xavier Rudd Stoner Rock mit Didgeridoo und kreuzt das Ganze mit Reggae

Sie zählen definitiv zu den Begleiterscheinung urbanen Missvergnügens: jene vornehmlich an den Hausmauern von belebten Einkaufstraßen kauernden Figuren, die meist in Gesellschaft unglücklich dreinblickender Hunden in jenes Holzrohr blasen, das man Didgeridoo nennt und das ursprünglich aus dem Norden Australiens und von den dort lebenden Ureinwohnern stammt. Transformiert in die, sagen wir, Wiener Mariahilfer Straße, bedeutet das, dass dieser auch Drone Pipe genannte Ast dazu verwendet wird, durch anmaßende Selbstermächtigung der Weltsprache der Musik an das Kleingeld von Passanten zu kommen. Dass ihr Gebläse meist wie ein schmerzvoll zur Welt gebrachter Schweinswind klingt, ist diesen Lippenfurzern egal.

Doch so ein Didgeridoo besitzt im Zusammenspiel mit anderen Instrumenten durchaus seinen Reiz. Das beweist wiederholt schon der aus Australien stammenden Xavier Rudd, der als Surfer auch gleich ins zweite hier zu strapazierende Klischee passt. Schließlich produziert Rudd eine Art Stoner Rock, also eine Genreform, die Ja zur Drone Pipe sagt - auch wenn diese Qualm statt Klang verströmt. Konsequenterweise saß beim neuen Album Dark Shades Of Blue des Multiinstrumentalisten dann auch Joe Barresi an den Reglern, dessen Arbeit für die Queens Of The Stone Age, also Säulenheilige im Fach des Stoner Rock, bestens bekannt ist.

Rudd sucht sein Heil jedoch weniger in der harten Dröhnung, sondern erweist sich vielmehr als zärtlicher Smokie, der tief bluesende Rockstücke mit Reggae-Charakteristika kurzschließt - oder aber verhallte, mit dem Gesang der Aborigines angereicherte Stücke entwirft, in denen er in aller Schönheit sein helles Organ erklingen lässt. Etwa im Song Guku, einem zärtlich wie leichtfüßig tänzelnden Song, in dem er auch die für seine Musik charakteristische Weissenborn Slide Guitar nur streichelt. Dieses sitzend und vornehmlich slide gespielte Instrument kennt man unter anderem von Ben Harper, es zeichnet sich durch einen besonders atmosphärereichen Klang aus - und lässt sich auch vorzüglich für die Erzeugung grimmiger Sounds einsetzen.

In dieser Funktion prägt es weite Teile von Dark Shades Of Blue. Zu den jaulenden Sounds soliert Rudd und hebt etwa im Titelstück des Albums in einem Idiom an, das dem klassischen Hardrockgesang der 70er-Jahre nahekommt, also den Mond ein wenig anheult. Diesen Gesang lässt sich Rudd auch in den Reggae-Stücken nicht nehmen, die dadurch aus der Schunkelecke herausgelockt und in ein eigenartiges Crossover überführt werden, das möglicherweise nicht jedermanns Sache ist.

Rudd selbst sieht sich vor allem als Live-Künstler. Zu seinen Studioalben kommen auch einige Live-Dokumente, die seinen oftmals ausufernden Songs all den Platz einräumen, den so eine CD zu bieten hat. Live sitzt Rudd vor drei Didgeridoos, spielt gleichzeitig Gitarre und tritt eine Beatbox als Rhythmusinstrument. Das unterstreicht zwar das archaische Moment in seiner Musik, kann aber auf voller Distanz schon auch gehörig nerven.

Auf seinen ungleich konzentrierteren Studioarbeiten erweist sich der Umwelt- und Menschenrechtsaktivist aber nicht nur als talentierter Songwriter, sondern entwirft tatsächlich eine Ästhetik, die man so noch nicht gehört hat. Man muss schon an manche Aufnahmen von Kyuss denken - die Vorgänger-Band der Queens Of The Stone Age -, um auf ähnliche, wenn auch ungleich aggressivere Ergebnisse zu stoßen. Den Stein rocken jedenfalls beide sehr überzeugend. (Karl Fluch, RONDO - DER STANDARD/Printausgabe, 05.08.2008)

  • Xavier Rudd: Dark Shades Of Blue (Anti/Edel)
    foto: anti/edel

    Xavier Rudd: Dark Shades Of Blue (Anti/Edel)

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