Vorlesung, wickeln, lernen, spielen,...

8. September 2008, 15:42
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Wer während des Uni-Studiums Mama oder Papa wird, muss einiges umstellen, einiges einstellen, einiges erst lernen und vor allem sehr viel und gut organisieren

Zwischen acht und zehn Prozent der Studierenden sind laut Studierendensozialerhebung bereits Eltern. Die wenigsten davon allerdings schon vor Beginn des Studiums. "Die meisten Kinder, die wir betreuen, sind während des Studiums der Eltern zur Welt gekommen", erzählt Karoline Iber, Leiterin des Kinderbüros der Uni Wien, im Gespräch mit derStandard.at. "Und daraus ergibt sich auch schon die Besonderheit des Kinderbüros: wir betreuen sehr kleine Kinder. Die Kinder, die 18 Monate und älter sind, zählen bei uns schon zu den Großen."

Iber vom Kinderbüro kennt die Konflikte, mit denen jungen Eltern konfrontiert werden. "Viele der Studierenden werden unerwartet Eltern. Vielleicht sind sie auch die ersten im Freundeskreis und müssen sich alle Netzwerke selbst aufbauen. Außerdem kommt es oft vor, dass das Paar nicht zusammenwohnt und erst die Wohnsituation ändern muss. Dazu kommt, dass Studierende oft nicht im selben Bundesland sind, wie ihre Eltern und so das Familiennetzwerk, das bei der Betreuung der Kinder helfen könnte, aus räumlichen Gründen auch wegfällt." Das Kinderbüro bietet neben der Betreuung der Kinder auch Unterstützung in solchen organisatorischen Fragen.

Nicht viel Unterstützung benötigt

Jung-Mama Julia hatte da mehr Glück. Sie wurde während ihres letzten Studienjahres an der FH für Journalismus schwanger und hat ihren Sohn Jannik zwischen Diplomarbeitsabgabe und Diplomprüfung zur Welt gebracht. Sie ist froh, eine unkomplizierte Schwangerschaft gehabt zu haben. "Ich konnte eigentlich bis zum Schluss alles machen, mir war auch nie schlecht. Deswegen habe ich in dieser Zeit gar nicht wahnsinnig viel Unterstützung gebraucht." Was das Lernen betrifft, musste sie kreativ werden. "Oft war es zermürbend. Im Vorhaus habe ich Plakate aufgehängt. Sobald Jannik geschlafen hat, habe ich die Zeit zum Lernen genutzt und wenn er munter war, habe ich ihm aus den Büchern vorgelesen."

Julia sagt aber auch, dass sich mit ihrem Kind die Wertigkeiten verschoben haben. Die Diplomprüfung sei für sie vermutlich nicht ganz so wichtig gewesen, wie für viele andere. Trotzdem ist sie sehr froh, es gleich beim ersten Mal hinter sich gebracht zu haben. Ihre Familie, Freunde und Verwandten haben ihr von Anfang an das Gefühl vermittelt, dass sie sich auf das Kind freuen. Außerdem verdanke sie viel ihrem Freund: "Er war die wichtigste Unterstützung. Er hat sich, wie auch viele andere meine Zweifel und Jammerein angehört und mich getröstet." Alles in allem habe es wunderbar geklappt. "Ich bin stolz auf meinen Kleinen, er ist ein sehr fröhliches, ausgeglichenes und braves Kind."

Kaum alleinerziehende Väter

"Es gibt viele aktive Väter, das ist bei uns gut gemischt", sagt Iber zum Geschlechterverhältnis der jungen Eltern. Allerdings gehe die Zahl bei den Alleinerziehenden stark auseinander. Nur zwei der Väter, deren Kinder in den vergangenen fünf Jahren vom Kinderbüro betreut wurden, waren alleinerziehend.

In "Eltern schaffen Wissenschaft", einer Broschüre über und für studierende Eltern, stellt das Kinderbüro der Uni Wien unter anderem Lebensmittel- und Biotechnologiestudent und Vater Bernd vor. Für ihn war vor allem die erste Zeit schwierig: "Als ich davon erfahren habe, war es sicher nicht besonders erbauend für mich – wir hatten beide weder eine finanzielle Absicherung noch eine abgeschlossene Ausbildung. Für mich fiel eine Welt zusammen." Zu der Zeit hatte Bernd noch bei seinen Eltern gewohnt, war beim Bundesheer und hat von der Schwangerschaft seiner Freundin nur wenig mitbekommen. "Außerdem hatten wir während dieser Zeit leider keinen besonders guten Draht zueinander", erzählt er.

Dass er sich trotz der Hürden dafür entschieden hat, zu seinem Kind zu stehen, hat sich gelohnt. "Mittlerweile kann ich sagen, dass es eine rundum positive Erfahrung für mich war. Worauf ich dann natürlich sehr stolz war: Miriam kam genau am Vatertag zur Welt!"

"Planungen können nicht funktionieren"

Auch Medizinstudentin Cornelia wird in der Broschüre vorgestellt. Ihre Schwangerschaft und schließlich Elternschaft haben sie dazu bewegt, die Karriere abzubrechen und zu studieren zu beginnen. Von Seiten der Uni hat sie sich dabei immer unterstützt gefühlt: "Die ProfessorInnen waren sehr verständnisvoll. Wenn ich mit ihnen geredet und meine Situation geschildert habe, wurde mir – wenn es möglich war – immer die nötige Flexibilität zugestanden."

An Ratschläge, die man an werdende Eltern weitergeben kann, glaubt Cornelia nicht: "Jede Planung, die man vornimmt, bevor das Kind da ist, kann nicht funktionieren! Kinder sind kleine Persönlichkeiten, die ihre Eigenarten haben und die man erst kennen lernen muss, um irgendetwas zu planen. Man sollte die Kleinen beobachten, sie verstehen lernen, in sich hineinhören, eine Symbiose herstellen in der Familie und die Gegebenheiten auf die Bedürfnisse abstimmen." (Sophie Preisch, derStandard.at, 8.9.2008)

Studieren mit Kind:

 1980 waren sechs Prozent aller Studenten und Studentinnen in Österreich Eltern, 1998 ist dieser Anteil bereits auf 11,5 Prozent angestiegen. Seither sind die Zahlen geringfügig rückläufig, so waren 2002 wieder etwas weniger (10,8 Prozent) aller Studierenden Eltern. Sieht man sich die Geschlechterverteilung an, so haben Frauen mit 11,5 Prozent etwas häufiger als Männer (10,1 Prozent) Kinder. ("Eltern schaffen Wissenschaft", Broschüre des Kinderbüros der Universität Wien)

Links:

Kinderbüro der Uni Wien: kinder.univie.ac.at

Informationen der ÖH: www.oeh.ac.at

  • Lernen und studieren mit einem Kleinkind erfordert oft Ideenreichtum und Kreativität.
    Foto: Kinderbüro Uni Wien

    Lernen und studieren mit einem Kleinkind erfordert oft Ideenreichtum und Kreativität.

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